Sexy.
Jugendroman von Joyce
Carol Oates (2007, Hanser - Übertragung Birgit Kollmann).
Besprechung von Angelika
Overath in Neue
Zürcher Zeitung vom 4.4.2007:
Sportler der Angst
Der Jugendroman «Sexy» von
Joyce Carol Oates
Darren Flynn ist 16 Jahre alt, attraktiv und schüchtern. Er zieht die kichernden Mädchen seiner Klasse an, aber auch junge Frauen und Männer. Dabei fürchtet er ständig, fremde Erwartungen zu enttäuschen. Er fühlt sich lange nicht so schön, wie er den anderen erscheinen mag, und seine Leistungen in der Schule sind zu wenig erfolgversprechend, als dass er sicher sein dürfte, den Ansprüchen seines Vaters gerecht zu werden. Sein Vater, ein kleiner Angestellter beim Bauamt, will stolz auf ihn sein, stolzer, als er es auf seinen Bruder sein kann, der nach dem College-Besuch nun Kies ausfährt. Auch die Wörter, die Darren immer öfter überfallen, beunruhigen ihn: ficken, bumsen, blasen. Weil sie ihn erregen, ekeln sie ihn, ebenso, wie es ihn ekelt, wenn er an fremden Blicken spürt, dass er zum Objekt der Begierde taugt. Das Training lenkt ihn ab. Er ist ein begabter Schwimmer und Springer. Aber gerade wenn er wirklich gut ist, sagt der Trainer, er traue ihm zu, noch besser zu sein. Darren Flynn, blond, begabt, beliebt, steht unter permanentem, massivem Stress. Als er begreift, dass sein Englischlehrer sich in ihn verliebt hat, gerät er in Panik und Wut und kann einer Rache-Intrige, die seine Kameraden gegen den Lehrer anzetteln, nicht mutig begegnen. Darren ist Sportler; er will keiner sein, der Freunde verrät, aber vielleicht will er vor allem keiner sein, der für homosexuell gehalten wird. Fürchtet Darren Flynn, es zu sein?
Joyce Carol Oates erzählt die Geschichte eines Jugendlichen aus bravem, engem Elternhaus, der aus wilder Scham und falsch verstandener Solidarität mitverantwortlich wird für den Tod eines durch Verleumdungen in die Enge getriebenen Lehrers. In einem mitreissenden psychologischen Countdown skizziert die Autorin, wie sexuelles Begehren und Angst vor Geschlechtlichkeit im Milieu einer besseren amerikanischen Schule aufbrechen zu sozialer Barbarei. Wunderbar, wie sie das flirrende, unsichere, ja gehetzte Denken und Empfinden des nach aussen so souveränen Darren einfängt. Jugendliche werden das spannende Buch verschlingen, Eltern von Jugendlichen könnten an ihm etwas über ihre Kinder lernen.
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