Schwarzweißroman von Marion Poschmann, 2005, FVA1.) - 2.)

Schwarzweißroman.
Roman von Marion Poschmann (2005, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 5.10.2005:

Verschneites Ruß-Land
Und dann und wann ein roter Fleck: Aus dem Ruhrgebiet nach Magnitogorsk mit Marion Poschmanns "Schwarzweißroman".

Tibets Bergspitzen sind übersät mit dem Müll der Trekking-Touristen. Alle naselang fährt einer mit dem Fahrrad von Feuerland nach Alaska. Oder umgekehrt. Selbst nach Waren an der Müritz, das Fontane für den Fall eines Weltuntergangs empfohlen hat, weil dort alles hundert Jahre später hinkommt, verirrt sich gelegentlich einer von uns, seit die Mauer weg ist. Es gibt einfach keine weißen Flecken mehr auf dem Globus. Und wenn, dann sind sie schwarz: die Diamantenminen in Südafrika, die Kohlegruben in China und - Magnitogorsk.

Schalke gegen Borussia

Was für eine Idee, ausgerechnet jemanden aus dem Ruhrgebiet nach Magnitogorsk zu schicken! Marion Poschmann mutet der Heldin ihres zweiten Romans diese Reise nach jenseits von allem zu, in die russische Reißbrett-Stadt am Ural, die einst dafür sorgen sollte, dass die Gleichung "Sozialismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung" aufging. Aber Trotzki ist tot und wir sind in den neunziger Jahren. Und ausgerechnet ein Montagetrupp aus dem Revier, wo Kohle und Stahl gerade zur Industriekultur abgebaut werden, leistet Aufbauhilfe in Magnitogorsk, wo nun noch weniger klappt als in sozialistischen Tagen.

Es ist das Land, wo alles anders ist. Es macht aus den Männern, die immer noch wissen wollen, wie Schalke gegen Borussia gespielt hat, andere Menschen. "Der Alkohol, der Schnee, die Langeweile", sagt einer, der die Gründe kennt. Erst will man Widerstand leisten - und dann trinkt man doch. Wodka. Und Milch, die wahrscheinlich verstrahlt ist, weil es in der UdSSR mehr als ein Tschernobyl gab, lauter Städte, die auf keiner Landkarte verzeichnet waren.

Magnitogorsk jedenfalls macht aus Frauen Flittchen und Männer wie Theo Cziczinski aus Ruhrort machen sie hier zu ihren Mätressen. Die Stadt saugt alle auf, die hierher verschlagen werden. Ein jedes Ich löst sich auf. Hier kommt keiner lebend raus, weil der Mensch, der man vorher war, nicht mehr da ist. Und wer trotzdem weggeht, muss wieder ganz von vorn anfangen, weil er in sein altes Leben nicht mehr hineinpasst. Und unter allem rumort der Zweite Weltkrieg, rumoren die Waffen, die hier produziert wurden und bei Krupp in Essen.

Warum die junge Frau ihrem Vater in den Ural folgt, bleibt ein Rätsel. Bis zum Schlusskapitel, das ein Knall ist - verglichen mit dem Anfang dieses Buches, durch den man sich zäh hindurcharbeiten muss wie durch eine Eisschicht. Doch dann stößt man vor in eine Landschaft, in der die Geschichte von Kohle und Persil im einstigen Ruhr-Land fortgeschrieben wird, in das ständig verschneite Ruß-Land dieses "Schwarzweißromans". Und irgendwann fallen einem die vielen Flecken aus Rot auf, die Marion Poschmann da hineingetupft hat, als wär´s ein Gemälde von Lissitzky: Nelken und Fußsohlen, Mäntel, Fuchsfelle und Magnetgestein, Flusen und der Mund von einem, der Blut spuckt.

Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, "Villa Massimo"-Stipendiatin und längst in Berlin lebend, hat bislang eher mit ihren Gedichten überzeugt, die eine "Geometrie der Melancholie" vor Augen führten. Ihrem reizvoll entworfenen Debüt-Roman "Baden bei Gewitter" fehlte noch ein überzeugender Schluss. Ihrem neuen, zweiten Roman fehlen höchstens noch die Leser, die er verdient hätte. (NRZ)

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Leseprobe I Buchbestellung 1005 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

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Schwarzweißroman von Marion Poschmann, 2005, FVA2.)

