1.) - 2.)
Schweres
Beben.
Roman von Jonathan
Franzen (2005, Rowohlt - Übertragung Thomas Piltz).
Besprechung von Wolf Scheller aus den Nürnberger
Nachrichten vom 23.08.2005:
Überfrachtete Figuren und eine wirre Handlung
Kein Vergleich mit den „Korrekturen“: Jonathan Franzens früher Roman
„Schweres Beben“ liegt auf Deutsch vor
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2.)
Schweres
Beben.
Roman von Jonathan
Franzen (2005, Rowohlt - Übertragung Thomas Piltz).
Besprechung von Almuth Finck in der Frankfurter Rundschau, 21.9.2005:
Wie seine liebsten Deutschen
Jonathan Franzens Roman "Schweres
Beben" wühlt in den amerikanischen Obsessionen der Achtziger
Sehnsucht weckt dieser Roman. Quälende Sehnsucht
nach der kurzen Form. Kafkas
klitzekleinste Fabeln möchte man lesen im Anschluss an Jonathan Franzen. Die
Keuner-Geschichten von Brecht
vielleicht. Oder besser noch: Haikus. Diese paar Silben nur, aber alles drin.
Denn nicht nur wirkt der Plot von Schweres Beben arg konstruiert, die
Handlung verworren wie ein Wollknäuel nach Bearbeitung durch ein Katzenvieh -
die ganze abstruse Geschichte quillt selbst für Liebhaber von Volumen und Fülle
über den Rand des an epischer Breite gerade noch Erträglichen hinaus. Erst in
der zweiten Hälfte - nach 350 Seiten - kommt der Roman etwas in Schwung, am
Ende wird sogar ein mäßig spannender Krimi daraus, aber diese Genre-Mutation
vollzieht sich erst auf den letzten 100 Seiten.
Dass sein Buch allzu gewichtig und ideologisch überfrachtet ist, weiß der
Autor durchaus. Als einen Schriftsteller, "der vor Meinung überläuft",
hat der Jonathan Franzen von 2005 den schwadronierenden Franzen von 1991 denn
auch kokett gerügt. Schweres Beben ist nämlich kein neues Buch.
2001/2002 war der 1959 im Mittleren Westen der USA geborene Autor mit seinem
dritten Roman, Die Korrekturen, zum Hätschelkind des post-postmodernen
Literaturbetriebs in den USA und - seltener Fall - gleichermaßen in Europa
avanciert. Der Rowohlt Verlag hat daraufhin mit dem Erstling des Amerikaners aus
dem Jahre 1988, Die 27. Stadt, nachgelegt. Jetzt, 13 Jahre nach
Erscheinen der Originalausgabe, liegt mit Schweres Beben auch der zweite
Franzen-Roman auf Deutsch vor.
Abtreibungsgegner, Umweltsünder und die Geburt der "p.c."
Die Handlung spielt in den USA der 80er Jahre,
einem Jahrzehnt, das als verschlafen gilt in Anbetracht der
gesellschaftspolitischenTumulte, die vorher herrschten, in den 60er und auch
noch 70er Jahren, und des Aufruhrs, die nachher kam, mit dem geopolitischen
Wandel der Systeme. Dabei gab es damals nicht nur politische Resignation und
kopflosen Kommerz. Die 80er Jahre hatten eine Menge Zündstoff zu bieten, mit
dem Erstarken der christlichen Fundamentalisten und dem Beginn der political
correctness oder dem Iran-Contra-Skandal - und weiß noch jemand, wer Manuel
Noriega war?
In Franzens Roman geht es um Abtreibung und militante Abtreibungsgegner, um
skrupellose Umweltsünder und gutmenschelnde Umweltaktionisten, um die Verlierer
der reaganomics und um korrupte Kapitalistenschweine, die natürlich die
wirklichen loser sind. Schließlich, und hier kündigt sich bereits der
Autor der Korrekturen an, geht es um das Biotop Familie, wenn auch
Franzen in Schweres Beben noch nicht den erbarmungslosen Blick besitzt,
mit dem er später die Institution Familie am Ausgang des 20. Jahrhunderts
entlarven wird: als aggressionsgeladen, grotesk, peinlich und öde - bei all dem
aber zählebig.
