Septembergewitter von Friedo Lampe, 2001, WallsteinSeptembergewitter.
Roman von Friedo Lampe (2001, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Bruno Steiger aus der Frankfurter Rundschau, 10.1.2002:

Der blitzdurchzuckte Horizont rückt näher
Meteorologische Katharsis: Friedo Lampes "Septembergewitter" erweisen sich als literarischer Glücksfall

Friedo Lampe gilt bis heute als prekärer Musterfall eines zu Unrecht übersehenen, in seinem solitären Rang kaum wahrgenommenen Autors der Vorkriegsgeneration. Eine zahlenmäßig nennenswerte Leserschaft vermochte sein schmales Werk nie zu erreichen, hohe Beachtung fand es vornehmlich bei Schriftstellerkollegen. Hermann Hesse und Wolfgang Koeppen gehörten ebenso zu Lampes begeisterten Lesern wie in jüngerer Zeit Georges-Arthur Goldschmidt. Nach einer 1986 bei Rowohlt erschienenen Neuausgabe des Gesamtwerks ist es nun der Wallstein Verlag, der Lampe erneut lanciert: Dem Erstling Am Rande der Nacht folgt nun den Roman Septembergewitter aus dem Jahr 1937. Es war das zweite und letzte zu Lampes Lebzeiten veröffentlichte Buch des 1899 in Bremen geborenen, 1945 in Berlin, am Tag der Befreiung, von einem russischen Soldaten "irrtümlich" erschossenen Autors. Septembergewitter ist, es sei vorausgeschickt, ein seltener literarischer Glücksfall, eine (auch editorische) Kostbarkeit.

Ganz außergewöhnlich, nichts weniger als hinreißend ist schon der Einstieg in den Roman: "Nachmittags so gegen vier Uhr war der Ballon in der Nähe von Osnabrück in die Luft gestiegen - und nun glitt er sanft da oben durch den stillen blauen Raum, schöne, weiße, runde Wolken glitten neben ihm her, und da unten lag unendlich weit gebreitet das grüne Wiesenland." Es ist zugleich der Anfang der zweiteiligen Rahmenerzählung, in welcher ein Mr. Pencock in Begleitung seiner halberwachsenen Tochter von Deutschland nach England "segelt", aus Anlass einer sportlichen Wette mit einem britischen Freund. In der Windstille über (einem nie genannten) Bremen erfährt die Luftreise eine Unterbrechung - für ein paar spätsommerliche Nachmittags- und Abendstunden schwebt man an Ort und Stelle und beobachtet durch das Fernglas des Ballonführers das Geschehen auf der Erde. Erst am Ende des Romans bewegt sich der Ballon weiter, fährt im Mondlicht auf Dover zu, hoch über dem Meer, "im Kühlen, Klaren, Strahlenden".

",Der Leuchtturm von Dover', sagte der Ballonführer und gab Mr. Pencock das Glas." So entlässt der Autor die Zeugen seiner traumverlorenen, in der bangen Ruhe einer meteorologischen Katharsis verharrenden kleinen Welt. Zurück bleiben, unvergesslich, die Bilder dessen, was zwischen Halt und Weiterfahrt des Ballons im drohenden und ausklingenden Herbstgewitter geschah.

Bilder und Bildsequenzen einer von innen wie von außen bedrohten Alltagsidylle sind es. Im Spiel einer diffizilen räumlichen und zeitlichen Fächerung, in der gleichsam musikalisch rhythmisierten Abfolge von Perspektivenwechseln, in einem elastischen Tanz der Abstände inszeniert der Autor seine in apokalyptischer Erwartung dämmernde norddeutsche Miniaturwelt. Der weniger durch Symbole als durch Anzeichen strukturierte kleine Roman, in der trügerischen Ruhe einer weltgeschichtlichen Zwischenzeit geschrieben, spielt vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In der Erwartung eines sich nur zu deutlich ankündigenden großen Unheils steht alles. Unter dem mit einer "weißlich-grauen Schicht überzogenen Himmel", stroboskopisch erhellt von einem blitzdurchzuckten, stetig näher rückenden dunklen Horizont bewegen sich die Menschen, gehen sie ihren kleinen oder großen, anrührend tückischen oder harmlosen Alltagsgeschäften nach.