Schwarzweißroman.
Roman von Marion Poschmann (2005, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Katrin Hillgruber in der Frankfurter Rundschau, 7.12.2005:

Rotkäppchen friert
An der Bewusstseinsgrenze des Ural: Marion Poschmanns rätselhafter "Schwarzweißroman"

Jeden Abend werden in Moskau auf einem riesigen Gelände zu Füßen der Statue mit der Siegesgöttin 1418 Springbrunnen angestrahlt: in Rot, wie Fontänen aus Blut, passend zu den fünfzackigen Kreml-Sternen, die ihre Leuchtkraft echten Rubinen verdanken. 1418 Tage dauerte der Zweite Weltkrieg, 1418-mal sprudelt symbolisch das vergossene Blut der "Verteidiger der russischen Erde" empor, von der Niederschlagung Napoleons bis zum Großen Vaterländischen Krieg, der zwanzig Millionen Sowjetbürgern das Leben kostete. Diese triumphale Architektur der Siege, die das Opfer des einzelnen zum Mosaikstein eines martialischen Ornaments macht, wirkt auf westliche Betrachter befremdlich bis erschreckend. "Rot" heißt im Russischen auch "schön", und so prägt sich auf dieser Farbpalette ebenso das matte Leberrot des Lenin-Mausoleums ein. Seit Wladimir Iljitsch Uljanows Tod am 21. Januar 1924 scheint es, als speise sich die Farbe des verwendeten Marmors auf gespenstische Weise vom Nimbus des zur Unsterblichkeit verdammten Revolutionärs.

Eine große Fluchtbewegung weg von der ideologisch geballten Farbe Rot

Marion Poschmanns Schwarzweißroman liest sich wie eine große Fluchtbewegung weg von der ideologisch geballten Signalfarbe Rot in die vermeintliche Farblosigkeit mehrere Tausend Kilometer weiter östlich von Moskau. Die namenlose Ich-Erzählerin, die gerade ihr Examen bestanden hat und sich in einem existenziellen Schwebezustand befindet, fliegt in die sagenumwobene Arbeiterheldenstadt Magnitogorsk im Ural, um ihren Vater zu besuchen. "Im Kampf gegen das faschistische Deutschland schmiedeten wir alle 1418 Kriegstage furchtbare Waffen", sagt eine Veteranin ihren Text auf. Im größten metallurgischen Kombinat der Welt arbeitet eine Gruppe deutscher Ingenieure, deren sprichwörtlicher Fleiß immer wieder durch fehlendes oder falsches Material torpediert wird.

Vage geht es dabei auch um "Wiedergutmachung". In Magnitogorsk erwartet die Reisende, die eher eine Probandin ist, eine ermattende Symphonie von Grautönen. Die "zentrale Farbe des Ostblocks" verschluckt jeden anderen Farbton und damit jede Individualität, bis auf ihren roten Mantel mit Pelzbesatz. Im harmlosen deutschen Winter erschien er ihr kälteresistent und verleiht ihr jetzt, in einer Klimazone ganz anderen Kalibers, einen rührend-naiven Rotkäppchen-Touch.

Mischt man die Nicht-Farben Schwarz und Weiß, entsteht Grau: Die chromatische Programmmusik des Schwarzweißromans, die an Alexander Skrjabins "Farbenklavier" erinnert, klingt bereits im Flugzeug an - in Gestalt eines Plastiklöffels, dessen Nähte durch steten Gebrauch aufgeraut sind: "Strapazierfähig und unbestimmt, eignete sich Grau für Essbestecke so gut wie für Betongebäude, ganze Straßenzüge und ausgedehnte Parkplätze. Dieser Umstand gab der Farbe selbst in kleinen Dimensionen etwas heimlich Monumentales."

Als die junge Frau in Moskau ankommt, muss sie eine umständliche Taxifahrt zwischen zwei Flughäfen unternehmen, um ihre Reise fortzusetzen. Diese Einstiegsszene kündigt das bewusstseinsverändernde Abenteuer, das ihr - und dem staunenden Leser - bevorsteht, leitmotivisch an. Schon hier gerät die Realität ins Flirren, als sie am Straßenrand einige Männer beobachtet, die grundlos Gummi verbrennen: "Es gab dafür keinen Rahmen, keinen Zusammenhang." Die westliche Beobachterin ist dabei, ihre Koordinaten einzubüßen, als sei sie sich "im Dunkeln abhanden gekommen". Auf den Verlust der Farben folgt der Verlust der Formen: "Die Ränder der Dinge verwahrlosten", heißt es mehrfach. Erst im letzten der dreißig Kapitel, die so wundersam zeitlose Überschriften wie "Methan Butan Propan", "Heißmangel" oder "Himmlische Heerscharen" tragen, erst im Schlusskapitel "Terra incognita" ist es der Erzählerin vergönnt, einen Nachmittag "wie in einem Quadrat mit stabilen Begrenzungen" zu verweilen - eine Hommage an das magische Schwarze Quadrat Kasimir Malewitschs.

