Seltsame Nähe.
Ein Porträt über Sinaida Hippius (2005, Oberbaum Verlag,
hrsg. von Christa Ebert).
Besprechung von Ulrich M. Schmid in der Neue Zürcher Zeitung vom 21.04.2007:

Femme de plume
Christa Ebert porträtiert die russische Symbolistin Sinaida Hippius

Lange Zeit stand die russische Lyrikerin und Essayistin Sinaida Hippius (1869–1945) im Schatten ihres Ehemannes Dmitri Mereschkowski, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Westeuropa den Prototyp des russischen Autors verkörperte und sogar als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde. Wie viele andere russische Schriftstellergattinnen (Anna Dostojewskaja, Nadeschda Mandelstam, Véra Nabokova) stellte Sinaida Hippius ihre eigenen Bedürfnisse zurück, um ihrem Mann ideale Arbeitsbedingungen zu bieten. Bei Sinaida Hippius war sich allerdings bereits die zeitgenössische Kritik einig, dass sie eigentlich viel interessanter und ansprechender als ihr Gatte schreibe. In der Tat verlieren sich Mereschkowskis Romane oft in langatmigen historiosophischen Spekulationen und büssen dadurch einen Teil ihrer literarischen Überzeugungskraft ein.

SELBSTBEWUSSTE INSZENIERUNG

Die Slawistin Christa Ebert richtet in einer sorgfältig recherchierten Biografie das Scheinwerferlicht auf Sinaida Hippius und macht dabei die intellektuellen Konturen einer femme de plume sichtbar, die das silberne Zeitalter der russischen Literatur entscheidend mitgeprägt hat. Sinaida Hippius machte nicht nur durch exquisite Lyrik, sondern auch durch die bewusste Inszenierung der eigenen Person von sich reden. Die Dichterin war eine Meisterin der literarischen Mystifikation: Sie wob zahlreiche Legenden um sich, die schliesslich zu Facetten ihrer Identität wurden. Sogar ihr Geschlecht wurde zum Gegenstand literarischer Umgestaltung: Ihre pointierten Stellungnahmen zur russischen Kultur veröffentlichte sie meist unter männlichen Pseudonymen. Im Tagebuch benannte Sinaida Hippius ihre androgyne Natur explizit: «In meinem Körper bin ich mehr Frau, und in meinem Geist bin ich Mann.» So stand sie auch dem Feminismus kritisch gegenüber. Anlässlich einer Suffragetten-Demonstration in St. Petersburg forderte sie 1914 nachgerade eine physiologische Annäherung der Geschlechter: «Die Frauen müssen, um gleich zu sein, gleich werden.»

Es war nur konsequent, dass Sinaida Hippius ihre Ehe mit Dmitri Mereschkowski nicht physisch vollzog, sondern in einer geistigen Gemeinschaft sublimierte. Hippius zog eine scharfe Trennlinie zwischen Liebe und Sexualität und forderte eine höhere Vereinigung der Liebenden jenseits des Geschlechtsaktes. Als Symbol dieser neuen Erotik galt ihr der Kuss, der in der Tierwelt nicht existiert und gerade deshalb die Erhebung über das animalische Kopulieren anzeigt.

STREITBARE INTELLEKTUELLE

Auch dem Geschlecht der Liebenden kommt nur noch eine untergeordnete Bedeutung zu: Sinaida Hippius fühlte sich zu jedem «göttlichen Wesen» hingezogen und plädierte – wie ihr Mann – für offene Zweierbeziehungen. Zwar trennten sich Mereschkowski und Hippius in ihrer über fünfzigjährigen Ehe kaum je einmal, aber die meiste Zeit lebte das Paar in einem ménage à trois. Zunächst trat der homosexuelle Publizist Dmitri Filossofow in den geistigen Bund der Mereschkowskis ein. Er zog es allerdings in den zwanziger Jahren vor, dem Schriftstellerpaar nicht ins Pariser Exil zu folgen und im unabhängigen Polen zu bleiben.

Später übernahm der junge Dichter Wladimir Slobin die Rolle des Dritten. Er war ein loyaler Adept von Mereschkowski und Hippius im Kampf gegen den Bolschewismus und setzte sogar Hoffnungen auf den deutschen Nationalsozialismus. Slobin konnte jedoch Filossofow nicht ersetzen: Sinaida Hippius anerkannte Slobin nicht als Gesprächspartner auf Augenhöhe, sondern behielt bis zuletzt die Rolle der Mentorin für sich.

Nach Hippius' Tod rächte sich Slobin in einem autobiografischen Bericht, der in seinem Titel programmatisch auf die «schwierige Seele» der Lyrikerin verweist. In der Tat war Sinaida Hippius eine streitbare Intellektuelle, die sich nicht vor dezidierten ästhetischen Urteilen scheute. So sprach sie etwa Iwan Bunin ein tieferes Verständnis für Literatur ab oder gab ihrer ganzen Verachtung für Marina Zwetajewa Ausdruck, indem sie sie während einer Dichterlesung unablässig durch ihre berüchtigte Lorgnette fixierte.

Als Lyrikerin verstummte Sinaida Hippius in der Emigration für lange Zeit und veröffentlichte erst 1938 wieder einen schmalen Gedichtband. Nach Kriegsbeginn irrte das Ehepaar Mereschkowski von einer Notunterkunft zur anderen; an manchen Tagen reichte das Geld nicht einmal für das Essen. Mereschkowskis Tod im Jahr 1941 markierte für Sinaida Hippius auch das Ende ihres eigenen Lebens. In ihrem Notizbuch notierte sie resigniert: «Es gibt nichts und niemanden mehr, wofür es sich zu leben lohnt.» Ihren scharfen Sinn für Ironie verlor sie jedoch auch in der äussersten Verzweiflung nicht. In einem Gedicht aus dem Jahr 1943 entwarf sie für sich eine Glücksvision auf jenem Pariser Friedhof, wo sie zwei Jahre später ihre letzte Ruhe fand: «In Sainte-Geneviève, und weiter unten, treff ich bald den, bei dem ich bleiben will.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0407 LYRIKwelt © U.M.S./NZZ