Selbstversetzung von Siegfried Lenz, 2006, Hoffmann & CampeSelbstversetzung.
Über Schreiben und Leben von Siegfried Lenz (2006, Hoffmann & Campe).
Besprechung von
Jens Dirksen aus der NRZ vom 16.3.2006:

Der freundlichste der deutschen Autoren wird 80
Der scheue Menschenfreund Siegfried Lenz feiert heute den traurigsten Geburtstag seines Lebens.

Wo auch immer Siegfried Lenz heute seinen 80. Geburtstag verbringt, es ist der traurigste seines Lebens: Zum ersten Mal seit 57 Jahren muss er diesen Tag ohne sein "Lilochen" herumkriegen - Lieselotte, die acht Jahre ältere Frau, die Sekretärin in der Hamburger Redaktion der "Welt", die dem vor Hunger ohnmächtigen Volontär Siegfried Lenz 1949 mit einem Apfel wieder auf die Beine geholfen und ihn kurz darauf geheiratet hat. Anfang Februar musste er sie begraben. Lieselotte Lenz war mehr als die Frau, die seine Manuskripte abgetippt und manches seiner Bücher illustriert hat. Ihr zuliebe, um sie im Krankenbett aufzumuntern, schreibt Siegfried Lenz Mitte der 50er Jahre, nach zwei heldenhaft missglückten Romanen ("Es waren Habichte in der Luft", "Duell mit Schatten"), seine masurischen Geschichten. Das ergibt nicht nur eine äußerst erfolgreiche Humor-Therapie, sondern auch den Bestseller "So zärtlich war Suleyken". Lieselotte Lenz war es aber auch, die für den ersten gelungenen Roman ihres Mannes ("Der Mann im Strom") die Fakten recherchierte, alles, was mit der Berufstaucherei zusammenhing. Und was immer Siegfried Lenz geschrieben hat, Lilo war die erste Leserin und die erste Kritikerin des Mannes, der stets mehrere Romane brauchte, um einen guten hinzubekommen, aber so gut wie nie eine Erzählung in den Sand gesetzt hat. Böse Zungen behaupten sogar, Frau Lenz habe sehr, sehr sorgfältig darauf geachtet, dass seine Bücher in erotischen Belangen sehr, sehr dezent ausfallen. Wir wissen das heute, obwohl sich Siegfried Lenz zeitlebens alle Mühe gegeben hat, die mehr oder minder lesende Welt aus seinem Privatleben herauszuhalten. Auch der neue Band "Selbstversetzung" mit kurzen, verstreut erschienenen Aufsätzen "über Schreiben und Leben", den sein Hausverlag Hoffmann & Campe jetzt zu seinem 80. Geburtstag herausgegeben hat, gibt oft nur wolkig Selbstauskunft über Leben und Treiben des Siegfried Lenz jenseits vom Lesen und Schreiben. Als er vor acht Jahren die Mercator-Professur der Duisburger Universität antrat und die NRZ ihn zu einem Interview einladen wollte, da sagte er leichthin: "Gerne, rufen Sie doch meine Lektorin im Verlag an." Die Lektorin - lachte: "Typisch, das sagt er immer. Aber in Wahrheit will er gar keine Interviews mehr geben." Und wenn, dann für seine "Welt", wo er ab 1948 über Einbrüche, Kongresse, Flugzeugabstürze und Dachstuhlbrände schrieb, bevor er ins Feuilleton wechselte - und 1951 kündigte, weil man seine Frau gefeuert hatte. Angesichts der weitgehenden Nachrichtensperre, die Siegfried Lenz über das Leben des Menschen, des Masuren und glühenden Marine-Verehrers verhängt hat, gab es auch, anders als in den vergleichbaren Fällen Böll, Grass oder Walser, keine Biografie über den Mann, der mit der "Deutschstunde" und dem "Heimatmuseum" zwei literarische Meilensteine für den Umgang mit der deutschen Vergangenheit gesetzt hat. Diese Lücke ist nun durch Erich Maletzkes "biografische Annäherung" mit dem Titel "Siegfried Lenz" etwas weniger groß geworden. Allerdings machte auch der Biograf Maletzke seine Erfahrung mit dem scheuen Autor, der von allem erzählt, nur nicht von sich. Nachdem Lenz zunächst sogar bereitwillig im heimischen Wohnzimmer mit Maletzke geplaudert hatte und mit der Biografie einverstanden war, machte er irgendwann doch einen Rückzieher nach der Art von Herman Melvilles Bartleby: "Ich möchte lieber nicht. "Das Buch ist trotzdem erschienen, aber wir erfahren nicht wirklich etwas über die von Lenz bewusst vernebelten Stellen seiner Biografie. Vom Vater, der fast nie zu Hause war, nicht nur des Dienstes als Zollbeamter wegen, und der früh ganz aus dem Leben verschwunden war. Von Mutter und Schwester, die er noch als Jugendlicher aus den Augen verlor. Vom Marinekadetten, der auf Einsätze brannte und erst desertierte, als es schon sinnlos war, nach der Kapitulation. Ein Psychogramm von Siegfried Lenz, ein Verständnis dafür, warum er so ist, wie er ist, kann Maletzke nicht entwickeln. Unzählige Details, manche absonderlich, manche von blanker Normalität und Gewöhnlichkeit, reiht er an einem roten Lebensfaden auf. Dass der Auflagenmillionär Siegfried Lenz (gut unterrichtete Kreise gehen von 25 Millionen Exemplaren aus) ein großzügiger, ja nobler Spender ist, ein Unterstützer von Kollegen und ein Freund von Karpfen, dass sein Sitzgarnitur 30 Jahre alt ist... nun ja. Näher als Maletzke ist Siegfried Lenz jedenfalls noch kaum jemand gekommen. Abgesehen von seinen Lesern vielleicht, die wissen, dass die Bücher von Siegfried Lenz, dem allerhöflichsten, allerfreundlichsten, allermenschlichsten der großen deutschen Nachkriegsautoren, stets ein Angebot sind, die eigenen Erfahrungen zu vergleichen mit denen des Autors. Dass es so viele so gern getan haben, wird ihn, so gern wir es hätten, heute allerdings nicht trösten. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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