1.) - 2.)
Wär ich ein Seeheld.
Gedichte von Klaus
Reichert (2001, Jung & Jung).
Besprechung von tost
aus Süddeutsche
Zeitung vom 7.11.2001:
Blindenschrift
Bitte nicht weiterdichten: Klaus Reichert wäre
gern ein Held
Erotische Gedichte gehören zum Schwierigsten, was sich ein Schriftsteller vornehmen kann. Die meisten missraten jämmerlich. So dieses: Gestotterte Leseübungen. / Mit den Fingern / folg ich der Blindenschrift / deiner Haut, / mit der Zunge. / Entziffre, / als müßt ichs auslesen / vor morgen. Denn es kommt darin ja alles darauf an, aus den mehr oder minder willkürlichen, immer viel zu allegemeinen Attributen etwas zu formen, in dem Einzelne, Anmutige, das schlechthin Zerbrechliche, Vergängliche und allen großen Worten Widerständige aufgehoben werden kann. Der Augenblick der Begegnung muss darin weiterleben, sonst verwandelt sich alle Zartheit in Pose, in ein Herumschlürfen am vermeintlich Poetischen, in Eitelkeit und in sonst nichts. In diesem Gedicht beugt sich ein Philologe über einen geliebten Körper, und was dabei herauskommt, ist eine unglückliche Gelehrsamkeit zweiter Ordnung die auch hier mit ihrem Gegenstand nicht recht froh wird. So verfällt er der Koketterie mit der ständigen Arbeitsüberlastung: als müßt ichs auslesen / vor morgen. Die arme Frau.
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2.)
Wär ich ein Seeheld.
Gedichte von Klaus
Reichert (2001, Jung & Jung).
Besprechung von Peter Michalzik aus Frankfurter
Rundschau vom 12.09.2002:
Lichteste Ohren
Klaus Reicherts Gedichtband "Wär ich ein
Seeheld"
Ende vergangenen Jahres ist ein Buch eines Frankfurter Autors erschienen, das fast keinerlei Beachtung fand. Das ist merkwürdig. Denn der Verfasser ist durchaus geachtet, als Wissenschaftler und Übersetzer hoch geschätzt; eine von Klaus Reicherts letzten Arbeiten, die Übersetzung des Hohelieds Solomos, wurde enthusiastisch besprochen, seine Studien werden gern gelesen. Liegt die jetzige vollkommene Missachtung daran, dass das Buch, das er veröffentlicht hat, ein Gedichtband ist? Ein weiteres Anzeichen, dass Lyrik - in ihrer althergebrachten Form - in der Öffentlichkeit keinerlei Rolle mehr spielt?
Reichert bewegt sich tatsächlich in höchst traditionellen Bahnen. Sein 67 Seiten langer Zyklus beginnt mit einem Lobpreis des Erwachens, des Anfangs und der Schöpfung, wird schnell als ein in sich geschlossener Kreis der Jahreszeiten erkennbar, der mit dem klassischen Todesbildern und -vorstellungen ausschwingen wird, immer wieder finden sich traditionelle Naturlyrik, Sommer- wie Wintergedichte. Reichert parallelisiert gern Natur und Schrift, am Wegrand nimmt er die nun wahrhaft klassischen Themen Liebe und Eros, Dichter und Erinnerung auf, und widmet sich diesen poetischen Evergreens - fast war es zu erwarten - mit sanfter Melancholie. Oft geht er bei seinen Gedichten von Bildern aus, egal ob der Welt abgeschaute, photographierte oder gemalte - dann sind es Spitzenwerke der Malereigeschichte. Oder er nimmt Reiseeindrücke zum Anlass eines Gedichts, das dann bis in die Tage der Kindheit zurückführt.
Auch formal ist Reicherts Band nicht unbedingt innovativ. Vor allem leben seine Gedichte von jener Art brüchiger Metaphern, die sich in der Art Celans und anderer Poesiemeister der Moderne immer weiter verdichten, manchmal bis zum Paradox; so wird jene Schwebe der assoziierten Gedanken erzeugt, die Einsichten ermöglicht, die nur der poetischen Redeweise zugänglich sind. Auf dem Hintergrund klassischer Folien, im Zentrum steht dabei deutlich erkennbar die Bibel, entsteht so eine Lyrik der Vergegenwärtigung des Moments und der Welt, die sich dann zu metaphorisch gefassten Gedanken verdichtet.
NACH CHAR
Auf dem Ziffernblatt des Ebenbilds
rucken die Stunden vor.
Einmal wird dein Gesicht sein,
was es ist.
So lautet eines der Kürzestgedichte des Bandes, es nimmt ein frühes, noch vom Surrealismus beeinflusstes Gedicht René Chars auf. Das Gedicht über das Gesicht beginnt mit einer rätselhafte,aber eindrücklichen ersten Zeile, in der Folge wird aus dem Geheimnis - ruckend, nicht rückend! - menschliche Zeit, Werden und Vergehen, auf knappste Weise definiert. Ein Bild und sein Ebenbild, die sich aber offenbar doch nicht ganz gleichen, stehen einander gegenüber, um dann auf die der biblischen Formel, ich bin der ich sein werde, verwandte Identitätsangleichung bzw. Schlusspointe hinauszulaufen. In der Annäherung der beiden Bilder liegt das Maß der Zeit, das dieses Gedicht definiert. Reichert konzentriert dabei auf knappstem Raum zwei Dinge: Anschaulichkeit und eine einleuchtende Variation über das alte Thema Identität.
IM ANFANG heißt das fünfte Gedicht des Bandes, das noch ganz um das Entstehen aus einem undefinierten, vor der Zeit liegenden Zustand kreist, das in die Schöpfung das Gegenüber, den Anderen einführt.
Erst die Augenblicke gezählt
und jeden Augenblick
deinen Namen wiederholt;
als hieße alles Geschaffene Du,
die Steine, die Gräser, der Tau.
Reichert spiegelt hier das Du und die Welt im Auge des gerade entstehenden Individuums ineinander:
Augenblicke gezählt,
gezählt,
bis dir deine Vertreibbarkeit aufging,
dass da Unterschiedenes ist,
andere Zählweisen,
Arten zu atmen
draußen vorm Garten.
Nicht Wiederholbares.
Zahllos.
Das Gedicht endet in der folgerichtigen und einprägsamen Verfestigung, die dieser Anfang nach sich ziehen wird:
Die Narbe Glück
wächst mit.
Reichert liebt die Zartheit und sich gerade formende Unbestimmtheit des Beginns, immer und immer wieder evoziert er sie, beschwört sie, beschreibt sie. IM ANFANG ist immerhin das fünfte Gedicht des Bandes, die vier Gedichte vorher sind thematisch verwandt und finden ebenfalls immer wieder schöne Bilder:
Der leise Kuss
an die Scheibe - Schnee.
Schnee, der dich weckt,
hättest du lichteste Ohren.
"Lichteste Ohren", das ist das Ideal, dem hier nachgegangen wird. Reichert bewegt sich also noch einmal in den großen Traditionen, aber er wird dabei, in seiner Beginnenslust, und auch das ist erstaunlich, jung und jünger.
"Wär ich ein Seeheld" - so ist nicht nur der Titel dieses Bandes, so beginnt auch eines der Gedichte. Reichert ist wirklich kein Seeheld, kein Entdecker, dafür Dichter. Er findet die Welt - schönstes Paradox - nicht woanders, sondern hier, bei uns, in diesem kleinen Buch.
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