Seegfrörne.
Roman von Christof Hamann (2001, Steidl).
Besprechung von Tomas Fitzel aus der Frankfurter Rundschau, 19.10.2001:

Grauen des Eises und der Provinz
Leichen im Keller: Christof Hamanns Debüt "Seegfrörne"

Was macht die Provinz aus? Mit Brunnen, Laternen und Kopfsteinpflaster, all dem, was sie niemals in ihrer Vergangenheit besaßen, aufgehübschte Dörfer, Umgehungsstraßen, an deren Rändern Neubausiedlungen liegen. Verlassen wirken sie, wenn die Generation der Kinder, für die diese Einfamilienhäuser ursprünglich gebaut wurden, fortgezogen ist. Und zwischen den propren Gärten, in denen neuerdings überall mediterraner Lavendel quillt, steht vielleicht seit Jahren, wenn nicht bald Jahrzehnten, auf dem Tor eines aus unerfindlichen Gründen stehengebliebenen Schuppens mit weißer Farbe das Wort "Depression". Verblasst von Jahr zu Jahr, so wie auch das Holz immer spröder wird. Niemand überstreicht es mit frischer Farbe. Manch einer oder eine nahm den Weg zum See oder legte sich auf die Schienen der mittlerweile stillgelegten Bahnstrecke. Das ist die Provinz.

Das ungefähr ist die Ausgangssituation in Christof Hamanns Romandebüt Seegfrörne, der Geschichte eines verschwiegenen und vertuschten Selbstmords. "Seegfrörne" bezeichnet im alemannischen Dialekt das sehr seltene Naturschauspiel, wenn der Bodensee von Ufer zu Ufer zufriert. Im letzten Jahrhundert geschah dies nur einmal: 1963. Für den Autor ist es natürlich mehr als nur faszinierendes Naturschauspiel, es ist ihm eine Metapher für die entgegen ihrem äußeren, fast idyllisch wirkenden Anschein so wenig heimeligen Zustände dort. In dem Klang des Wortes "Gfrörne", den aneinander geschobenen Konsonanten mit den zwei rollenden Rs ist schon alles ausgedrückt. Wenn das Eis im Frühjahr krachend auseinanderbricht, kommt manches zum Vorschein, was darunter in der Tiefe verborgen war.

Hamann betraut mit der Aufgabe des Heraufholens den freien Schriftsteller Höfe, der mit der Chronik einer Bodenseegemeinde beauftragt wurde. Schnell bleibt er bei einer Zeitungsnotiz hängen. Während der Seegfrörne 1963 verschwand ein junger Mann, Robert Teiler, spurlos auf dem Eis. Seine Leiche wurde nie gefunden. Höfe fragt nach. Scheinbar bereitwillig gibt man ihm Auskunft. Über das Verschwinden dieses jungen Mannes schiebt sich die von Gustav Schwab zu der bekannten Ballade umgedichteten Sage vom Reiter über den Bodensee. Höfe bemerkt aber, dass ihm damit etwas untergeschoben wird, eine mythische Erklärungsform, die von den Einwohnern nur viel zu bereitwillig geglaubt wird. Soweit die intelligente Konstruktion.

Man erfährt einiges über die Einwohner und diesen Ort am Bodensee, in dem Christof Hamann 1966 geboren wurde, über die Figur Höfe erfährt man dagegen nichts, außer dass er offenbar bindungslos ist und ein gewisses Lonely-Cowboy/Sam-Spade-Image pflegt. Das Klischee zitierend entgeht der Autor diesem aber nicht immer. Höfe ist eben nur eine Nothelferfigur. Wenn auch um fast zwei Jahrzehnte älter als Hamann selbst, ist er dennoch unverkennbar dessen alter ego, der stellvertretend die Fremdheit und Distanz verkörpert, die eigentlich dem Autor zu eigen ist. Das Versteckspiel hinter der Maske bringt aber ungewollt auch die Intention des Autors zum Verschwinden. Die Archivrecherche Höfes ist nur eine durch den Autor simulierte.

Blind greift Höfe in das Material hinein und schon hat er den Fall des verschollenen Robert Teilers. Höfe identifiziert sich mit diesem zunehmend. Was packt ihn aber daran, lässt ihn mit untrüglichem Instinkt das Verdrängte aufdecken und wieso geht es ihn überhaupt etwas an? Da es dem Autor nicht gelingt, genau dieses plausibel zu vermitteln, vermag er auch den Leser nicht wirklich zu berühren. Die Tugend des Autors, Distanz, schlägt hier um in einen Mangel. Unentschieden bleibt Hamann ebenso in seiner Haltung zwischen klinischem Blick und sanft komischer Ironie. "Hehlings", wie das schöne Wort in Hölderlins Handschrift zur "Heimkunft" heißt, verwandelt sich dadurch die beabsichtigte Lakonik in abgeklärte Leidenschaftslosigkeit, und wo der Autor die Einwohner ironisch porträtiert, wirken diese lediglich eher kauzig. So wie auch die Verwendung des Dialekts in Schrift und somit in die Fremde übertragen alles von seiner unheimlichen Doppelbödigkeit verliert.

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