Sevilla.
Roman von Nina Jäckle (2010,
Berlin-Verlag).
Besprechung von Beatrix
Langner in Neue
Zürcher Zeitung vom 15.05.2010:
Wer Nina Jäckles Prosatexte kennt, erkennt die sparsame Szenerie, den stark gestischen Duktus ihrer ersten drei Bücher wieder ( «Es gibt solche», «Noll», «Gleich nebenan»). Diese Dramatik ist dem absurden Theater sehr verwandt; ein psychologisches Spiel auf nahezu leerer Bühne. Einziger Darsteller: die Sprache, ein träger Fluss, aufgestaut in Zeiteinheiten, in formelhaften Sätzen, die sich in Wiederholungen und liturgiehaften Mäandern zu Figuren der Trostlosigkeit formen, hier: zum inneren Monolog einer Frau, die nichts tut als warten. Das Zwanghafte dieses Tuns überträgt sich auf das innere Sprechen, oder vielleicht ist es auch umgekehrt. «Ich weiss nicht, wie man sich Gewissheit zur Verfügung stellt, nicht in diesem Moment, nicht hier, und ich werde auch zum zwanzigsten oder zum dreissigsten Mal an den Platz kommen, ich werde immer wieder den Leben der anderen zusehen . . .»
Diese Ungewissheit teilt sich dem Leser durch Rhythmus und Stockung mit. Psalmodierend zieht es durch den Text. Breite Leerräume trennen die Absätze. Seitenweise weisses Nichts. Ein von innen verunmöglichtes Erzählen schwankt lange, ob es Prosagedicht oder Rollenprosa werden will. Links geht's zur Kunstparabel, rechts zum Krimi. Alles ist noch möglich. Vage erscheint im Hintergrund ein Mann, vielleicht ihr Liebhaber aus Deutschland? Das Warten erweist sich als Teil eines Plans, der Zwang als auferlegtes Sprechverbot. Ein zweiter Mann taucht auf, ein Spanier, der Rivale?
Falsch geraten! Diese wundervolle Geschichte eines untergetauchten Gaunerpärchens (und mehr soll hier auch gar nicht verraten werden) erzählt das Drama der Existenz als Sprachdrama und listiges Abenteuer des Davonkommens. «Noch fehlen mir die Sätze, mit denen ich Menschen auf meine Seite bringe, noch fehlen mir die Worte, um mich ihnen zu beschreiben, noch fehlt mir die Eile, in der ich von einem Ort zum anderen zu gehen habe, um Pflichten zu erledigen, noch fehlen mir die Pflichten.» Wenn die Sprache verfügbar geworden sein wird, wenn das Spanische langsam den stockenden Fluss des Deutschen durchwächst und beschleunigt – zuerst einzelne Worte, dann Idiome, schliesslich ganze Sätze –, wenn sich die eigene und die fremde Sprache vermischen, ist Ankommen möglich geworden. Einzelne Gestalten lösen sich aus dem Suchbild der Stadt: der Wirt und sein Hund, die alte Nachbarin und Mercedes, die Freundin. Die Deutsche wird sich einrichten in der fremden Stadt, in einer «Sprache der Vermeidung». Sie wird die Last der Erinnerung mit ihrer Vergangenheit verschwinden lassen und damit die Schuld. Sie wird entkommen sein. «Und es funktioniert, man kann immer gehen, in jedem nächsten Moment kann man jede Tür hinter sich schliessen, man kann immer wieder alles zurücklassen, denn alles ist beliebig zusammensetzbar, jeder von uns ist das, was er vorgibt zu sein, einem plötzlichen Einfall, einem Zufall, einem Irrlicht folgend.»
«Sevilla» ist die Geschichte einer Trennung und eines ungesühnten Verbrechens, eine perfekt, klug und stilsicher geschriebene Variation auf ein altes Thema: wie sich das Ich in der Sprache immer wieder neu erfinden, aber auch jederzeit verlieren kann – ein Meisterwerk. Man kann es aber auch so sagen wie der junge Nai, die Titelfigur in «Nai oder was wie so ist», zeitgleich mit «Sevilla» bei Klöpfer & Meyer in Tübingen erschienen. «Fernsein heisst Gernsein heisst Hiergehtslang, heisst Sturmunddrang.» Der engelzarte Liederton dieser spröden, hochvergnüglichen Erzählung erinnert an Else Lasker-Schüler. Auch «Nai» ist eine Geschichte vom lebenslangen Abenteuer des Aufbruchs, in dem als Figuren «der Fänger», «die Rettung», «der innere Monolog» oder auch «die Einzigartigkeit» auftreten und dem kleinen Nai das Leben schwer- oder leichtmachen.
«Nai» lässt sich mühelos als Künstlernovelle oder sogar als ein kunstvolles Spiel mit Elementen des Nouveau Roman lesen, der gemäss Jean Ricardou nicht, wie der herkömmliche epische Roman, den «Bericht eines Abenteuers» bringe, sondern das «Abenteuer des Berichtens». In diesem Sinn sind «Nai» und «Sevilla» zwei Variationen auf ein Thema. Nina Jäckles Lebensweg erscheint wie der illustrative Beweis ihrer jüngsten Texte. Die 44-Jährige reist seit etlichen Jahren viel herum in Deutschland und Frankreich; sie wohnte in Hamburg, Wien, Paris, München, Neuenburg und Sevilla, dreht Filme, schreibt Hörspiele.
Wie beschreibt man aber eine Autorin annähernd richtig, die ganz offensichtlich mehr ist als die Summe ihrer fünf noch so meisterhaften Prosabände und es trotzdem immer noch schwer hat mit Verlagen, Bücherabsatz und Auflagenhöhe? Vielleicht am besten als eine Art von künstlerischer Existenz, die vor allem darauf bedacht ist, aus sich selbst weiter zu wachsen und ihren eigenen Weg zu gehen, die hellwach bleiben muss, um nicht in die Netze der Literaturmakler und literarischen Headhunter zu geraten wie der wanderlustige Nai, «und ist man also als Nai dem Fänger ins Netz gegangen, der nun mit Nais Kopf das Geld zu jagen gedenkt», dann hilft nur noch anhaltend kräftiges Schütteln, vorzugsweise desselben Kopfs.
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