Sieben
Jahre.
Roman von Peter Stamm (2009, S. Fischer).
Besprechung von Christoph Schröder in der
Frankfurter Rundschau,
11.8.2009:
Peter Stamms "Sieben Jahre"
Das
bedrohliche Gefühl von Freiheit
Irgend etwas stimmt nicht in der Beziehung von Sonja und Alex, dem Ich-Erzähler. Es rumort, es gärt: "Hörst du auf, andere Leute herumzukommandieren!", sagt Alex zu seiner kleinen Tochter; "von wem sie das wohl hat, sagte Sonja. Sie biss sich auf die Lippen und schaute kurz auf den Boden." Mitten hinein wirft uns Peter Stamm gleich zu Beginn seines neuen Romans in eine unter der Oberfläche brodelnde Krise, die, wie man ahnt, mehr ist als nur die einer Beziehung. In raffiniert inszenierten Rückblenden erzählt er die Vorgeschichte. "Sieben Jahre" ist ein höchst irritierendes, ja beklemmendes Buch. Peter Stamms mittlerweile vierter Roman ist wohl sein bestes Werk in einer Reihe von sehr guten.
Einen Zeitraum von knapp 20 Jahren umspannt der Roman, vom Jahr 1989 als die beiden Architekturstudenten Alex und Sonja sich in München kennen lernen, bis in die Gegenwart hinein. Ihre Auffassungen von Architektur sind diametral entgegen gesetzt: Während Sonja die klassische Moderne und deren Vision von einem sozialen Wohnen für alle schätzt, ergeht Alex sich in Gedanken zu organischen Formen, die sich quasi an ihre Bewohner heranschmiegen: "Ein Wohnraum ist vor allem ein Zufluchtsort. Er muss Schutz bieten vor dem Wetter, vor der Sonne, vor feindlichen Menschen und wilden Tieren. Sonja lachte und sagte, dann könne ich ja gleich in eine Höhle ziehen."
Was die beiden jedoch zunächst eint, ist die Herangehensweise
an das, was man Lebensplanung nennt: die eigene Biografie bekommt den Charakter
eines Projekts, das entwickelt und voran getrieben werden muss. Liebe ist es
nicht, was sie verbindet. "Vielleicht", so überlegt Alex im Nachhinein,
"funktionierte unsere Beziehung ja gerade, weil wir uns nie wirklich
nähergekommen waren."
Sonja ist schön, aus konservativem Elternhaus, sexuell ein wenig verklemmt,
emotional schwer bestimmbar, doch insgesamt ehrgeizig und engagiert. Eine Frau,
mit der man eine Zukunft aufbauen kann, was Alex in der Indifferenz einer
typischen Stamm-Figur auch tut. Ein Kind ist vorgesehen, ein Eigenheim
erwünscht, doch beides kommt nicht so recht voran. So weit, so alltäglich. Doch
Peter Stamm geht es in "Sieben Jahre" nicht um die Tristesse einer auf bloßes
Funktionieren angelegten Paarbeziehung, nicht nur. Er erzählt auch die
Geschichte einer geradezu dämonischen Besessenheit.
Eines Tages, noch zu Studentenzeiten, lernt Alex im Biergarten eine Polin
kennen, Iwona, ein wenig älter als er selbst, nicht gut aussehend, nicht
charmant, schon gar nicht klug, aber streng katholisch. Sie wird Alex´ Geliebte
werden und auch bleiben, auf eine nicht fassbare Weise. Unvermittelt und bereits
nach kurzer Zeit sagt Iwona Alex, dass sie ihn liebe, und von nun an stellt sich
die Frage, wer hier Macht über wen hat. Es ist ein Geflecht von Demütigungen,
Selbsterniedrigungen und Machtverhältnissen, in dem sich die Beziehung von Alex
und Iwona einnistet. Und die Szenen, in denen Peter Stamm von den Begegnungen
der beiden erzählt, sind schwer erträglich: "Ich schloss die Tür hinter mir und
ging auf Iwona zu, die zurückwich, im Gesicht einen lauernden Ausdruck. Am
Fenster konnte sie nicht weiter, und ich nahm ihre Hände und küsste sie, küsste
die Handflächen und die weichen weißlichen Arme. Iwona wand sich ein wenig, dann
schien sie aufzugeben und zog mich weg vom Fenster. Sie ging rückwärts und stieß
gegen das Bett und legte sich hin, ohne mich aus den Augen zu lassen. Ihr Blick
war leer wie der eines Tieres. Ich legte mich auf sie und küsste sie wieder und
umarmte sie und tastete durch den weichen Stoff nach ihren Brüsten."
Peter Stamm gilt seit seinem Debütroman "Agnes" als ein Erzähler, der in einer
kühlen, distanzierten Sprache und mit wenigen Worten Abgründe auftun kann. So
groß wie in "Sieben Jahre" dürften die Abgründe noch nie gewesen sein. "Das
bedrohliche Gefühl von Freiheit" ist es, das Alex anzieht und zugleich aus der
Bahn wirft. Es ist, als würde man Zeuge einer neoromantischen
Schauer-Liebesgeschichte im modernen Gewand (nicht umsonst gehören zu Alex"
bevorzugter Lektüre Eichendorff und
Poe). Fast könnte man meinen, in Iwonas
Gegenwart würde Alex zu seinem eigenen Doppelgänger: "Es war, als sei ich in
diesem Raum ein Anderer, als würde ich zu einem Gegenstand in Iwonas planloser
Sammlung zugleich gehüteter und vernachlässigter Dinge."
Alex und Sonja, beinahe so etwas wie ein Münchener Yuppie-Paar, treiben ihre
Karriere voran, Alex und Iwona bleiben auf eine merkwürdige Weise miteinander
verbunden. Als Sonja auf besonders verstörende Weise hineingezogen wird, erträgt
sie es scheinbar ungerührt, und Peter Stamm erzählt davon in seiner wunderbar
klaren Sprache, die dennoch immer wieder durchlässig ist für das bedrohliche
Potenzial ihrer Geschichte, noch dazu und teuflischerweise aus der Perspektive
von Alex, als könne all das gar nicht anders sein, als unterliege es einem
unverrückbaren Naturgesetz. So variabel in Zeit- und Raumebenen, so
vielschichtig in den Motiven, so doppelbödig im Wechselspiel von Banalem und
Bedeutsamen ist Peter Stamm noch nie gewesen wie in diesem hervorragenden Buch.
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