1.)
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Schweigeminute.
Novelle von Siegfried Lenz (2008,
Hoffmann & Campe).
Besprechung von Wolf Scheller im Münchner Merkur,
4.5.2008:
Zarte Liebe - Siegfried Lenz‘ „Schweigeminute” ab heute im Handel
Das ist eine der schönsten Liebesgeschichten der deutschen Gegenwartsliteratur. Wir verdanken sie einem Erzähler, der in Geschichten verpackt, was ihn beschäftigt, der Geschichten erfindet, um sich und uns zu erklären, warum die Welt ist, wie sie ist. Dass er damit entschlossen auch eine moralische Wirkung von Literatur anstrebt, würde er selbst nie behaupten, dafür ist er zu bescheiden, zu unpathetisch.
Siegfried Lenz und das „Universum des Trostes”.
Aber jetzt hat Siegfried Lenz mit der Novelle „Schweigeminute” einen für diesen Autor völlig ungewöhnlichen Weg beschritten. Die Liebesbeziehung zwischen einem 18-jährigen Schüler und seiner um nur wenige Jahre älteren Lehrerin zum Thema zu machen, hätte man von Lenz am wenigsten erwartet. Denn die Liebe hat in seinen Romanen und Erzählungen nie eine zentrale Rolle gespielt.
„Auf einmal jedoch warf sie den Kopf zurück und sah mich überrascht an, … als hätte sie unerwartet etwas gespürt oder entdeckt, womit sie nicht gerechnet hatte.” So zart, so dezent intoniert Christian die Erinnerung an den Beginn seiner Liebe zu Stella. Er hatte sie am Rücken berührt, sie gestreichelt. Sie gehen zu ihrem Hotel. Die Erinnerungsperspektive bleibt dem Ich-Erzähler vorbehalten. Sie entwickelt sich während der Schul-Gedenkstunde für die bei einem Unfall ums Leben gekommene Englischlehrerin Christians.
Christian hilft nachmittags immer seinem Vater , den Wellenbrecher am Molenkopf zu verbreitern und aufzustocken. Eine schwere Arbeit, der Junge muss öfters ins Wasser, um zu prüfen, ob die Steine auch richtig liegen. Hier irgendwo an der Küste in der Nähe der deutsch-dänischen Grenze sind schon die Kinder mit den Elementen aufs Beste vertraut. Und Lenz schwelgt mit der für ihn typischen sinnlichen Prosa in dieser Welt der Steinfischer, Seevögel und Angler, Ausflugsdampfer und Ruderboote.
Stella interessiert sich für die Arbeit seines Vaters, für die Steinfelder. Christian nimmt sie zu einer Regatta mit. Ein Unwetter zwingt sie an Land. In ihrem Hotel, wo sie vorübergehend wohnt, kommen sich die beiden näher. Christians Erwartungen werden aber schon in der ersten Englischstunde nach den Sommerferien enttäuscht. Sie hält ihn auf Distanz, behutsam, fürsorglich. Es ist etwas Unzerstörbares in dieser Beziehung. Und auch, wenn Lenz der Erotik zu ihrem Recht verhelfen will, bleibt es sprachlich im Bereich der Diskretion: „… ich streifte ihren Badeanzug ab, und sie ließ es geschehen, sie half mir dabei, und wir liebten uns dort in der Mulde bei den Kiefern.”
Das Maß der Beschränkung und Bescheidung, das der mittlerweile 82-jährige Autor beim Einsatz seiner Stilmittel walten lässt, ist weder altbacken noch altmodisch. Hier wird Sprache mit Noblesse geführt, die es nicht nötig hat, sich irgendwelchen modischen Trends anzupassen. Wenn Stella ihrerseits Christian näher betrachtet und einen Satz spricht wie - „Sie lächelt wirklich, deine Haut lächelt wirklich, Christian.” - dann entsteht eine Stimmung der Freundlichkeit, eines Zugewandtseins, in dem sich beide aufgehoben wissen. Und doch weiß man von Beginn an um den Verlust, das tragische Ende. Lenz, der die Handlung von ihrem Ende her aufbaut, spricht da vom „Universum des Trostes”, vom „Actus Tragicus”. Der letzte Brief von Stella - geschrieben kurz vor dem Unfall - enthält nur: „Love, Christian, is a warm bearing wave.” Siegfried Lenz‘ neue Novelle ist kein Alterswerk, wohl aber ein Geschenk, das er sich und uns gemacht hat.
