September
Song.
Roman von Klaus
Modick (2002, Eichborn).
Besprechung von Jochen Hörisch in Neue
Züricher Zeitung vom 05.12.2002:
Ein Mann von fünfzig
Jahren
Klaus Modicks Roman «September
Song»
Die Eingangsworte von Goethes «Wahlverwandtschaften» sind zu Recht berühmt geworden: «Eduard - so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter . . .». Was das beste Mannesalter ist, verrät Goethes auktorialer Erzähler nicht direkt. Doch lässt sich Eduards Alter aus den Motivgeflechten und Konstruktionsprinzipien des Romans erschliessen, der von achtzehn Monaten zwischen Frühling und Herbst erzählt: Die Zahl seiner Jahre ist so hoch wie die der je achtzehn Kapitel des zwei Teile umfassenden Romans - also sechsunddreissig.
Der Held von Klaus Modicks neustem Roman mit dem Nachsommer-Titel «September Song» hat das beste Mannesalter hinter sich und lebt dennoch - oder eben deshalb - recht behaglich. Er ist so alt wie sein Autor: nämlich, um nochmals auf Goethe anzuspielen, «ein Mann von funfzig Jahren», glücklich mit der Studienrätin Trudi verheiratet, Vater einer hübschen Tochter namens Marie und hinlänglich zufrieden mit seiner Arbeit als Schulbuchlektor. Als er seine aus einem Ferienlager zurückkehrende Tochter am Bahnhof abholt und erfährt, dass der Name ihres Freundes fast mit dem seinen identisch ist (Curd «mit CD» heisst der Freund, Kurt «mit KT» heisst der Vater) und dass sie als Mitglied im Jugendorchester noch ihren Part aus Kurt Weills «September Song» üben muss, assoziiert er flugs: «Noch ein Kurt. Das war ja fast schon so wie in den Wahlverwandtschaften, wo die Männer, wenn ich mich recht erinnerte, fast alle Otto hiessen.» Aber dass seine Tochter sich auf den jungen Namensvetter ernsthaft einlässt, muss der Vater verhindern. Denn der junge Mann ist, darauf weisen immer mehr Indizien hin, sein eigener Sohn - das Produkt eines verheimlichten Seitensprungs.
Wie sag ich's meinem Kinde, wie sag ich's meiner Frau? Der Lektor berät sich mit seinem alten Freund Feuerstein, dem er schon damals seine Affäre anvertraut hat. Und der hat - in kühner Wittgenstein-Variation - einen schlagenden Ratschlag bereit: Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schreiben, um Tochter und Mutter schonend vor der drohenden Inzest-Gefahr zu warnen. Eine tolle Geschichte, findet der Freund nicht zu Unrecht. Die Story sei so gut, die könne und müsse man verkaufen - an Bodo Kirchhoff zum Beispiel. «Kommt nicht in Frage! Trudi hat mal was von dem auf dem Nachttisch gehabt. Furchtbares Zeug. Incola glaub' ich, so was in der Art.» Oder an Thomas Bernhard? «Ach nee, das geht ja nicht mehr.» Und auch Handke kommt nicht in Frage - «der kann keine Beziehungen». Käme bloss noch Lukas Domcik in Frage. «Der könnte das. Der würd' das vielleicht kaufen. Hat allerdings nie Geld.»....Fortsetzung
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