1.) - 2.)
Selina
oder Das andere Leben.
Roman von Walter
Kappacher (2005, Deuticke).
Besprechung von Stephan Reinhardt in der Frankfurter Rundschau, 28.12.2005:
Schalt die Taschenlampe ein
Walter Kappachers stiller, rätselhafter
Italienroman über einen Mann, der sich nach einem anderen Leben sehnt
Walter Kappacher, geboren 1938 in Salzburg, ist ein eher bedächtiger, scheuer Autor. Er lebt zurückgezogen in Obertrum bei Salzburg. Ganz unspektakulär, aber mit viel Überlegung erzählt ist auch sein neuer Roman. Sein Protagonist Stefan - er ist Lehrer in Salzburg und Ende Dreißig - trifft in der südlichen Toskana, in der italienischen Stadt Arezzo, zu Ostern 1985 den pensionierten Pädagogen Heinrich Seiffert.
Der hat sich gut zwei Jahrzehnte zuvor nördlich von Arezzo niedergelassen. Seiffert bietet dem jüngeren Kollegen eines seiner Häuser zum kostenfreien Bewohnen an. Er soll es damit vor dem endgültigen Verfall bewahren. Stefan - getragen von deutscher, bildungsbürgerlicher Italiensehnsucht und dem Wunsch, sich als Schriftsteller zu etablieren - stimmt zu und nimmt sich ein Freijahr als Lehrer: Endlich sieht er die Chance auf die "lang erhoffte Wendung in seinem Leben". Er plant, während des längeren Italienaufenthalts das Exposé für ein Drehbuch zu einem Mozart-Film zu schreiben und schließlich mit seinem Roman zu beginnen. Das Anwesen allerdings hat es in sich: Das frühere Landgut mit einem Bauern- und Gesindehaus aus dem 18. Jahrhundert, das auf einem kleinen felsigen Plateau steht, ist seit dreißig Jahren unbewohnt und nach einem Brand baufällig. Die terrassierten Olivenhaine sind zur Macchia verwildert.
Mit Machete, Säge, Sense und Sichel
Walter Kappacher beschreibt minutiös und behutsam den Alltag seines Protagonisten: Wie der bald Tag für Tag mit Machete, Säge, Sense und Sichel Wege rodet, Olivenbäume befreit von Sträuchern und Gestrüpp und das Dach des Bauernhauses ausbessert. Stefan lebt in dem abgelegenen Steinhaus ohne Elektrizität und Fernsehen. Der Literatur verfallen, liest er bei Petroleum- und Taschenlampenlicht die Italiener Petrarca, Tomasi di Lampedusa, Elio Vittorini, Cesare Pavese und Vasco Pratolini, der ganz in seiner Nähe im Valdarno, im Tal des Arno, gelebt hat. Und durch die Lektüre römischer Klassiker wie zum Beispiel der Beschreibung des Vesuvausbruchs durch Plinius im Jahre 79 nach Christus und weiterer Bücher über Pompeji hofft er schließlich auf die Inspiration. Doch keine Zeile bringt er zu Papier.
Erzählt wird Selina aus der Rückerinnerungsperspektive des Salzburger Lehrers und Literaten Stefan. Dabei geht der Autor leicht und mühelos um mit dem epischen Grundgestus der Erinnerung. Kappacher beschreibt, wie Stefan der Einsamkeit in seinem Bauernhaus zu entkommen sucht. Stefan freundet sich mit Mario an, einem krankgeschriebenen Maurer; bei ihm oder in der Dorfbar sieht er Fernsehen. Und er macht Badeausflüge an den Trasimenischen See und unternimmt kleine Bildungsreisen - nach Urbino in die Säle des Herzogspalastes oder nach Perugia in das Geburtshaus von Raffael oder in eine Etrusker-Ausstellung sowie in die Galleria Nazionale dell' Umbria, wo er oft seine Zustimmung verweigert: Denn die "meist süßlichen" Madonnen-Bilder erregen seinen Widerwillen.
