Sehnsucht nach
Etleva/Malli per Etleven.
Gedichte von Vaxhid
Xhelili (2001, Limmat - Übertragung
Hans-Joachim Lanksch).
Besprechung von Cornelia Jentzsch in der Frankfurter Rundschau, 12.9.2002:
In Sehnsucht nach Etleva bestehen Traum und Realität zugleich nebeneinander, bilden eine Zwittererscheinung, wie sie in den meisten der Erinnerungen normal ist. Man wünscht und träumt sich die oder das Vergangene wieder herbei und geht mit längst Verschwundenen und Verschwundenem in Bildern, Gerüchen und Geräuschen spazieren, als wäre man tatsächlich in all diesem anwesend. Wer ist diese geheimnisvolle, im ganzen Gedichtband anwesende Etleva, an deren Lächeln sich der albanische Dichter Vaxhid Xhelili erinnert, ihre "schwarzen Haare fielen eins ums andere zwischen die Augen"? Beider Liebe scheint von einer starken Anziehung getragen: "Zwischen uns und der Nacht / Spielte sich dieses Spiel ab wortlos furchtlos / Denn die Lampen ließen wir brennen / Um nicht umherzuflattern im Dunkel / Als wären wir Vögel / Im Bild des Regens / Etleva". Sie bleiben einander schmerzlich verbunden selbst dann noch, als eine offensichtliche Trennung beide in die Ferne versprengte.
Wer also ist diese Gestalt, die für den Dichter ein unerreichbarer Traum bleibt: "Lautlos flötenlos klaglos / Singe ich den schwarzen Haaren / Nass sind sie / In der Erinnerung klagevoll"? Etleva trägt Züge autobiografischer Erlebnisse. Doch anders als im ersten Moment der Dichter dem Leser glauben macht, ist sie keine Frau. Auch wenn die Sehnsucht als eine sehr starke, der unbedingten Liebe zu einer Frau vergleichbar, beschrieben wird, steht dieser Name für die albanische Herkunft von Vaxhid Xhelili, für die albanische Welt, in der er geboren wurde und aufwuchs. Etleva ist ein altes illyrisches Wort, das Land Illyrien umfasste im Altertum in etwa das Gebiet des heutigen Albaniens.
Der Dichter, 1960 geboren, stammt aus dem kleinen albanischen Dorf Lluçan, unweit von Bujanovc, welches heute zu Serbien gehört. Die südserbische Region Kosova, der es nun zugeteilt ist, bildet eine problematische Zone, nicht nur, weil sie die höchste Arbeitslosenrate und die niedrigste Investitionsquote in ganz Serbien besitzt. Die hier lebenden Albaner sehen diese Region nach wie vor als Albanien zugehörig. Nicht selten machen Albaner die Bevölkerungsmehrheit aus, an manchen Orten sogar über 85 Prozent.
Von serbischer Seite aus werden sie in ihrer Existenz bedrängt, durch Einsätze der berüchtigten serbischen Sonderpolizei oder indem sie aus dem öffentlichen Dienst entlassen werden. Das alte Illyrien, das in das heutige Kosova hineinragte, wird von den Albanern als historisches Argument für das Eigentumsrecht am Kosova gesehen, da diese Region schon von ihren Vorfahren besiedelt gewesen wäre, wie sie meinen. Diese Annahme ist umstritten, vor allem aber lehnen die serbischen Politiker diese These ab. Vaxhid Xhelili hat seine Herkunft, seine Heimat nicht nur deshalb, sondern auch im doppelten Sinn verloren. Nach einem Studium der albanischen Sprache und der Literaturgeschichte in Prishtina gab es für ihn keine Möglichkeit zu arbeiten oder sich gar beruflich weiterzuentwickeln, deshalb verdingte sich Vaxhid Xhelili in der Schweiz als Saisonnier.
Ein Arbeitsunfall machte ihn arbeitsunfähig und stellte lange Zeit seine materielle Existenz in Frage. Heute lebt er noch immer in der Schweiz, auch wenn hier "das Waschen und Trocknen der Haare / Im Schnee / Ohne Bedeutung" ist und "kein einziges Fenster Zöpfe" hat, "zusammengebunden mit schwarzen Schleifen". Inzwischen ist er ein Autor, dem mehr Beachtung im deutschen Sprachraum zuteil wird als im albanischsprachigen Kulturbetrieb.
