Sehnsucht. Versuch über das erste Mal.
Roman von Arnold Stadler (2002, DuMont).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 13.01.2003:

Die ersten Male im letzten Sommer
Arnold Stadler erzählt eine kleine Geschichte Nachkriegsdeutschlands.

Er hatte so gar nichts "Joschka-Fischerhaftes". Weil er "nie in eine Schlägerei verwickelt war, nie etwas kaputt machte, weil nie die Polizei kam, weil es nie eine Anzeige gegeben hat wegen mir." Selbst sein Vater, der Nahkampf-Spangenträger mit Hitlerlob, der für etliche außereheliche Nachkommen rund um Sonthofen "Hosenladengeld" bezahlen musste, schämte sich für seinen Sohn. Der indes ist heute nicht nur ein Durchblicker mit Zynikerqualitäten, der sich als Mittelalter-Spezialist für Verbraucherfragen durch die Wirren der Postmoderne schlägt. Und vor allem ist er einer, dessen Gedanken im jüngsten Buch des Büchnerpreisträgers Arnold Stadler wieder und wieder und wieder um das erste Mal kreisen, um den letzten Sommer seiner Jugend. Es geht also in literarischer Verzögerungstechnik um damals, aber nicht so sehr um die erste Führerscheinprüfung, die er versiebte, weil er die Schaltautomatik nicht kannte und den Wagen gar nicht vom Fleck kriegte. Es geht um eine kleine Geschichte Nachkriegsdeutschlands, wo man so viele erste Male kannte und über vieles lieber zu reden schien als über das eine erste Mal, das am Ende des Buches dann doch noch erzählt wird, obwohl es schon so lange her und so wenig schön war. Berlin war damals der Ort, wo die Feldjäger nicht hinkamen, was schon reichte als Grund für eine zweite Heimat. Nun aber finden wir den Mann in Schnackenburg an der Elbe, in Bad Bevensen und Bleckede, in Cuxhaven und in Fallingbostel in einem Etablissement namens "Blue Moon" wieder - Orte der Sehnsucht, an denen sie zum Zuge, aber nicht ans Ziel kommt. Deshalb ist viel von den Werkzeugen der mechanischen Luststeigerung die Rede, aber auch vom Gesangbuch, von Swinger-Clubs und Gottesdiensten, in tiefsinnigen Gedankenstolpereien und flachen Kalauern. Arnold Stadler bleibt der Deutsche Meister auf dem Felde der ungelenken Eleganz, federführend im Zusammenschreiben völlig unvereinbarer Bewusstseins- und Sprachebenen. Was Raum gibt für Komik, wie man weiß. Aber ob wir die Sehnsucht in den Abgründen des Unangemessenen besser verstehen? Wo sie doch fast immer falsch aufgehoben ist, ob im Kitsch, im Klassenkampf oder in der Kirche. Und in der Ironie erst recht. Wo die Sehnsucht doch das einzige Thermometer für unser gefühltes Gefühl ist. (NRZ)

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