Kunst und bedrohte Natur
Mehrere Ebenen werden hier zueinander in Beziehung gesetzt. Zur ausführlichen und detaillierten Beschreibung des Alltags des Italien- und Literaturliebhabers Stefan tritt die Sehnsucht nach dem, wie es der Titel signalisiert, "anderen Leben". Wege zu dieser metaphysischen Sinnebene bietet für ihn in Hülle und Fülle neben der Kunst - mit ihren vielen in der Toskana geborenen Malern wie Masaccio, Giotto, Uccello, Leonardo, Michelangelo - auch die einzigartige Landschaft. Doch die Natur selbst ist in dieser Landschaftsidylle Mittelitaliens bedroht vom Gestank der Abgase, zum Beispiel des Kraftwerks bei San Giovanni mit seinem "kolossalen" "Rauchpilz" und von etlichen Industrieansiedlungen. Und wo die Natur misshandelt wird - durch Abholzungen im oberen Arnotal oder durch die Aufgabe altbewährter Mischwirtschaft "zugunsten von Monokulturen und den daraus folgenden Erosionen"- rächt sie sich durch Überschwemmungen.
Kappacher, der über eine kulturkritische Ader verfügt, ist sensibel für zivilisatorische Zumutungen und Schäden. Ihn beeinträchtigen die "Lärmplagen" der Autos und Motorsägen sowie der Düsenjäger im Tiefflug: "Die Explosion, das eigentliche Kennzeichen dieses Jahrhunderts?" Ihn befremdet die ständige Billigware im kulturellen Konsumangebot: Das "Geschwätz" im Lokalsender von San Giovanni Valdarno und dessen "aggressive Werbung der amerikanischen Art" ebenso wie die permanente Trash-Kultur im italienischen Fernsehen. Wirklichkeit wird infantilisiert zur "Mickey-Mouse-Welt": "Die Idole der Gegenwart scheinen Schlagersänger, Filmschauspieler zu sein oder Fußballer, und die geistige Leistung besteht offensichtlich darin, alles über diese neuen Götter, über deren Liebesaffären und Exzesse zu wissen."
Was in Kappachers bedächtiger Sprache zuweilen etwas umständlich-brav klingen mag, ist sicher erzählt, logisch aufeinander abgestimmt und vernetzt: Wo Defizite die Sehnsucht nach der "anderen Welt" auslösen, ist es für Kappacher vor allem die Kunst, die neue Impulse gibt. Auf den Weg gebracht werden seine Gedanken über Vergänglichkeit, Tod und Unsterblichkeit durch beeindruckende Memento-mori-Darstellungen wie in Giorgiones Bild Die drei Alter des Menschen oder in Jean Pauls letztem Großessay Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele, den sein Tod zum Fragment machte.
Beim abendlichen Blick in den klaren Sternenhimmel der Toskana und der Lektüre von Jean Pauls philosophischem Versuch einer Beweisführung für die Unsterblichkeit der Seele erfasst Kappachers Ich-Erzähler Stefan schließlich "einmal" ein "Glücksschauer": "Plötzlich war ich mir bewusst, dass ein Bewusstsein, eine Wesenheit über uns oder unter uns existierte, unbegreiflich, und stellte mir vor, unser Geist sei Teil eines Geistwesens."
Zur einmaligen Gewissheit gesellt sich der Zweifel: Wie war es möglich, fragt Kappacher auf der letzten Romanseite, dass Jean Paul, der als Satiriker und Aufklärer begann, "so besessen war von der Idee eines Weiterlebens nach dem Tod?" Der Autor Kappacher versteckt den Aufklärer Kappacher nicht - ganz imTrend einer neuen Religiosität und Metaphysik beendet er seinen Roman mit Frage und Zweifel. Und das heißt doch wohl: Ohne Zweifel, ohne Fragen ist ein "anderes Leben" nicht zu gewinnen?
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2.)
Selina
oder Das andere Leben.