Xhelili zählt nicht zu denjenigen, die durch rasche und zahlreiche Veröffentlichungen auf sich aufmerksam machten. Zu schreiben begann er mit zwanzig, sein erstes Buch Malli për Etlevën veröffentlichte er erst fünfzehn Jahre später zwei Jahre darauf folgte Pasqyra e mërzisë (Der Kummerspiegel), beide in einem Verlag in Prishtina herausgekommen. Der jetzt erstmals auf Deutsch erschienene Gedichtband, herausgegeben und übersetzt von Hans-Joachim Lanksch und im Schweizer Limmat-Verlag ediert, bietet eine Auswahl aus beiden Büchern.
Es läge für einen Dichter wie Xhelili sicher nahe, nach all den Erfahrungen, die er machen musste, diese zu funktionalisieren und seine Poesie in den Dienst einer nationalen Ideologe zu stellen. Das zumindest taten etliche der albanischen Dichter seiner Generation in den neunziger Jahren. Doch Xhelili war von diesen schäumenden Ambitionen weit genug entfernt. Beschreibt er die Zustände in seiner Herkunftsheimat, klingt es eher ernüchternd denn nationalpatriotisch: "Der Balkankarren / Mit Flugzeugrädern / Und meinem Radschädel / Macht vor lauter Geschwindigkeit / Den Planeten anämisch".
Unter der Maske der Zeit
Xhelilis Dichtung fällt auf, weil sie aus einer gleichzeitigen Überlagerung verschiedener, sich einander ausschließender Wirklichkeiten spricht. Zwischen den sanften Momenten jugendlicher Liebe, an die sich der Dichter in einem Gedicht erinnert, sind gewalttätige Einschübe erkennbar, oft nur unterschwellig aus einzelnen, auch anders deutbaren, Worten oder Fügungen herauszulesen: "Herbstlandschaft habe ich gemauert", vor glühender Hitze in Adern / der Stirn", "schenkt ihr abends Gitarrenklänge / Und jugendliches Verschmelzen / In Flammen".
Jede Zeit, schreibt Xhelili, setze der Literatur ihre Maske auf. Seine Erinnerungen können sich nicht befreien, weder von Etleva noch von den bitteren Erfahrungen, die in seiner Heimat alltäglich möglich sind, dem Irrwitz der realen Verhältnisse auf dem Balkan, wo "tote Gesichter zu lebenden Leichnamen transportiert" werden und "Knochenbrechen als Hautkratzer gilt", weil lieber die "Chronisten die Migräne des großen Kopfes verzeichnen".
Xhelili nimmt die opake Schichtung aus der Traditionslinie kosova-albanischer Dichtung auf, welche einsilbig lapidare Wortkargheit mit elliptischer Verschlüsselung in Allegorien und Symbolen zu verbinden gewohnt ist, wie Hans-Joachim Lanksch in seinem Nachwort erklärt. Der Autor ist auch einer der wenigen Zeitgenossen, die eine der selten erinnerten Eigenschaften kosovo-albanischer Poesie, die Ironie, wieder beleben: "Die Lungen des Inhalts / Wurden durchleuchtet / Der Befund: Tuberculosa nationalis", "von Hunger / Keine Spur". Der Politiker, der gerade im Urlaub schwelgt, überwindet "im Kombinations-Stil die Friedenswellen".
Auch wenn vielleicht die Sehnsucht inzwischen von anderem überdeckt wird, da Xhelili schon längst in der Schweiz angesiedelt ist, bleibt sie doch als ungestilltes, unbestimmt offenes Gefühl latent vorhanden. Diese Unruhe hilft dem Autor, eine beobachtende Distanz einzunehmen, einen wachen Skeptizismus zu wahren auch in den Gedichten jüngeren Datums, die sich mehr eidgenössisch-alpinen Verhältnissen zuwenden.
Xhelilis Sehnsucht und der mit ihr verbundene Schmerz finden in diesem Band nicht immer nur poetisch-schöne, sondern manchmal auch durchschaubare Worte, dennoch bleiben sie im ganzen Band auf eine seltene Art authentisch und berühren. Dem Band beigegeben sind Zeichnungen, "Wegspuren" von Marianne Leupi, über das Blatt huschende, schlierende, kreisende Schattenspuren schwarzer Tusche - nichts weiter. Mit ihrer kargen, einen imaginären Weg verfolgenden Bildschrift kommt die Zeichnerin den Gedichten sehr nah. Xhelilis Poesie ist eine ebensolches Aufschreiben von Spuren, Fragmenten aus einer abhanden gekommenen Ferne, die für ihn im Gedicht wieder zur Wirklichkeit wird - wie auch aus der unmittelbaren Nähe, die ihm durch die Sehnsucht nach Etleva bis hin zur Fiktion entrückt wird.
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