Seerücken von Peter Stamm, 2011, S. Fischer1.) - 2.)

Seerücken.
Erzählungen von Peter Stamm,
(2011, S. Fischer).
Besprechung von Bettina Kugler in der Appenzeller Zeitung vom 5.3.2011:

Zu Haus im Erzählen
Peter Stamm durchstreift in zehn Erzählungen seine Herkunftsregion: den Seerücken. Vor dem Buchstart nächste Woche ein Gespräch mit dem Autor.

Ziemlich genau zehn Jahre ist es her, da wartete Peter Stamm am selben Ort, Bahnhof Winterthur, grosse Treppe, und sah sich suchend um. Ein heisser Tag im August, gerade war sein zweiter Roman «Ungefähre Landschaft» erschienen – ein schmaler Band wie schon das vielgelobte Début «Agnes»; erzählt mit kunstvoll reduzierten Mitteln wie die Short Stories in «Blitzeis» (1999). Stamm, 1963 im thurgauischen Scherzingen geboren und in Weinfelden aufgewachsen, galt da als grosse Hoffnung der jungen Schweizer Literatur.

Wohnen vor der Stadt

Diese Erwartungen hat er längst geradezu gewissenhaft erfüllt – ohne sich dabei zu verbiegen oder ständig neu zu erfinden. Gegen literarische Moden scheint er so resistent wie gegen die Aufgeregtheiten der Szene; abgesehen von der unscheinbaren Widmung («für Matteo») in seinem wundervollen, lebensnah surrealen Kinderbuch «Warum wir vor der Stadt wohnen» (2005), hat er sich jeder Versuchung widersetzt, das eigene Leben literarisch auszuplündern.

Dass er inzwischen zur mittleren Generation gehört, ist ihm kaum anzusehen, fast scheint es, als sei in Winterthur auf geheimnisvolle Weise die Zeit stehengeblieben.

Tatsächlich lebt Peter Stamm nicht mehr mitten in der Altstadt, sondern ein paar Busminuten darüber, in Nachbarschaft zu einem verwunschenen Park, in dem die Vögel an diesem regnerischen Vorfrühlingstag um die Wette zwitschern.

Im eigenen Garten hat er Matteo und dessen kleinem Bruder ein prächtiges Baumhaus in luftigen Höhen gebaut; für die Regionalzeitung schreibt er in regelmässigen Abständen eine Kolumne. Ansonsten ist er, mit Peter Bichsel gesprochen, kein Schweizer Schriftsteller, sondern, mit beachtlichem internationalem Erfolg, ein Schriftsteller aus der Schweiz. Was in Deutschland und anderswo so wenig auffällt, dass es dann doch wieder sehr schweizerisch ist.

Wer ihm seit dem Début Veränderungen seines Tonfalls, seiner grundlegenden Fragen nachweisen will, braucht ein überaus feines Sensorium. «Ich weiss relativ genau, was ich will», sagt er, «und habe an Sicherheit gewonnen.» Ein Satz, der auch schon im Sommer 2001 hätte fallen können. Als Stamm sein erstes, streng konstruiertes Buch veröffentlichte, lag die Experimentierphase bereits hinter ihm.

Mit den Satiren aus dem «Nebelspalter» hatte er ebenso abgeschlossen wie mit diversen Berufs- und Studienplänen. Aus dem gelernten Buchhalter war kein Anglist geworden, kein Psychologe oder Psychopathologe – aber ein aufmerksamer, sehr formbewusster Beobachter mit Sinn für Atmosphäre, für das Bedeutungsvolle im Beiläufigen.

In ungefährer Landschaft

Alle zwei Jahre ist seither ein neues Buch erschienen, in verlässlichem Wechsel mal ein Roman, mal eine Sammlung von Erzählungen. Man konnte sie zur Hand nehmen und sich stets von Anfang an auf vertrautem Terrain fühlen: in ungefährer Landschaft, ob am Bodensee oder im Norden Norwegens. In behutsamer Nähe zu eher unauffälligen Menschen auf der Suche nach dem wahren Leben in einem sehr alltäglichen.

In knappen, einfach klingenden Sätzen, die Raum lassen für das unsagbar Gegenwärtige; die einen Sog entwickeln, dem man sich kaum entziehen kann. In einer schönen Form gerade dort, wo die Geschichte von Verfehlungen, vom kleinen Scheitern an der mittelgrossen Sehnsucht spricht.

Kunst der Verzagtheit

Ein Markenzeichen von Peter Stamms Erzählungen sei, «dass sie die Verzagtheit zum natürlichen Lebenszustand der Menschen erklären», so hat es Karl-Markus Gauss in einer Rezension von «Wir fliegen» auf den Punkt gebracht.

Grosse Dramen interessieren ihn kaum, «im kleinen, im Alltag offenbaren sich Menschen viel mehr», bestätigt Stamm jetzt, während wir mit Blick auf den Garten Pfefferminztee trinken. Wenn etwas wirklich Furchtbares passiert, wie in «Der Lauf der Dinge», dann stösst es anderen zu – im Mittelpunkt stehen hier die mit einer mässigen Midlife Crisis beschäftigten Zaungäste.