Roman von Walter
Kappacher (2005, Deuticke).
Besprechung von Alfred
Goubran aus Der Standard, Wien
vom 27.5.2006:
Gestrandet – Gerettet
Walter Kappachers "Selina":
Versuch einer Einhausung
Er hat sich, als Lehrer, sein Freijahr genommen und will eigentlich an seinem Buch über Pompeji und an einem Exposé für einen MozartFilm arbeiten. Jedoch kommt er kaum dazu. Zu viel ist in dem Haus zu tun, ist in der Umgebung zu erkunden. Und da sind auch die Einheimischen, die Nachbarn, die Menschen aus der Umgebung, die ihm, dem Ortsunkundigen, helfen, sich zurechtzufinden, und zu denen er mehr und mehr Beziehung aufbaut. Es ist ein, wenn auch beschwerliches, sehr alltägliches Leben, das Walter Kappacher schildert. Peter Handke charakterisiert dessen Stil "als eine Expedition des Schreibens, wie man sie sich abenteuerlicher nicht wünschen kann".
Die Empfindung von Abenteuerlichkeit stellt sich jedoch beim Lesen kaum ein. Stefan erinnert ein wenig an den gestrandeten – und geretteten – Robinson Crusoe, der sich seine Umgebung inventarisiert. So auch der Schreibstil: bildhaft beschreibend, in der Beschreibung insistierend und so penibel, dass es manchmal schon kleinlich erscheint. Die Gestalten sind sehr prägnant gezeichnet, allerdings meist über die Dialoge und die Beschreibung der Handlungen, selten werden sie so beschrieben, wie Kappacher Landschaft beschreibt. Physiognomien fehlen fast vollständig. Das hat aber auch seinen Reiz, weil der Roman aus der Perspektive des Protagonisten erzählt ist und ihn dieses Nicht- Wahrnehmen auch charakterisiert. Stefan ist um Bildung bemüht, er liest nicht nur auf Italienisch, Englisch und Latein, er besucht auch die Kirchen und Museen der Umgebung. Doch bleiben diese Versuche der Verfeinerung an ihm nicht recht haften. Es ist wie mit dem Wein, den er so sehr schätzt: Außer gut, schlecht oder ausgezeichnet finden sich kaum Worte dafür. Es bleibt, trotz großer Bemühungen, etwas gut und schön zu machen, ein Eindruck von Lieblosigkeit in seinen Beziehungen zur Welt, und wo Nähe gefordert ist, sei es auch nur von einem kleinen, verunsicherten Kätzchen, wirkt er hilflos. Seine Bewunderung, etwa für Natur, ist die Bewunderung eines Ausgeschlossenen, der nur von Ferne bewundern kann, woran er, ausgenommen als Betrachter, keinen Anteil hat.
Bleibt also die Frage, ob dieses "andere Leben" nicht das Leben des Heinrich Seiffert ist, der Petrarca liebt, im Besonderen dessen Briefe, dessen Haus sonnig und "frisch renoviert" ist und der bei einem Besuch in Mora "den philosophischen Blick" rühmt, den man von der Terrasse aus hat, aber gleichzeitig die Bequemlichkeit seines eigenen Domizils vermisst. Wenn es so ist, dann ist es sein ungelebtes Leben, das Stefan sich bewohnbar zu machen und indem er sich einzurichten versucht. So etwa, wenn er sich aufschreibt, welche Bücher er lesen will, um mit Seiffert darüber zu sprechen. Dann wäre auch Stefans Todeserlebnis, etwa zu der Zeit als Seiffert stirbt, nicht zufällig.
Das ist zumindest eine Leseart. Selina schließlich, der Titel des Buches, bezieht sich einerseits auf Jean Pauls Selina, das Spätwerk des Autors, dessen zentrales Thema die Unsterblichkeit ist, andererseits auf die Tochter Seifferts, die diesen Namen trägt und das Anwesen geerbt hat. Von ihr wird der weitere Verbleib Stefans auf Mora abhängen.
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