Shakespeares Hühner.
Erzählungen von Ralf Rothmann (
2011, Suhrkamp).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 13.4.2012:

Britta HeidemannSterne tief unten
Ralf Rothmanns neuer Erzählband „Shakespeares Hühner“ erzählt von jenen, die am Boden um Krümel kämpfen

Ein Café in Paris, ein japanisches Kloster, eine Berliner Trabrennbahn – und das nördliche Kohlerevier, damals, in den 60ern. So ganz kann Ralf Rothmann, Jahrgang 1953 und aufgewachsen im Ruhrgebiet, den frühen Staub nicht abschütteln: Das Stück Revier-Geschichte in ihrer Mitte verankert die welt- und weitläufigen Stories in Rothmanns neuem Erzählband, so sehr es den Wahlberliner (seit 1976 !) in die Welt hinaus ziehen mag.

Kann man einen, der so lange wech is’, noch literarisch eingemeinden? Gibt es noch etwas Typisches in Rothmanns Prosa? Die Revier-Geschichte selbst („Alte Zwinger“) erscheint ja fast übertypisch: Nahe der Zeche Prosper trifft ein Junge, Timtim gerufen, auf den älteren Raskin – Raskin, der mit der vom Leben ramponierten Frau Morian eben nicht „poussiert“, sondern „fickt“. In wenigen Sätzen holt uns Rothmann zurück in die rußumstürmte, drangvoll enge Welt seiner Jugend, die er von „Stier“ bis „Milch und Kohle“ im Förderkorb der Erinnerung sorgsam aushob. Dass Frau Morian dann schon tot ist, als auch Timtim bei ihr zum Mann werden soll, dass Raskin Timtims Hand an ihre leblose und dennoch erstaunlich weiche Brust zwingt, ist ein schockierend schönes Sinnbild auch fürs Siechtum des Reviers.

Zuletzt hatte Rothmann mit dem arg gewollten, arg konstruierten Roman „Feuer brennt nicht“ enttäuscht, mit der zu saftig geratenen Sexualität eines übers Alter lamentierenden Protagonisten. Hier nun findet er zu sich selbst zurück. Noch immer kreist er (auch) ums Körperliche, umspielt aber die Erhebungs- und Enttäuschungspotenziale der Erotik dezenter. Da führt eine von Jugendlichen geplante Orgie in einem Hotel der Ostsee zu unerwarteter, berührender Nähe, findet ein gelangweiltes Paar in einem japanischen Kloster zu einem ekstatischen Sex-Pur-Moment.

Das Verbindende und zugleich das Reviertypische der Geschichten sind Protagonisten, die über sich hinauszuwachsen suchen – gegen das Mittelmaß, diesen „Ist doch schön hier“-Stupor. Und die oft doch hinter ihrem eigenen (Rollen-)Bild zurückbleiben: In „Othello für Anfänger“ reisen zwei junge Frauen durch Frankreich, im Schultheater waren sie Othello und Desdemona, jetzt entzweit sie eine ungleich kleinmütigere, billigere Eifersucht. Was bei Shakespeare noch Helden waren, „Hünen“, das sind heute: Hühner. Die Wortverwechslung passiert einer der beiden bei der Lektüre zum Stück; doch hat die „Schusseligkeit“ eine eigene Logik – wir „machen ein unglaubliches Gegacker um lauter Kram“.

Rothmann erzählt von denen, die am Boden um Krümel kämpfen, ohne sich je ans Milieu anzubiedern – sprachkräftig, lebenstrunken. „Sterne tief unten“ heißt die hoffnungsvollste der Stories, voller Glanz der Größe im Kleinen. Wenn am Ende Hilfsarbeiter Oswald unvermittelt im Wohnzimmer von Kassiererin Jana landet, dann beginnt ein Pas de deux rund um die Fertigpizza, der mehr über die Abgründe von Angst und Hoffnung offenbart als manches Hünen-Epos.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0412LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Westdeutsche Allgemeine