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2.)
Schweigeminute.
Novelle von Siegfried Lenz (2008,
Hoffmann & Campe).
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
04.06.2008:
Weisheit und Melancholie mit jungem Gesicht
Ein ungleicheres Paar als die beiden, die gerade
die deutschen Bestsellerlisten anführen, könnte man sich kaum ausdenken: Gleich
hinter Charlotte Roche, die mit ihren
"Feuchtgebieten" die Ausweitung der Zotenzone unter Einbeziehung von unwegsamem
Rasurgelände betreibt, hat sich schon kurz nach Erscheinen seines neuen Buchs
einer der großen alten Herren der deutschen Nachkriegsliteratur festgesetzt:
"Schweigeminute" ist eine Liebesgeschichte von vollkommen unzeitgemäßer Dezenz
und Zärtlichkeit. Es ist ein literarisches Glanzstück: Besser hat Siegfried Lenz
in den langen Jahrzehnten seines Schaffens selten geschrieben.
Ein Gegenstück zu Thomas Manns
Altersnovelle
Jenseits aller historisch-politischen Szenarien, die seine "Deutschstunde" und
erst recht sein "Heimatmuseum" zu Meilenstein-Romanen gemacht haben, erzählt
Lenz diesmal eine Liebesgeschichte, von der von vornherein feststeht, dass sie
bös ausgeht. Aber anders als in vielen anderen seiner Erzählungen, die oft ja
nur wortschlank eingekleidete moralisch-seelische Bewährungsproben oder
Entscheidungszwickmühlen sind, geht es diesmal nur um eine Liebe. Und nicht mal
um eine besonders originelle - wie oft schon haben sich Lehrerinnen und Schüler,
Schülerinnen und Lehrer aneinander berauscht, im Leben wie in der Literatur.
Aber es kann von vornherein nicht gut ausgehen mit Stella, der jungen
Englischlehrerin mit dem Faible für mehrere Optionen, und mit Christian, der von
sich fast genauso hingerissen ist wie von Stella. Es konnte nicht gut gehen
zwischen den beiden, die auf immer getrennt gewesen wären durch den Vorsprung an
Kenntnissen und Erfahrung der Lehrerin, und die doch so glücklich waren
zusammen, auf der Vogelinsel, am Strand, an der See, wo diese Erzählung spielt.
Darin liegt der große Kunstgriff des 82-jährigen Siegfried Lenz, dass er die
Sehnsucht der beiden auf uns Leser überträgt, dass wir ihnen das Glück wünschen,
das sie nicht haben werden. Denn Stella ist von vornherein tot, die
Schweigeminute, mit der das Buch beginnt, ist für sie. In der großen, liebe- und
respektvollen Zuneigung des Erzählers für sie liegt wohl auch ein letztes
Geschenk von Siegfried Lenz an seine Frau Lieselotte, die vor zwei Jahren starb.
Wenn es Trauerarbeit war, dann hat sie selten so Schönes, Anrührendes
hervorgebracht. Die "Schweigeminute" ist ein großes Gegenstück zu
Thomas Manns großer Altersnovelle "Die
Betrogene" - aber bei Lenz haben Weisheit und Melancholie jugendliche Gesichter.
Und manchmal zwinkern sie, wie mit dem alten Mann aus Masuren, der die schöne
Anekdote von der Trauerfeier erzählt, auf der am Ende auch genug Platz zum
Tanzen war - nachdem man den Sarg hochkant gestellt hatte. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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