«Wir alle erleben doch meistens diese Mischgefühle, nicht grosse Emotionen in Reinzuständen», sagt er. «Oft sind wir literarisch verdorben, meinen, alles müsse passen und seine Logik haben.» Das Leben aber ist eigensinnig: Diesem Eigensinn folgt Stamm mit seltener Sicherheit.

Es mag mit der Gegend zu tun haben, aus der er kommt und der er sich mit seinem neuen Erzählband nähert – dem Seerücken. Nicht alle, doch ein grosser Teil der zehn Geschichten spielt hier.

Einer Landschaft in Grenzlage, mit weitem Blick und sanften Hügelzügen, oft mit diffusem Wetter und Nebel, weder flach noch gebirgig, nicht ländlich, aber auch nicht städtisch. «Ich mag diese Zwischenorte, Niemandsland, für das sich keiner interessiert», sagt er. «Diese Gebiete sind schwierig zu verstehen und zu beschreiben, aber gerade das ist die Herausforderung. Ich kenne die Orte, aber nicht wirklich gut.

» Mit neunzehn zog es ihn weg aus dem Thurgau; ein Jahr lang lebte er in Paris, später in New York und Skandinavien. Heute entdeckt er an sich mehr und mehr die Prägungen seiner Herkunft; eine Frage des Alters sei diese Suche nach den Wurzeln. «Die Leute vom Seerücken sind zurückhaltend, zwar freundlich, aber eher verschlossen. Man sagt, sie seien ein wenig launisch.»

Daraus hat er auf seine stille, ernsthafte Art einmal mehr erzählerisch Kapital geschlagen – gerade in jenen Geschichten, in denen Zugereiste im Zentrum stehen. Etwa der junge, ledige Gemüsebauer in «Siebenschläfer», den er in dieser Gegend zwischen sorgsam gehegten Folientunnels im Regen stehen lässt. Oder der Pfarrer aus dem Norden, der keinen Draht zu seiner Gemeinde findet und am Ende, als von Osten her Sonne den zähen Nebel durchbricht, die Möwen mit Brot des Lebens füttert.

Eine Frau, die als Mädchen drei Jahre lang allein im Wald gelebt hat, in reiner, selbstvergessener Präsenz.

Zwanzig Seiten genügen

Schon vor Erscheinen kam «Seerücken» in die enge Auswahl für den Preis der Leipziger Buchmesse, für Erzählungen keineswegs selbstverständlich. «Viele Leser mögen es nicht, ständig von einer Welt in die nächste zu springen», weiss Stamm. Ihm aber genügen oft zwanzig Seiten für eine schöne Lösung. Er macht gern Kammermusik.

In seinen Anfängen hatte er mal den Ehrgeiz, eine «Geometrie der Liebe» zu schreiben, Beziehungsgeschichten frei nach Euklid. Unterdessen kündigt er seinem Lektor Erzählungen an wie die «von einer Frau, die einen Korkenzieher kauft». «Sweet Dreams» heisst sie in «Seerücken», und Stamm kommt erstmals selbst darin vor. Doch selbstverständlich sehr am Rande.

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Seerücken von Peter Stamm, 2011, S. Fischer2.)

Seerücken.
Erzählungen von Peter Stamm,
(2011, S. Fischer).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 12.3.2011:

Vom Straucheln und Stolpern

Leise sind die Geschichten Peter Stamms, ruhig, verhalten. Und doch zeugen sie von etwas Lautem, Erschütterndem, irgendwo im Innern seiner Heldinnen und Helden. Eine Klavierlehrerin verliert ihren talentiertesten Schüler und muss ihre eigene Mittelmäßigkeit erkennen, in ihrer Wut - zerpflückt sie eine Blume. Ein Pfarrer muss erleben, dass seine Gemeinde die Predigt geschlossen boykottiert, da füttert er mit den Hostien Tauben. Ein Mann packt einen Koffer für seine Frau, die auf der Intensivstation liegt; als er ihn nicht dort lassen darf, reist er mit dem Koffer fort - und isst selbst die Schokolade, die er für sie zwischen Handtüchern versteckte.

Nur einmal bricht ein Gefühl wirklich auf: Alice und Niklaus sind genervt von der Nachbar-Familie in der Feriensiedlung. Als eines der Kinder bei einem Unfall stirbt, sagt Alice: "Vielleicht habe ich deshalb nie Kinder gewollt. Aus Angst, sie zu verlieren."

Wie viele Leben haben wir nicht gelebt? Und ist das, was uns übrig bleibt, überhaupt ein Leben? Diese Fragen sind der rote Faden, auf den der Schweizer Autor die Perlen seines Könnens aufreiht: In präzisen, schnörkellosen Sätzen beschreibt er das Straucheln und Stolpern auf Wegen, die zu verlassen zu viel Mut kosten würde. Dabei legt er in diesem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Band eine erzählerische Zurückhaltung an den Tag, die so angenehm wie selten ist. Großartig.

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