Der Vater, zu dem die wissbegierige Tochter in seltsamer Distanz verharrt, hat sich dem "Russlandkoller", dem "Experiment der Eintönigkeit", der "unerbittlichen Wiederholung von Betonplatten" längst ergeben. Selbst die Hotelmöbel und Gardinen scheinen seine letzten Vitalkräfte mit ihren schweren Materialien und Mustern magnetisch zu hemmen. Die Heldin erahnt die menschenverachtenden Geheimnisse einer Stadt, die als atomar verseucht gilt. In ihrem roten Mantel macht sie sich auf, von der Allee der Kosmonauten aus den russischen Alltag zu erkunden. Sie geht einkaufen und ins berühmte Dampfbad, lernt den begabten, doch todgeweihten Konstantin und dessen Großmutter kennen oder besucht ihren Vater am Arbeitsplatz. Dabei entsteht ein Kaleidoskop aus treffenden Kurzporträts.

An der originellen Bildsprache und dem reizvollen Wechsel zwischen exakter Beobachtung kleinster Details und der phantasievollen Verarbeitung von Ideologemen ("In Russland hatte der Ingenieur über Jahre hin die Stelle Gottes angenommen") lässt sich die zu Recht hochgelobte Lyrikerin Marion Poschmann erkennen. Magnitogorsk hat die 1969 geborene Germanistin und Slawistin in den neunziger Jahren selbst einmal besucht. In ihren Gedichten ist zuweilen von Randzonen und Körpern als "Depots der Geschichte" die Rede. In ihrem zweiten Roman nach Baden bei Gewitter (2002) lässt sie ihr poetisches Vermögen nun ganz in die epische Breite fließen. Dabei tauchen mitten im Text reflexiv verdichtete Momente in Gedichtform auf, was durchaus genuin wirkt.

Die Geschichte von einer, die auszog, in der verschneiten Stadt M. das Fürchten zu lernen, ist eine Parabel über die Resistenz der Fremdheit und des historischen Grauens in unserer westlich bestimmten Gegenwart. Die schaurig-schönen Märchen der Frühromantik klingen an, auch das Romanfragment Die Lehrlinge zu Sais, in dem der Bergbau-Experte Novalis an die Überwindung des gestörten Kontakts zwischen Mensch und Natur appellierte. In dieser Tradition apostrophiert der Schwarzweißroman die Metallurgie als "Beleidigung für die Götter". Eigentlich sind die beiden Mythen von Magnitogorsk, der "zweitschmutzigsten Stadt Russlands" mit kranken Kindern, buntem Schnee und ohne Pflanzenwuchs, längst inaktiviert: jener vom Magnetberg, der einst die Schiffe anzog und zerschellen ließ, und die stalinistische Heldensage von der unermüdlichen Panzerproduktion an der Heimatfront.

Im Banne des Metallurgischen Kombinats

Wie ein gefesselter Riese ist der Ort in seiner triumphalen Sieges-Ästhetik gefangen. Ludwig Tiecks Runenberg oder E.T.A. Hoffmanns Die Bergwerke zu Falun gleich, zieht das Magnitogorsker Metallurgische Kombinat die Menschen in seinen Bann. Das ist gerade deshalb gefährlich, weil dem Betrieb der ursprüngliche Zweck und damit sein sozialistischer Stolz geraubt wurde. Die Autorin findet für diesen genius loci beunruhigende Bilder vom Aufgesaugt-Werden und Verschwinden. Sie kontrastieren wiederum ein höchst amüsantes Sittengemälde. Denn in der isolierten Gruppe der deutschen Ingenieure und ihrer russischen Geliebten entspinnt sich ein munteres Beziehungsgeflecht.

Die einst brave, nun enthemmte Tochter versucht, durch eine grotesk-brutale Liebesbeziehung mit dem Chef ihres Vaters zu sich selbst zurückzufinden. Dabei kommt einem zweckentfremdeten Putzeimer eine denkwürdige Rolle als Aphrodisiakum zu: "Rund und konvex, in Fischaugenperspektive drehten sich die Wände. Durchtränkte Wände, die die zwanziger und dreißiger Jahre ausdünsteten. Hochhauskomplexe und Lagerhallen, Kommunalwohnungen und öffentliche Gebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit, die ganze russische Architektur mit ihrem drückenden Idealismus wölbte sich um uns, und ich schloss die Augen."

Weiblicher Sarkasmus prägt diese Passagen eines Ensembleromans. Das erinnert an DDR-Brigade-Filme wie Konrad Wolfs Sonnensucher von 1957, in dem das Mädchen Lutz in die verschworene Gemeinschaft des Uranbergbaus von Wismut gerät. Wolf wollte zeigen, wie die Gesellschaft "ihre" Menschen formt und dabei "oft hart und grob strahlendes Erz von hemmenden Schlacken und der Last tauben Gesteins befreit". Mit dem Schwarzweißroman und seiner umfassenden Materialprüfung im Geiste der Romantik liegt das Negativ zum verhängnisvollen roten Entwurf des Neuen Menschen vor. Der poetische Ernst, mit dem sich die Autorin dieser Herkulesaufgabe gestellt hat, ist eines der vielen Mirakel ihres Buches.

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