Mit raschen, filmartigen Schnitten, in einem Kartenspiel von immer nur kurz und umso einprägsamer aufscheinenden Halbbildern schiebt der Autor die verschiedenen Geschichten ineinander, in knappen Strichen zeichnet er ihr Personal. Es wird angeführt von der toten, "im Bürgerpark bei der Borkenhütte" ermordeten Marie Olfers - den Abschluss, die Nachhut bildet, in der Gestalt des Homer rezitierenden Poeten Christian Runge, der Autor selbst. Dazwischen agieren, unter vielen anderen und in wechselnder Konstellation: der mit einer Schere in der Hand über die Felder schleichende Drachen-Emil und die in Timmermanns Badeanstalt über mögliche Gegenmaßnahmen brütende Jugendbande um den Millionärssohn Dickie Brent; der sich in der Sehnsucht nach einem sagenhaften Kamerun verzehrende Leutnant Charisius und seine dem Tuten des abfahrbereiten Dampfers lauschende Braut; eine Großmutter mit Mann und Enkelkindern; ein bald einmal enttarnter, an der Kirchenorgel seiner Überführung entgegenfiebernder Mörder.

Sie alle sind, wo dem Gewitter selbst Regie und Hauptrolle zukommt, Statisterie, Rand- und Spielfiguren einer im doppelten Wortsinn atmosphärischen Intrige. Als "malerisch, lyrisch, stark atmosphärisch" beschrieb Friedo Lampe selber die Inhalte und die Tonlage seiner Prosa. Bereits in Am Rande der Nacht, noch mehr aber in Septembergewitter konnte er das hohe dichterische Programm meisterhaft umsetzen. In den zwischen wehmütiger Lebensfeier und Todesverfallenheit luzide nuancierten, dem Naturgeschehen abgepausten Stimmungsbildern ebenso wie in deren nur ingeniös zu nennenden Komposition erscheint Septembergewitter als ebenso kompaktes wie intimes Kleinstmodell etlicher großer, zum Kanon zählender Werke der Moderne. Der hellhörige Wolfgang Koeppen könnte die besonderen, oft verblüffend deutlich an Robert Walsers Gehülfen erinnernden Qualitäten dieses bremischen Ulysses im Auge gehabt haben, als er in den fünfziger Jahren mit allem Nachdruck an den "auf seine stille Art avantgardistischen" Autor und seine halluzinativ-realistische Erzählkunst erinnerte.

Die Mischung aus umgangssprachlichen und liedhaften Wendungen erscheint als ein wesentliches Merkmal von Friedo Lampes suggestiver Prosa. Modern und aufregend aktuell mutet seine Handhabung der Erzählperspektive an. In der raffiniert wechselnden Feineinstellung des wie an einer Leine durch die verschiedenen Szenarien schwebenden Kamerablicks, bildhaft gemacht in der Schnur des Kinderdrachens wie auch mit dem im Ballon von Hand zu Hand gehenden Fernglas choreografiert Lampe einen Bühnenraum durch Nah- und Ferneinstellungen, in denen jedes Dort und Dann in ein märchenhaftes, Raum und Zeit, Erwartungen und Erinnerungen kurzschließendes "Da" heimholt. Quer zu allen Koordinaten irgend eines vagen Hier-und-Jetzt definiert es den virtuellen Sehnsuchtsort des Buches. "Da oben" gleitet der Ballon durch den Raum; "da unten" liegt das grüne Wiesenland; "da hinten" in der Ecke an der Mauer stehen die Bienenkörbe des Grossvaters; "und da" (Lampes Einsatz des kumulativen "und" wäre eine weitere Betrachtung wert) steht plötzlich der Bruder der toten Marie Olfers.

Die magisch-synästhetische Dimension von Friedo Lampes "Da" ließe sich anhand der mit höchstem Bedacht und nicht minder kunstvoll organisierten "Tonspur" des Romans darlegen. Der Hinweis muss unausgeführt bleiben. Selber lesen!, möchte man ausrufen. Die Aufforderung hätte Gültigkeit nicht zuletzt auch in Bezug auf den dem Buch nachgestellten Essay des Herausgebers Jürgen Dierking, der dieses kleine Wunder aus vergangenen literarischen Zeiten mit biographischen sowie werk- und editionsgeschichtlichen Daten vollends zum Ereignis macht.

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