Das Gatter von Günter Seuren, 1964, RotbuchZum Tode von Günter Seuren
von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 13.12.2003:

Wider den kalten Kern
Zum Tode von Günter Seuren

Auf einer undatierten Fotografie sieht man Günter Seuren als schätzungsweise vierzigjährigen Mann; blond, mit sympathischer, halblanger Mähne, die hellen Augen gleichzeitig zur Seite und nach Innen schauend, Typ Robert Redforf. Noch zuletzt sah dieser Schriftsteller, der in den frühen Sixties als hoffnungsvoller Nachwuchsautor der Generation nach Grass galt, sehr einnehmend aus, als würde eine ungewöhnliche Gelassenheit sein Seelenleben bestimmen. Und selbst wenn dem nicht so gewesen sein sollte, kann man dennoch mit Gewissheit sagen, dass Günter Seurens literarisches Werk auf kritische Weise gelassen war.

Die Karriere des 1932 in Wickrath am Niederrhein als Sohn eines Maschinenschlossers geborenen Autors begann vor der Studentenrevolte. Von Anfang an spürte man bei Seuren die drängenden, bald seine ganze Generation aufwühlenden Themen: der Konflikt zwischen Stadt und Land, die Ästhetik von Maskerade und Halbwelt, Kritik am Spießbürgertum und dem nicht bewältigten Nazitum der Elterngeneration. Als erstes erschien der Gedichtband mit dem originellen Titel Winterklavier für Hunde (1961). Seuren gehörte, zusammen mit Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born und Günther Herburger, zum Kölner Kreis um Dieter Wellershoff, der Seuren als Lektor betreute und der die Erzählung mit dem lakonischen Titel Ich bringe Dreck ins Haus herausgab. Das war der Ton des Neuen Realismus.

Über seinen ersten Roman Das Gatter, mit dem Seuren 1964 den Durchbruch schaffte, hat er selbst gesagt: "Das Gatter stellt einen jungen Mann vor, (...) dessen Widerstand gegenüber den Bedingungen der Umwelt sich nicht in Rebellion äußert, (...) seine Reaktionen sind mitunter von einer künstlichen Gelassenheit, seine Sprache bewegt sich um einen kaltgestellten Kern." Der Roman wurde 1966 unter dem Titel Schonzeit für Füchse von Peter Schamoni verfilmt; auf der Berlinale gab es dafür den Silbernen Bären für das Drehbuch. Auch der Roman Lebeck (1966), der von einem Varietékünstler erzählt, der sich durch eine Hungerkur dem Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg entzieht - Vorbild war Wilhelm Gorris -, wurde verfilmt, ebenso sein Roman Das Kannibalenfest (1968), unter dem Titel Schräge Vögel. Seuren lebte hauptsächlich vom Drehbuchschreiben.

Die Gesellschaftskritik als Grundsound, bei Seuren nie eifernd, war in jenen Jahren unvermeidbar. Zum Schluss ist die Sozio-Beobachung eher der Belustigung und Ironie gewichen. Als gelungene Satire auf den "Ökokitsch" der Achtziger, aber auch auf die Münchner Society, wurde sein Roman Die Krötenküsser (Eichborn Verlag, 2000) von der Kritik bewertet.

Am Mittwoch Abend ist Günter Seuren 71-jährig in München gestorben. Er erlag einem Herzinfarkt. Im Februar 2004 soll sein neuer Roman Das Floß der Medusa im Rotbuch Verlag erscheinen.

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