Shop Talk. Ein Schriftsteller, seine Kollegen und ihr Werk
Roman von Philip Roth (2004, Hanser - Übertragung Bernhard Robben).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 5.5.2004:

Senfkorn-Connection
Was die Kollegen denken: Philip Roth hat Gespräche geführt

Eines der zentralen Themen des 20. Jahrhunderts zieht sich wie ein roter Faden durch die Interviews und Briefwechsel, die Philip Roth mit Kollegen geführt hat: der Totalitarismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen. Das versteht sich gewissermaßen von selbst. Etwas anderes aber kommt hinzu, und das ist vielleicht überraschender, weil es im Widerspruch zu jenem düsteren Generalthema zu stehen scheint: keine Ideologie, sondern eine Geisteshaltung, eine Weltanschauung, ein Menschenbild, eine Überlebenstechnik, ein ästhetisches Programm - der Humor. Dr. Franz Kafka, der selbst kein totalitäres System erfahren musste, abgesehen vom verinnerlichten Totalitarismus seines Vaters, war als literarischer Totalitarismusforscher zugleich ein begnadeter Humorist - nicht umsonst firmiert dieser lebenslängliche "Sohn", kleine Paradoxie am Rande, als Übervater fast der gesamten Spätmoderne.

Der Gulag neben dem Garten Eden

Philip Roth und Milan Kundera, beide ausgemachte Humoristen, beide erklärte Kafka-Jünger, sind sich einig. "Wie wichtig Humor ist", bemerkt der Tscheche, "habe ich während des stalinistischen Terrors gelernt. An der Art, wie ein Mensch lächelte, konnte ich unweigerlich erkennen, dass er kein Stalinist war. Seither habe ich entsetzliche Angst vor einer Welt, die ihren Sinn für Humor verliert." Roth spricht den Kollegen in dem Interview von 1980 auf dessen Bemerkung an, die Ära stalinistischen Terrors sei "die Herrschaft des Henkers und des Poeten". In der Tat lässt sich das Dilemma so beschreiben: "Wird der Traum vom Paradies Wirklichkeit", so Kundera, "trifft er hier und da auf Menschen, die ihm im Wege stehen, weshalb die Herrscher des Paradieses ein kleines Gulag neben dem Garten Eden errichten müssen. Im Laufe der Zeit wird dieses Gulag immer größer und vollkommener, während das angrenzende Paradies immer kleiner und ärmlicher wird."

Der 1931 in Prag geborene Ivan Klíma diskutiert in einem langen Gespräch, das er 1990 mit Roth führte, die politischen Implikationen von Kafkas Werk. Er bestreitet, dass es sich um "Prophezeiungen eines Genies" gehandelt habe. "Diese Werke beweisen nur", so Klíma, "dass ein schöpferischer Geist, der seine persönlichsten, tiefsten Erfahrungen widerzuspiegeln weiß, über das Persönliche hinausreichende, gesellschaftliche Sphären streift." Auf sein eigenes Schreiben bezogen stellt Klíma nun fest, dass er oft Konflikte beschreibe, in denen er sich gegen eine aggressive Welt verteidige, wie sie vom System verkörpert wurde. "Doch habe ich oft über den Konflikt zwischen mir und dem System geschrieben, ohne dabei zwangsläufig vorauszusetzen, daß die Welt schlimmer ist als ich." Was die Schärfe der Verurteilung des kommunistischen Regimes betrifft, sind sich Klíma und Roth gleichwohl einig. Kundera seinerseits, in seiner apodiktischen Art, lässt keinen Zweifel daran, dass für ihn der kommunistische Gedanke seine Perversion bereits vorwegnehme: "die Hölle steckt schon im Traum vom Paradies, und wenn wir das Wesen der Hölle begreifen wollen, müssen wir das Wesen des Paradieses untersuchen, aus dem sie hervorging."

Selbst Primo Levi, der von allen Gesprächspartnern die schlimmsten Erfahrungen gemacht und in seinem großartigen Buch Ist das ein Mensch? (1961) beschrieben hat, spricht mit einer erstaunlichen Nüchternheit über Auschwitz, die (geringen, vom Zufall begünstigten) Überlebenschancen dort, über das Bedürfnis nach "lavoro ben fatto", nach gut gemachter Arbeit selbst unter extremen Bedingungen. "Ich erinnere mich, dass ich mein Jahr in Auschwitz in einem Zustand außerordentlicher geistiger Lebendigkeit gelebt habe", stellt Levi 1986 fest. "Ich hatte einen intensiven Wunsch zu verstehen, ich wurde ständig von einer Neugier übermannt, die hinterher jemandem tatsächlich als zynisch erschien: der Neugier des Naturforschers, der sich in eine Umgebung verpflanzt sieht, die schrecklich ist, aber neu, auf schreckliche Weise neu."

Das Auschwitz-Buch, sagt Levi, der ein halbes Leben lang als Chemiker in einer Farbenfabrik gearbeitet hat, habe er "nicht mit einer definitiv literarischen Absicht" geschrieben: "Mein Modell (oder, wenn Sie das vorziehen, mein Stil) war der des Wochenberichts, wie er in Fabriken üblich ist: Er muss präzise sein, klar und in einer Sprache geschrieben, die jeder in der industriellen Hierarchie verstehen kann." Roth spricht Levi auf die Spannung an zwischen der Verwurzelung in der heimatlichen Region (Piemont) und dem Gefühl, als Jude "ein Salz- oder Senfkorn" in der Gesellschaft zu sein. Offensichtlich meint der Interviewer hier auch sich selbst. "In Ihren Büchern spüre ich einen deutlichen Senfkorngeschmack", gibt Levi zurück.

Die Angst ist ungeheuerlich

Ver- bzw. Entwurzelung ist ein weiteres übergreifendes Thema in Shop Talk, der auch Aharon Appelfeld und Isaac Singer, Bernard Malamud und Mary McCarthy zu Wort kommen lässt. Die irische, in London lebende Schriftstellerin Edna O'Brien sagt 1984: "Man muss das Land verlassen, wenn man die Wurzeln zu bedrohlich findet, zu hinderlich. Joyce behauptete, Irland sei die Sau, die ihre Ferkel fresse." Es gibt also auch die freiwillige Entwurzelung; allerdings habe keiner der großen irischen Ausgewanderten, ob Joyce oder Beckett, je sein "irisches Selbstverständnis" verraten.

Im übrigen testet Philip Roth den Humor der Kollegin, indem er sie ausgiebig nach ihrer Rolle als Frau und Intellektuelle befragt: "Was ist das Schwierige am Dasein einer Frau, die zugleich Schriftstellerin ist?" - "Ich glaube, auf Sie als Mann wartet in den Kulissen der Welt eine ganze Prozession von Frauen", hält O'Brien ihm entgegen. Schriftstellerinnen fehle dieser Bonus. "Wenn ich mich nicht irre, war es Dashiell Hammett, der sagte, er würde nicht mit einer Frau leben wollen, die mehr Probleme habe als er selbst." Aber letztlich sei die Arbeit doch dieselbe, unabhängig vom Geschlecht? - fragt Roth. "Vollkommen richtig", stimmt Edna O'Brien zu. "Sie und ich, wir versuchen, aus dem Nichts etwas zu schaffen, und die Angst ist ungeheuerlich."

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