Die Familie Holland im Epi-Zentrum der Handlung wird von Erschütterungen
heimgesucht, metaphorisch wie buchstäblich. Während unerklärliche Erdstöße
wiederholt den Staat Massachussetts erfassen, gerät die familiäre Tektonik der
Hollands dadurch ins Wanken, dass Mutter Melanie ein beachtliches Vermögen
erbt, welches allerdings aus Aktien eines Chemiekonzerns besteht, der durch
jahrelange Tiefenbohrungen zur Entsorgung von Giftmüll die seismographischen
Sonderbarkeiten in und um Boston ausgelöst hat. Ruchbar wird das durch die
Nachforschungen der Wissenschaftlerin Renée, in die sich, welch Zufall,
Holland-Sohn Louis verliebt, ein 24-jähriger Melancholiker mit körperlichem
Ekel vor Geld und einem Hang zu Lethargie und Secondhand-Klamotten.
Louis' blässliche Schwester Eileen wiederum, eine angehende Bankerin, hat ein
Techtelmechtel mit dem arroganten Sohn eines der Oberschurken in jener umweltschändenden
Firma, der hinter den dunklen Gläsern seiner Ray-Ban-Sonnenbrille darauf
wartet, seinem verhassten Vater nachweisen zu können, dass der Dreck am Stecken
hat. Ach so, dann ist da noch das Abtreibungsthema: es kommt dadurch ins Spiel,
dass Renée eine unbedachte öffentliche Äußerung über das Recht der Frau auf
Selbstbestimmung macht und so in die Schusslinie radikaler pro-life-Aktivisten
gerät.
Bühne frei für die charmanten Nebenfiguren
Klingt ziemlich herbeigeholt, das alles? Wohl
wahr - doch soll auch Lob fallen, wo Lob hingehört: Während die beiden
Hauptprotagonisten, Sohn Louis und die Seismographin Renée, wie wandelnde
Holzschnitte durch die Geschichte staksen, hat Franzen mit den zahlreichen
Nebenfiguren schillernde, komplexe Persönlichkeiten geschaffen. Der
fundamentalistische Geistliche Philip Stites etwa lässt jedes Klischee vom
verbohrten hardliner hinter sich - ist beängstigend clever, charmant, überhaupt
nicht prüde, bei all dem aber unheimlich, unheimlich faszinierend. Oder
Holland-Vater Bob, im Hintergrund agierend, eine alte, längst nicht mehr
rebellische Marxistendrohne aus dem universitären Umfeld, die daran leidet,
dass auch der anständige Kerl aus der Arbeiterklasse konsumgierig ist wie ein
Bourgeois. Einen guten Bordeaux verschmäht dieser Professor selbstverständlich
nicht.
Schweres Beben ist also vieles: bunt, laut, leidenschaftlich, wütend,
bekennerhaft, manchmal zynisch, manchmal romantisch, manchmal ziemlich kitschig
und - nach Aussagen des Autors, der einige Jahre in Berlin und München
verbracht hat - sehr deutsch. "Ich schätze, dass Louis' virulente
Abneigung gegen Amerika, sein verzweifeltes Linkssein und sein obsessives Verhältnis
zur Umweltzerstörung Deutschen auch heute noch viel bekannter vorkommt als
Amerikanern", so Franzen kürzlich in einem Interview. "Renée
indessen ist eine Wissenschaftlerin, die Phasen regelrecht quälender
Selbstreflexion durchleidet, eine charmante, manchmal komische, manchmal
tragische Eigenschaft, die ich in all meinen liebsten Deutschen wieder
finde."
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