Schwester
und Bruder.
Roman von Ulla
Lenze (2003, DuMont).
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 8.10.2003:
Indien ist seit den Romantikern ein Ort für
Erfahrungen, die in der europäischen Zivilisation keinen Platz haben. Indisches
Nachtstück hat Antonio
Tabucchi erfolgreich als Gattungstitel vorgeschlagen. Zuletzt haben Josef
Winkler und Markus
Braun sich in diesem Genre versucht, und nun folgt ihnen Ulla Lenze
(Jahrgang 1973) mit dem Roman Schwester und Bruder. In ihrem mehrfach, unter
anderem mit dem Klagenfurter Ernst Willner- und dem Jürgen Ponto Preis, prämierten
Debüt lässt sie zwei Geschwister in die weite fremde Welt aufbrechen, um die
nahe gemeinsame wiederzufinden.
Lukas kehrt von einem einjährigen Auffenthalt aus Indien zurück und erzählt
seiner Schwester Martha ausführlich von mystischen Erlebnissen. Nach der
Begegnung mit einem blinden Wandermönch fühlte er sich aufgehoben in einem
unbegreiflichen Schicksal, das seinem Leben endlich Sinn gab. Der angehenden
Juristin Martha gehen diese Geschichten auf die Nerven, sie lassen ihr den schwärmerischen
Bruder immer fremder werden.
Als Lukas in Deutschland nicht Fuß fasst und vermutlich aus psychischen Gründen
erblindet, begleitet Martha ihn widerstrebend nach Indien, wo er seine Sehkraft
wiedererlangen will. In der Wüste bleibt ihr Wagen liegen, und Martha bricht
allein auf, um Hilfe zu holen. Als sie zurückkehrt, ist Lukas verschwunden.
Tage später taucht er wieder auf, und zwischen ihnen kommt zur Sprache, was sie
in der Jugend einander entfremdet hat. Denn wer, wie Lukas in der Wüste sagt,
"an das Ende der Welt" gelangt ist, muss verwandelt heimkehren.
Ein modernes Märchen also von zweien, die auszogen, einander wiederzufinden,
zugleich ein metaphysisch angehauchtes Roadmovie mit den obligatorischen,
allerdings knappen Ausführungen zu Karma, Dharma und Wiedergeburt. Durchzogen
ist es von bruchstückhaften Erinnerungen der Erzählerin Martha an die
Kindheit, an deren Ende sich der Bruder zunehmend von der Schwester in seine
eigene Welt zurückzog. Lukas entscheidet sich für Musik, Magie und Mystik, was
Martha in einen illusionslosen Pragmatismus treibt. Als die beiden den Tod ihrer
Großmutter auf ganz unterschiedliche Weise erleben, scheinen sie sich zu
hassen.
Ulla Lenze gelingt es, diese Andeutungen über das nicht nur von Martha
schmerzhaft erlebte Ende kindlicher Einheit so geheimnisvoll zu dosieren, dass
sie dasselbe Gewicht wie Lukas' phantastische Erzählungen von den Weissagungen
des Mönchs, einer nicht zur Ruhe gekommenen Seele eines britischen Offiziers
und einem im Dienst des Glaubens unternommenen Beischlaf erhalten. Allerdings
erweist sich der am Ende ausgesprochene Grund der geschwisterlichen Entzweiung
letztlich als recht bescheiden. Auch die Ansprüche, Erwartungen und
Rollenmuster, von denen Lukas sich in Indien befreien will, bleiben zu
unbestimmt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
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