1.)
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Shanghai
fern von wo.
Roman von Ursula Krechel (2008,
Jung und Jung).
Besprechung von JS für Amazon.de,
5.01.2009:
Die Spannung dieses Buches verbirgt sich nicht in seiner
Handlung, sondern in den wechselnden Stimmen des Erzählers in seiner auktorialen
Wendigkeit und eleganten Springlust quer durch die grausame Welt eines
vergessenen Exilelends. >Shanghai fern von wo< ist einer jener seltenen Romane,
die aus dem Sternenstaub von Archivdaten zusammengesetzt wurden. Entstanden ist
eine Montage aus Dokumenten und Erinnerungen von Juden, die ab 1938 in das
Schwarze Loch des >internationalen Settlements< Shanghai vertrieben wurden - ca.
18.000 Deutsche, die nicht ahnten, dass die NS-Schwerkraft bis nach China
reichte und sie, mit Unterstützung der verbündeten Japaner, auch dort noch immer
tiefer in den Abgrund ziehen sollte.
Franziska Tausig, die Erfinderin der Frühlingsrolle, der Buch- und
Informationenhändler Ludwig Lazerus, der Benjamin-Freund und Kunsthistoriker
Lothar Brieger, das Ehepaar Max und Amy Rosenbaum (Schaufensterdekorateur und
Handschuhmacherin), der Uhrmacher Ernst Kronstein, der Arzt Dr. Wolff - so
heißen die >Shanghailander<, wie sie sich selber nannten. Sie und andere sind
die Menschen des Romans, nicht die >Figuren<. Je länger man liest, umso mehr
schmeckt das Archiv hindurch - aber nicht als Staub oder Datenmenge, sondern als
lebendige Vergangenheit.
Eine wichtige Qualität dieses Romans ist, dass auf fast jeder der 500 Seiten der
Kampf um die Balance zwischen Inhalt und Form gewonnen wird, zwischen
Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen und einer Chronistenstimme, die keine ist,
weil sie Leben hat und Wärme. Es ist das glückliche Zusammentreffen einer Menge
nüchternen Materials mit der Lyrikerin Ursula Krechel. Überall klingt
sprachlich-musikalische Sorgfalt hindurch: Die Beschreibung einer ehelichen
Szene etwa wird zu einer Art Trostgedicht in Prosa, in welchem der Mann, beladen
mit den alltäglich zu ertragenden Demütigungen und Enttäuschungen in das
dürftige Zuhause zurückkehrt und nichts besitzt außer der Liebe zu seiner Frau,
die bis auf weiteres für ihn lebensrettend ist.
Der Poesie von Ursula Krechel gelingt es, das Archiv den Weg zurück ins Leben
finden zu lassen. Der Chronist hat eine Dichterinnenstimme. Ludwig Lazerus, so
liest man, habe gesagt: >Der Mensch muß ein großes Herz haben, damit ein Schiff
darin wenden kann.< Das Schöne an diesem Satz ist, dass der Leser genau in der
Mitte des Buchs (wo ein Schiff getrost wenden kann) nicht mehr wissen möchte, ob
die Worte dem Archiv entnommen oder erfunden wurden. So soll es sein!
Wer hofft, das Jahr 1945 brächte den Shanghailandern ein Ende ihres Elends, irrt
gewaltig. Lothar Briegers Rückkehr nach Berlin am Ende des Romans ist die
vielleicht bedeutungsschwerste Passage. Notorisch unfähig, sich ihrer Schuld
bewusst zu werden, behindern die zuständigen Protagonisten der jungen, sich
spreizenden Bundesrepublik die Rückkehr und Entschädigung der Naziopfer. Und
obwohl sich diese Dinge im Roman vor Jahrzehnten zutrugen, gewinnt das Buch an
seinem Schluss eine beklemmende Aktualität: Der Leser entsinnt sich der
Peinlichkeiten um Entschädigungszahlungen an die wenigen noch lebenden
NS-Zwangsarbeiter - und vergleicht die Summen mit den Zahlen unserer
Krisengegenwart!
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2.)
Shanghai
fern von wo.
Roman von Ursula Krechel (2008,
Jung und Jung).
Besprechung von
Joe Rabi aus Rezensionen-online
*bn*, 2008:
Ein außergewöhnliches und beeindruckendes Buch über jüdisches Exil in Shanghai. (DR)
Überleben in Shanghai. Rund 18.000 Juden, viele von ihnen aus Wien und Berlin, fanden vor dem Naziterror ausgerechnet in Shanghai Zuflucht, weil Shanghai ohne Visum auf dem Seeweg zu erreichen war und weil Shanghai ebenso gut war wie jeder andere Ort auf der Welt zum Überleben. Oder ebenso schlecht. "Jeder Tag war ein Überlebenstag", so einer der verblüffend präzisen Sätze dieses Romans, und nur das zählte für Franziska Tausig, Ludwig Lazarus und all die anderen, die uns Ursula Krechel in einem furiosen Kaleidoskop vor Augen führt. Menschen mit ihrer Geschichte, mit Wünschen und Träumen und Ängsten, reduziert auf die nackte Existenz inmitten tausender Gestrandeter und Davongekommener.
Es ist schlichtweg faszinierend, wie die vielen Stimmen, die aus diesem Buch sprechen und die sich überlagern und überschneiden und kommentieren, ein einziges farbiges Bild ergeben. Und so taucht man ein in das vielstimmige und lärmende Shanghai, in die große Erzählung von Exil und Hoffnung und Verzweiflung am anderen Ende der Welt, und wenn man wieder auftaucht nach Stunden und Tagen des Lesens, dann mit dem Gefühl, reicher geworden zu sein durch diese Lektüre, reicher und um so manche Illusion ärmer.
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