Schwert aus
der Scheide.
Gedichte von Isolde
Kurz (1916)
Besprechung von Hannelore
Schlaffer in der Frankfurter Rundschau, 13.12.2003:
Zu den Stuttgartflüchtigen, die berühmt erst wurden, als sie die Stadt
verlassen hatten, gehört, wie Schiller, auch Isolde Kurz (1853 bis 1944). Drei
Jahrzehnte lebte diese Lieblingsautorin der deutschen Frauen in Florenz.
Freilich lag es ihr fern, aus einem revolutionären Protest heraus davon zu
ziehen; die enge Bindung vielmehr an die Familie führte sie mit dem Bruder in
die italienische Stadt. Dem Süden allerdings, dem Licht, der Schönheit, galt
ohnehin ihre ganze Bewunderung. Ihre Florentinischen Novellen,
Geschichten, die am Ursprungsort der Novelle, in der Stadt Boccaccios,
entstanden, zählen noch heute zu den lesenswerten Büchern der Autorin; auch
ein Text wie die Landschafts- und Reisebeschreibung vom Steinbruch in Carrara
fasziniert. In fast all ihren anderen Büchern aber, von denen Vanadis. Der
Schicksalsweg einer Frau 1931 erschien und den größten Erfolg hatte, zeigt
sich Isolde Kurz als die schönheitstrunkene Autorin, deren Herz für Hellas und
Hermann den Cherusker schlägt und deren Kopf von einem
"Germanenfimmel" besetzt ist. So zumindest sah es Sibylle
Lewitscharoff in ihrem Eröffnungsvortrag zur Ausstellung, die im Marbacher Schiller-Nationalmuseum zu Isolde Kurz' 150. Geburtstag zu sehen ist.
Der despektierliche Umgang Lewitscharoffs - ebenfalls einer Stuttgartflüchtigen
- mit ihrer Landsmännin, die sich nicht mit dem Charakter der Figuren, sondern
nur mit deren "überirdischen Atmungsvorgängen" beschäftigt habe und
deren Frauen keine Hinteransicht, sondern nur eine "sich hebende
Brust" hätten, schüchterte die Veranstalter gehörig ein. Mit einiger
Verlegenheit führten sie nun ihre Gäste in den renovierten Ausstellungsraum im
alten Schiller-Nationalmuseum, der inskünftig alle kleineren Ausstellungen in
Marbach beherbergen und sie in einen gewissen Jugendstilglanz tauchen soll.
Wäre Isolde Kurz Goethe, wäre diese Verlegenheit der Veranstalter nicht nötig
gewesen. Bei einem Autor von Weltrang ist eine ausschließlich biographische
Perspektive, wie sie hier vorgeführt wird, angebracht. Bei ihm wäre in der Tat
jedes Papierchen, das er berührte, eine Reliquie, die dem Betrachter noch
einmal seine Kunst in Erinnerung brächte. Isolde Kurz aber ist eine vergessene
Berühmtheit, deren Exhumierung erst einmal begründet werden müsste.
Eine Fotoserie an der fluoreszierend-weißen Wand des Saales macht die ausschließlich
biographische Ausrichtung der Ausstellung auf den ersten Blick unübersehbar.
Fotos von Isolde Kurz wurden in einzelne Ausschnitte zerlegt, so dass man in
ihrer - vergrößerten - Hand lesen, in ihrem - vertieften - Blick rätselraten
kann. Diese elegante Galerie in Silbergrau erweckt den Eindruck, als existiere
auch Isolde Kurz nur aus "überirdischen Atmungsvorgängen". Kunstvoll
sind die Bildausschnitte so arrangiert, dass sie die Lebensabschnitte begleiten,
die die Vitrinen dokumentieren.
In einer dreistöckigen Anordnung ist dort ein reichhaltiges Material
ausgebreitet, das meist in der obersten Etage das Panorama entwirft, in dem sich
Isolde Kurz bewegte: zu Beginn zeitgenössische Ansichtskarten, die die Orte
ihres Buches Aus meinem Jugendland (1918) darstellen, später ein
Panorama von Forte dei Marmi bei Viareggio, wo Isolde Kurz mit Freunden 1899
eine Künstlerkolonie begründete. Unter diesen lokalen Anordnungen spielt sich
auf Fotos das private Leben ab, und auf dem stabilen Vitrinenboden darunter
ruhen dann die gewichtigen Werke: der Gedichtband Schwert aus der Scheide
etwa von 1916, ein feuriger Aufruf zum nationalen Kampf, zeigt, dass die Autorin
so unpolitisch nicht war, wie man es von einer Frauenschriftstellerin gern hätte;
oder Traumland von 1919, eine Sammlung von Träumen, mit denen auch sie
die modernere Domäne der Traumdeutung entdeckt. Die Akribie, mit der die
biographische Dokumentation eingerichtet ist, rechnet auf einen Besucher, der
vom Ruhm der erst 1944 Verstorbenen noch weiß: Dieser findet viel Archiv, aber
wenig Idee. Einer Idee aber hätte es bedurft, um die Wiederbelebung der
Grabbeigaben aus den Museumskatakomben zu rechtfertigen. Hätte man auf Sibylle
Lewitscharoff gehört, so hätte man in ihrem Referat so manchen Wegweiser zu
einer sinnvollen Präsentation entdecken können.
Die schwülstige Poesie der Isolde Kurz erklärte Lewitscharoff aus der
Befangenheit im Familienmilieu; außerdem rückte sie die Autorin in einen
historischen Kontext und wies darauf hin, dass Isolde Kurz eine Zeitgenossin von
Proust, Joyce,
Kafka gewesen war; auch hätte
Lewitscharoff die Neigung der Schönheitstrunkenen
zum Nationalsozialismus schärfer in den Blick gefasst sehen wollen. In der
Ausstellung ist eine Gedichthandschrift Dem Führer des Deutschen Volkes zu
lesen, die Kurz zu Hitlers 50. Geburtstag verfasste. Gerade weil sie keine glühende
Anhängerin des Nationalsozialismus war, wäre ihre Mitgliedschaft in der Preußischen
Akademie der Künste neben den vielen Mitgliedschaften, die die Ausstellung
sonst noch aufführt - beim Radfahr-Verband in Innsbruck, beim Deutschen
Touring-Club -, ein Anlass gewesen, ihre Werke nach dem Potential zu befragen,
das sie zu einer anerkannten Schriftstellerin im Dritten Reich werden ließ.
Nicht nur Menschen machen Geschichte; Bücher prägen sie noch viel mehr. Die
Kuratoren haben alle Ausstellungen, literarische wie historische, immer mehr zu
einem ästhetischen Problem werden lassen und den Sinn als farblosen Akademismus
weggestylt. Auch diesmal ist das Ambiente angenehm, der Spaziergang durch die
Vitrinen unterhaltend für den literarhistorischen Flaneur. Hat der aber mehr
Zukunft als Isolde Kurz? Marbach, Schiller-Nationalmuseum: Bis 14. März 2004.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1203 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau