1.) - 6.)
Schundroman.
Roman von Bodo
Kirchhoff, (2002,
Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Christine Diller aus der Münchner Merkur, 26.6.2002:
Spiel um scheiternde Existenzen
Bodo Kirchhoffs
Schundroman
Er heißt "Schundroman" und ist schon allein deshalb keiner. Denn ein Autor, der
sich der Mittel der Kolportage bedient, ein schmieriges Krimifigurenkabinett einsetzt, die
klassischen Sujets Reichtum und Schönheit abhandelt und auch noch Requisiten wie die
Edelnutte, die First-Class-Stewardess sowie das schicke Automobil und die limitierte Uhr
bemüht, schreibt das nicht gleich in den Titel.
Oder er hat anderes damit vor. Wie Bodo Kirchhoff, der sich nach seinem gelobten Roman "Parlando" einen Spaß machen wollte: Die Naturgewalten - berühmte, vernichtende oder Segen bringende Stimmen der Literaturkritik (in seinem Fall: "ein fabelhafter Erzähler, ein missratener Roman")- einmal selbst dirigieren.
Martin Walser, der sich im letzten Herbst ebenfalls mit seinem neuen Roman "Der Lebenslauf der Liebe" einmal mehr den Kritikerstürmen ausgesetzt sah, hatte dieselbe Idee und kam ihm in der Öffentlichkeit zuvor: Sein Manuskript "Tod eines Kritikers" machte wegen unrühmlicher Umstände die Runde in den Feuilletons. Und ehe die Debatte um einen vermeintlichen Rachefeldzug und unterstellten Antisemitismus wieder vergessen ist und alle nur noch den Nachmacher wittern, sah sich die Frankfurter Verlagsanstalt gezwungen, Bodo Kirchhoffs Geschichte um den Tod eines Kritikers schon jetzt zu veröffentlichen. Der ließ es sich jedoch nicht nehmen, auf den Zug aufzuspringen, indem er jenes kursierende Manuskript sowie einen "schwäbischen Clown" mitspielen lässt.
Walsers Scheintod des Literaturpapstes ist bei Kirchhoff der gänzlich unbeabsichtigte, so würdelose wie wirkungsvolle Totschlag: Der zweifelhafte Held Willem Hold, als Auftragskiller angesetzt auf einen korrupten Unternehmer, will mit dem gezielten Ellbogenstoß auf die Nase irgendeines Kunden, leider des Kritikers Louis Freytag, in der Flughafenbuchhandlung nur von seiner hübschen Bekanntschaft aus dem Flieger ablenken. Denn die soll einen Freier um die Ecke und dabei einen Picasso an sich gebracht haben und wird nun von den Erben verfolgt. Ihr tut der Tod des Kritikers übrigens äußerst leid, weil er nämlich drei ihrer Jungmädchengedichte einst in der FAZ druckte. Zwei auf sie angesetzte Privatdetektive, die Sexfibeln-schreibende Gattin des Unternehmers, der Shootingstar Ollenbeck sowie ein gewisser Dr. Zidona komplettieren das Ensemble.
Kirchhoffs Verdienst besteht darin, dass er es souverän durch ein hervorragend angelegtes Handlungslabyrinth führt. Eine Geisterbahn, was die Karikaturen der Buchmessen-Society angeht, und ein Gruselkabinett hinsichtlich der Darstellung durchlöcherter Wangen und entwürdigender Tötungsarten. Weil Kirchhoff ebenso geschickt mit der dramaturgischen Trickkiste umgehen kann wie mit den Kolportage-Versatzstücken, bleibt es eben nicht beim Horror- und Schundroman. Seine Figuren bekommen Charakter, keinen guten, aber meist einen interessanten.
Seine überstürzten Schachzüge mit ihnen erzeugen einen Rausch der sich überschlagenden Ereignisse auf den Verfolgungsjagden in Frankfurt am Main und am Gardasee, wo man sich den Showdown liefert. Sie sind nicht nur spannender, sondern in den meist den Literaturbetrieb streifenden und kommentierenden Dialogen viel geistreicher als die offenbar unvermeidlichen Persiflagen der Buchmessen-Rituale. Dass Kirchhoff sein Pulp-Fiction-Kunststück nicht von seinem übrigen Werk losgelöst sieht, wird zweifach deutlich: Alte Bekannte aus früheren Büchern treten auf - der Gardasee und der vergessene Autor Branzger. Und hinter der Schundroman-Maske verbirgt sich die Geschichte einer großen, komplizierten Liebe zwischen der Edelnutte und dem Killer, wobei Kirchhoff auch das wieder rechtzeitig von der Schnulze im siebten Himmel auf den Boden der schmutzigen Tatsachen zu ziehen weiß.
Ein witziges Spiel um scheiternde Existenzen führt der Autor hier vor: Er zeigt, wie sich seine Erfindungen, um zu überleben, selbst ständig neu erfinden müssen, und wo sie es nicht schaffen, hilft er mit den Mitteln und Zufällen des Schundromans ein bisschen nach. Als Schlüsselroman kann man ihn zwar auch lesen wollen, aber wer will schon etwas entschlüsseln, was mit Schund überschrieben ist. Da hat sich Kirchhoff elegant aus der Affäre gezogen.
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2.)
Schundroman.
Roman von Bodo
Kirchhoff, (2002,
Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Wolfgang Platzeck aus WAZ vom 29.06.2002:
Der Skandal bleibt
diesmal aus
Auch in Bodo Kirchhoffs "Schundroman"
spielt M. Reich-Ranicki
mit
In Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" erleidet der Literaturpapst André Ehrl-König den Scheintod. In Bodo Kirchhoffs "Schundroman", der zeitgleich erscheint, stirbt der "Pate" des deutschen Literaturbetriebes, Louis Freytag, tatsächlich. Und wieder ist Marcel Reich-Ranicki gemeint. Ein neuer Skandal ist allerdings nicht in Sicht.
Ist es reiner Zufall? Oder zeugt es von einer breit gestreuten, sich in vielen Jahren bis zum kritischen Punkt angereicherten und dann zwangsläufig entladenden Wut über den Kulturbetrieb, der für Kirchhoff etwas "Sizilianisches" hat, etwas Mafiöses? Allein die Tatsache, dass sich zwei renommierte Autoren unabhängig voneinander, allenfalls in zwischenzeitlich erlangter Kenntnis des je anderen Projekts, auf die einsame Symbolfigur dieses Betriebes besinnen, stimmt nachdenklich.
Manche Bilder gleichen sich bei
Kirchhoff und Walser - was
etwa die plakative, sich allbekannter Schlagwörter und Gefühlsausbrüche ("ich habe
geweint beim Lesen") statt sachlicher Argumente bedienender Kritik betrifft. Auch
Kirchhoff bringt die FAZ ins Spiel, in der Freytag schon mal lyrische Versuche einer
schönen Frau veröffentlicht - und die Einladung zum zweisamen Tee prompt nachschickt.
Die Übereinstimmungen sind,
wenngleich nicht zahlreich, so doch frappant.
Auch Kirchhoff selbst gibt sich und seine Verachtung des Kulturbetriebes zu erkennen - in der Figur eines mäßig erfolgreichen, am Gardasee residierenden Schriftstellers, der tatkräftig mithilft, in einem furiosen Showdown der Liebe und der Gerechtigkeit (nicht: dem Recht) zum Sieg zu verhelfen.
Ein dem "Fall Walser" vergleichbarer
Antisemitismus-Vorwurf - den die FAZ zum Erscheinen des Walser-Romans in einem
weiteren Anflug von Rechtfertigungs-Publizistik bekräftigt - wird Kirchhoff freilich
nicht treffen. Sein Freytag tritt rein zufällig ab. Willem Hold, Uhrenliebhaber und
Auftragskiller, hat sich auf dem Flug von Manila nach Frankfurt in seine Sitz-Nachbarin
verliebt. Diese Lou wird verdächtigt, einen Kunden zu Tode geliebt und dessen Picasso
geklaut zu haben. Um durch etwas Tumult von Lou abzulenken, rammt er am Flughafen dem
Nächstbesten den Ellbogen vor die Nase. Zu fest. Was ihm fortan zutiefst Leid tut, aber
nicht mehr zu ändern ist. Mit dem Missgeschick beginnt ein rasanter Liebes-Krimi um
Bilder, Bücher und dubiose Leasing-Geschäfte, der sein Wesen im Titel führt:
"Schundroman", Kolportage, "Pulp Fiction".
Nichts ist zu hanebüchen, zu schräg, keine Wendung zu verrückt. Jeder hat irgendwie mit jedem zu tun, hinter jedem Auftraggeber steht ein Hintermann steht ein Schattenmann. . . Es ist jene Art von lustvoll entwickelter Soap, wie sie zum Beispiel Mario Vargas Llosa in "Tante Julia und der Kunstschreiber" zur absurden Blüte geführt hat. Den "seriösen" Erzähler Kirchhoff hat wohl ein Teufel geritten - und der Leser reitet begeistert mit.
Allerdings möchte Kirchhoff auch
mit dem Kulturbetrieb abrechnen, doch hier bleibt das Buch befremdlich zahm. Der
wirkmächtige MRR/Freytag spielt kaum eine Rolle; amüsiert begegnet man Profi-Prominenten
wie Susan Stahnke und Verona Feldbusch oder gefeierten "Skandalautoren" wie Michel Houllebeqc (Ollenbeck),
es gibt ein paar Watschen für unkritische Medien, herrliche Beschreibungen der
Verlagsempfänge zur Buchmesse. Doch das ist hüsch und hübsch harmlos. Nicht entfernt so
böse, aber auch nicht so zutreffend und
entlarvend wie bei Walser.
Zum Skandalbuch will der Roman einfach nicht taugen.
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3.)
Schundroman.
Roman von Bodo
Kirchhoff, (2002,
Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Petra Kohse aus Frankfurter Rundschau
vom 13.07.2002:
Tatoo am
Bauchnabel vom Umriss des Gardasees
Hey, hey, hey: Bodo Kirchhoff soll sich nicht
so zieren. Sein "Schundroman" ist selber frivol. Und das ist gut so.
Am elften Oktober letzten Jahres, so gegen halb ein Uhr in der Nacht, war Bodo Kirchhoffs Geduld zu Ende. Anlässlich der 53. Frankfurter Buchmesse hatte das Kulturmagazin "Aspekte" eine Extra-Ausgabe gesendet, in der unter anderem sein Roman Parlando besprochen wurde. "Sehr schön" besprochen wurde, wie er kürzlich der Zeitung Die Welt versicherte - das war nicht das Problem. Das Problem war vielmehr, dass sich unmittelbar an den Beitrag über sein Buch ein Beitrag über die erotische Autobiografie der Catherine Millet anschloss und dabei als erstes ihr "Geschlechtsteil" ins Bild gerückt worden war. "Mit diesem Kontrast war für mich der kritische Punkt erreicht: Ich wollte den Wahnsinn unseres gegenwärtigen Literaturbetriebs nicht mehr ertragen, sondern zum Gegenstand eines Romans machen."
So setzte sich der studierte Pädagoge und Schriftsteller Kirchhoff im Alter von damals dreiundfünfzig Jahren hin und schrieb den Schundroman. Eine blutige und sexreiche Gangstergeschichte vor der Kulisse der Frankfurter Buchmesse, wobei letztere genüsslich als ein von Eitelkeit zerfressener Verblödungszusammenhang beschrieben wird: Hilflos sabbernde Kritiker feiern größenwahnsinnige Reißbrettliteraten unter dem Applaus der besinnungslosen Massen, während das wirkliche Leben woanders stattfindet. Kirchhoff hat damit nicht zum ersten Mal auf den so genannten Betrieb reagiert. Schon 1981 schrieb er ein Theaterstück über die Verleihung eines Literaturpreises. Und vor fünf Jahren sandte er bei den Autorentheatertagen Hannover, Urteilsreflexe mutmaßend, ein Drama vorsichtshalber unter weiblichem Pseudonym ein.
Wer so viel Verdacht schöpft, macht sich natürlich selbst verdächtig, und wer Angst hat, als der erkannt zu werden, der er ist, erst recht. Ausgerechnet Kirchhoff, zu dessen Schreiben die Frivolität gehört wie die Möwe zum Meer, empört sich über Nacktes und Unverschämtes und will zwischen sich und der Millet nicht nur einen Kameraschnitt, sondern Welten wissen? Gerade so, als ob die Kluft zwischen ihm und ihr womöglich gar nicht so groß wäre. Und als ob es ihn im Laufe seines Autorenlebens ziemlich viel Mühe gekostet hätte, auf der richtigen, der literarischen Seite des gemeinsamen Themas stehenzubleiben. Ab elften Oktober letzten Jahres jedenfalls wurde zurückgeschrieben. Und zwar durchaus den Marktgesetzen folgend: Mit Hilfe des Trivialen gegen das Triviale, mit Hilfe des Betriebs gegen den Betrieb. Und mit Hilfe zahlreicher Selbstzitate gegen den Verlust der Distinktion
Wie groß Bodo Kirchhoff bei allem Furor auch das Risiko erschienen ist, das er mit diesem Buch einging, lässt sich am Gewicht der Verweise auf frühere Bücher ermessen, die inmitten des Schunds und der Groteske als Sehnsuchtsposten des Gutenwahrenschönen verbaut wurden. Da trägt die hübsche Theologiestudentin den vorigen Buchtitel des Autors auf dem T-Shirt wie ein Lebensmotto. Oder es wird ein Schriftsteller Branzger erwähnt, aus dessen "neunzehnhundertneunundsiebziger" Novelle der gefeierte Modeautor Ollenbeck (sprich: Houellebecq) abgeschrieben hat, und der wohl kaum zufällig der Namensvetter der Hauptfigur aus Kirchhoffs erster und zwar genau 1979 erschienener Novelle Ohne Eifer, ohne Zorn ist. Die Gesetztheit des Schundromans, sein konzeptioneller Ansatz, ist Kirchhoffs Sicherheit und wird im Laufe der dreihundertsechzehn Seiten immer wieder neu ausgerufen. So ängstlich wie lustvoll übrigens, denn die Eitelkeit ist neben dem Frivolen das zweite Laster des Autors Bodo K.
Wobei das alles die Sache keineswegs unsympathisch macht. Gegen gut gemachte Reißerliteratur ist prinzipiell nichts einzuwenden, und auch das Konzeptionelle daran stört nicht, solange die Anschlüsse stimmen, die Pointen sitzen und die Motive interessieren. Und das tun sie bei Kirchhoff. Obwohl oder gerade weil schnell klar wird, dass die - bereits vor Erscheinen des Buches bekannt gewordene - Ermordung des "Kritikerpapstes" Louis Freytag von der Handlung her tatsächlich nicht mehr ist als ein bedauertes Missgeschick.
Keineswegs birgt der chiffrierte Verweis auf Marcel Reich-Ranicki und damit auf Martin Walsers ebenfalls Ende Juni erschienenen Roman Tod eines Kritikers ähnliches Deutungspotential wie dort. Kirchhoff wusste von Walsers Buch, er streut den Titel sogar ein und lässt den Verfasser zum Hauptverdächtigen der vermeintlichen Mordsache Freytag werden. Was natürlich albern ist, aber weil man merkt, wie viel echten Spaß es dem Autor macht, sich als Glasperlenspieler zu inszenieren, geht auch das irgendwie in Ordnung.
Zumal die Figuren, auf die es ankommt, durchaus autonom gestaltet sind. Houellebecq und Millet beispielsweise werden als Ollenbeck und Vanilla Campus germanisiert, wobei Ollenbeck das schriftstellernde Ich des sadistischen Wirtschaftskriminellen Zidona ist, und Vanilla Campus die Frau seines ebenso halbseidenen wie kapitalschweren Chefs, die sich mit einer kollektiv überschätzten, weil ungelesenen Sexfibel ins Rampenlicht drängt.
Die Helden und Heldinnen indessen agieren lieber im Schatten. Willem Hold, der erektionsbehinderte Junge aus dem Frankfurter Ostend, der aus Notwehr einen Mann erschoss und nach Manila floh, von wo er mit einem Mordauftrag jetzt wieder zurückkehrt. Noch im Flugzeug verliebt er sich in die Mätresse seines Auftraggebers, Lou, eine Edelprostituierte, die früher Gedichte schrieb und sich am Bauchnabel den Umriss des Gardasees tätowieren ließ. Als Ermittelnde werden die Privatdetektive Helen und Carl sympathisch, gewesene Polizisten, die mit der Theologiestudentin eine Wohngemeinschaft bilden und den ganzen Fall am Ende in Wohlgefallen auflösen.
Am Gardasee übrigens, an Kirchhoffs Zweitwohnsitz, und nicht ohne die tätige Hilfe eines menschlich überaus souveränen, bescheidenen, weißhaarigen und schlanken Schriftstellers, der zufällig zur Stelle ist und sich am Ende sicherheitshalber noch als "Chronist" zu erkennen gibt, dem es nur um die Liebe zu tun ist, und wenn sie nicht gestorben sind, dann lügen sie noch heute.
Fernsehförmig flott liest sich das, schlagfertig und motivgesättigt, voller Sex und Verbrechen, mit etwas echter Liebe auch, sattem körperlichen Schmerz, allerhand Zufällen, die keine sind, viel Frankfurter Lokalkolorit sowie patenter und inspirierter Tatkraft in allen Lebenslagen. Pulp Fiction eben, alles hängt mit allem zusammen und geht viel schneller als bei dir zuhause.
Auch in ein paar Jahren wird der Titel als Paperback am Strand und in Zügen noch zu finden sein, wenn zur Dechiffrierung der Literaturbetriebsparodie längst ein Glossar nötig wäre. Etwas anderes aber wird dann, wenn die nächsten Kirchhoff-Bücher vorliegen, womöglich deutlicher zu erkennen sein als jetzt: Die Geschichte, wie der Schriftsteller Bodo Kirchhoff in diesem Roman auszog, um seine literarische Geltung zu verteidigen, und statt dessen Arm in Arm mit seinem trivialen Ich nach Hause kam. Der Hass auf Vanilla, die "Pussy aus Hanau", die mit ihrer Sexfibel auf große Welt macht, verwandelt sich im Laufe des Buches nämlich wie unfreiwillig erst in Achtung, dann in Sympathie. Und was Willem Hold gegen Ende des Buches über Vanilla sagt, als er sie in ihrem eigenen Auto Richtung Gardasee entführt, gilt auch für den Autor selbst in diesem Genre: "Sie drückte einfach aufs Gas. Irgend etwas Starkes ging von ihr aus, eine ordinäre Energie, die sie sonst zu verbergen verstand (...)."
Und so freut man sich am Ende echt und ehrlich, wenn Hold und Vanilla den faden, empfindsamen Literaten am Gardasee zurücklassen und unbehelligt ins Flugzeug nach anderswo steigen. "Die Campus sah ihn an und schwieg, aber ein heller Streif ihrer Zähne erschien, und Willem spürte den Beginn einer Erektion, ohne die Sorge, es könnte gleich weh tun. Natürlich war es nicht Lou, die ihn da ansah, sie konnte es gar nicht sein und wär's auch nie wieder, doch machte das Vanillas Lächeln und seine Unbesorgtheit fast im selben Moment nicht weniger zu einem Wunder." Ein Bildungs- und Entwicklungsroman, Meta-Literatur am Ende eben doch, und umso schöner, weil man es nur dann merkt, wenn man das Buch schon vorher mag.
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4.)
Schundroman.
Roman von Bodo
Kirchhoff, (2002,
Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Roman Bucheli aus Neue
Zürcher Zeitung vom 18.07.2002:
Trash
als Kunstform
Bodo Kirchhoffs «Schundroman»
parodiert das Genre
Am Ende der Geschichte hockt immer der Autor. Meistens jedoch hält er sich bedeckt. Wir sollen nicht wissen, dass er von Anfang bis Schluss die Fäden in den Händen hält, beliebig daran zieht, hier eine Figur aus den Kulissen kippen lässt, dort eine Begegnung, meist schicksalshaft, herbeiführt. Ein Demiurg im Stillen. Manchmal nur mag er sich nicht gefallen in der Rolle einer unsichtbaren Eminenz. Dann huscht ein Gesicht vorüber, ächzt es zwischen den Zeilen, oder waltet gravitätisch ein Dichter seines Amtes.
In Martin Walsers «Tod eines Kritikers» sehen wir den Erzähler am Ende im Zimmer eines Berggasthofs an seinem Tisch sitzen, und während es draussen Bindfäden regnet und ihm schon fast elegisch zumute ist, beginnt er zu schreiben, was wir doch eben zu Ende gelesen haben. Von hier aus hebelt er mit einer surreal-grotesken Wendung wider jede Plausibilität und Erzähllogik die Geschichte aus ihren Angeln.
Dem Betrieb an den Kragen
Und nun also kommt einer, der sagt von sich und Martin Walser, es sei ihnen «wohl ein inneres Fass» übergelaufen, so dass beide und unabhängig voneinander beschlossen hätten: «Jetzt, endlich, das Buch schreiben, das sich den Betrieb vorknöpft, statt ihn zu erdulden.» Als wollte er sich besonders infam rächen, hat dieser Autor «Schundroman» über sein Buch geschrieben; einmal, ganz beiläufig, lässt er uns in seine verwundete Seele blicken: Nola, belesene Theologiestudentin und gegenüber diesseitigen Freuden durchaus aufgeschlossen, betritt die Szene, vielleicht um eine Spur zu kokett, gekleidet in Jeans und T-Shirt mit dem Aufdruck «Parlando». So stellt sich vielleicht unser Autor, Bodo Kirchhoff, literarischen Ruhm vor. Die Realität sah anders aus: «Grandioser Erzähler, missratenes Buch», urteilte ein gewisser Kritiker über Kirchhoffs letztes Buch, «Parlando».
Noch einmal sehen wir den Autor in seinem «Schundroman», ganz gegen den Schluss hin, als mässig erfolgreichen Dichter, der mit seinem nur bedingt seetauglichen Kahn nachts über den Gardasee tuckert; ein Liebespaar hat er am einen Ufer zurückgelassen, und noch eines sitzt bei ihm im Bug auf Deck und versucht gerade einen ersten Kuss, «während», und das steht nun in Klammern, als wäre es wie ins Off gesprochen, «während der Chronist einen Block hervorzog, hinter dem Steuer stehend mitzuschreiben begann». Hat davon nicht insgeheim schon jeder Autor geträumt: den Notizblock zur Hand und die Romanfiguren vor sich, und laufend mitzuschreiben, was diese gerade treiben, und doch immerzu das Steuer und also die Handlung unter Kontrolle zu halten?
Aber da ist die Sache längst gelaufen: In der Mitte des Sees werden vielleicht noch ein paar Blasen aufsteigen und von einer Jacht der Luxusklasse erzählen und von zwei toten Gaunern, von denen der eine an Herzschwäche starb und der andere einen Volltreffer aus einer Beretta nicht überlebte. Und während also die «No Comment», so heisst die klapprige Künstlerbarke, dem Ufer entgegenschaukelt und alles oder vielmehr und vornehmlich alle aus dem Weg geräumt sind, die den beiden Liebespaaren vor ihrem unverhofften Glück standen, erlaubt sich der Autor in dieser ersten und zugleich einzigen Atempause seines höllisch rasant erzählten Thrillers eine selbstironische Pointe: Denn an diesem Punkt weiss er, dass er es - wie seine Helden - geschafft hat: «Schundroman» parodiert das Genre und steigert es zur vollendeten Kunstform. Und womöglich hat hier gar ein Autor nun die seinem Temperament gemässe Gattung gefunden, der in der Gestaltung seiner Stoffe bisher allzu oft unfreiwillig ins Triviale abgerutscht ist.
Die Liebe und das Verbrechen sind, wie es sich für die Gattung geziemt, die Hauptantriebskräfte der Handlung von «Schundroman»: Der Erzähler begreift sie als ein work in progress , das erst zu seinem Ende kommen kann, wenn alle tot sind, die - vorzugsweise mit etwas Beihilfe - ins Grab müssen, und alle sich lieben, die zur Liebe vorbestimmt sind. Das geht meist nicht auf direktem Weg, so dass es - im Sterben wie im Lieben - zunächst und prinzipiell die Falschen trifft.
First Class fliegt Willem Hold - gebürtiger Frankfurter, doch seit einem misslungenen Raubüberfall mit Todesfolge flüchtig - von Manila nach Frankfurt. Sein Auftrag: einen schwerreichen Unternehmer zu beseitigen zwecks Auslösung des Erbfalls. Während des Fluges trifft er nicht ganz zufällig auf Lou Schultz, eine Edelprostituierte, die wiederum nicht ganz rechtmässig in den Besitz eines Picasso gekommen ist, weswegen sie in Frankfurt von einem Privatdetektiv beschattet werden soll. Dies weiss Hold zu verhindern, indem er im Frankfurter Flughafen einem gewissen Literaturkritiker, dessen Ähnlichkeiten mit einem lebenden Grosskritiker nicht ganz zufällig sind, so sehr zu nahe tritt, dass nicht nur ein Aufruhr entsteht, der das unbemerkte Entkommen von Lou Schultz ermöglicht, sondern dass auch besagtem Literaturkritiker, der hinter einem Zeitungsstand eine Spur zu lange sein eigenes Konterfei bewundert hat, Knochenteile des zertrümmerten Nasenbeins «ins Auge oder kopfeinwärts [dringen], mit der Folge eines Schocks und des Ausfalls zentraler Funktionen, also vermutlich Herzstillstand».
Showdown am Gardasee
Der keineswegs beabsichtigte Tod setzt nun eine höchst willkommene Nebenhandlung auf literarischen Schauplätzen und mit entsprechendem Personal in Gang, behindert indessen die Haupthandlung - die Beförderung der Sexfibel-Autorin Vanilla Campus in den frühzeitigen Witwenstand - nur geringfügig. Freilich bringt auch die Liebe einiges durcheinander: Sie führt zwar zunächst Lou Schultz und Willem Hold zusammen und ins Bett; in der Dramaturgie des Romans aber war für Frau Schultz ein grässlicher Tod vorgesehen und im Lebensplan des gedungenen Mörders Hold dann doch eine andere Geliebte. Zum Showdown treffen sich zuletzt alle am Gardasee: der Auftragskiller, die Privatdetektive, die Obergauner und, ganz zufällig, der gänzlich ergraute Schriftsteller, der mit seiner schief im Wasser liegenden Schaluppe einen stillen Triumph über die Luxusjachten feiert.
Bodo Kirchhoff hat wahrhaftig ein kleines Kunststück vollbracht: Sein «Schundroman» ist reinster Trash, und er erzählt doch mehr vom Innenleben seiner Figuren als manch ernsthaftes Buch; er hat einen Schlüsselroman zum Literaturbetrieb geschrieben und zwingt seine Leser dennoch nicht in die Rolle hämisch grinsender Komplizen, die unentwegt das Verschlüsselte entziffern sollen....Fortsetzung
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5.)
Schundroman.
Roman von Bodo
Kirchhoff, (2002,
Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Jens Dirksen aus NRZ vom 28.07.2002:
Totschlag mit
Argumenten
Bodo Kirchhoffs "Schundroman" ist das
bessere Kritikermord-Buch.
D ie Parole "Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent" stammt übrigens nicht von Martin Walser, sondern von einem Säulenheiligen der deutschen Literatur. Es war Goethe, der das Gedicht mit diesem Schlussvers zu Sturm-und-Drang-Zeiten mehrfach in Literaturzeitschriften drucken ließ. Anlässe gab es zu Hauf, der Autor des "Götz von Berlichingen" war ja unter Zeitgenossen alles andere als unumstritten.
Herrschaftszeiten für Rezensenten
Der prominente Vorreiter reicht allerdings nicht, um das Blutbad unter Literaturkritikern zu erklären, das die deutsche Literatur in Gestalt der Partisanen Martin Walser und Bodo Kirchhoff angerichtet hat. Festzuhalten bleibt jedoch eines: Die Befürchtungen, die aufkamen, als das "Literarische Quartett" die Auslagen der Buchhandlungen diktierte, sind nicht eingetreten. Es ist alles noch viel schlimmer gekommen. Nicht nur, dass die Kritiker wichtiger wurden als die Schriftsteller, sie haben sich seit dem Millionen-Erfolg von Marcel Reich-Ranickis Erinnerungen auch noch selbst in den Olymp der Autoren hochgeschrieben. Kritiker in der Zeitung, Kritiker in den Bestsellerlisten und dann auch noch Kritiker in den Romanen: "Scheißkerle", wie Goethe sie nannte, an allen Schalthebeln des Literaturbetriebs. Als nächstes werden sie wohl das Ruder bei Bertelsmann & Co übernehmen.
Dass es ganz so weit nun doch noch nicht gekommen ist, zeigt der bessere der beiden Kritikertod-Romane. Denn selbstverständlich ist Bodo Kirchhoffs "Schundroman" kein Schundroman. Er zeigt nur auf unterhaltsame, mild ironische Weise, warum schlechte Bücher heute die größten Erfolge feiern. Und weil ein Marcel Reich-Ranicki die Medialisierung der Literatur nicht im Alleingang bewerkstelligt hat, kommt er bei Kirchhoff zwar nicht besser weg als bei Walser, aber nur am Rande vor. Während MRR im "Tod eines Kritikers" als Andre Ehrl-König verkappt ist (der selbstverständlich als totes Kind die Literatur in seinen Armen hält), spielt Kirchhoffs Deckname Louis Freytag auf das Sonnenkönig-Gehabe des Kritikerpapstes an, aber auch auf den altvorderen Mittelklasse-Schreiber Gustav Freytag und den Sendetag des "Literarischen Quartetts". Die Rede ist bei Kirchhoff zudem von "älteren Schriftstellern, von Freytag gedemütigt wie auch in den Himmel und in höchste Steuerklassen gehoben". Lauter feine Seitenhiebe also, während Walser mit jedem noch so abgegriffenen Knüppel auf den Kritiker eindrischt. Kirchhoff stellt ihn dagegen ins Geflecht zwischen Fernseher und Boulevard, wo er zwischen all den Verona Feldbuschs, Eva Hermans und Harald Schmidts als ein Clown von vielen daherplappert. Der Buchmarkt als Appendix der Medienwelt: Dass der mit viel Bohei bedachte "Tod eines Kritikers" die Bestsellerlisten anführt und nicht der "Schundroman", bestätigt Kirchhoffs Diagnose.
Bestimmt wird die Szene bei ihm jedoch von Gangstern, Waffenhändlern und Leasing-Schiebern. Kirchhoff schreibt an einer Handlung mit oberem Mittelklasse-Tempo entlang und klappert mit allen Insignien des Neureichen-Gehabes, von der IWC-Uhr bis zum echten Picasso, der durch einen glückserfüllten Tod im Stundenhotel eine neue Besitzerin findet. Verfolgungsjagden und Ballereien setzen ein, und es gibt manch unappetitlichen Anblick, wie er seit "Pulp Fiction" geläufig ist. Bis zum Showdown mit halbem Happy End an seinem geliebten Gardasee zieht Bodo Kirchhoff alle Register eines erstklassigen Erzählers, bis hin zu sentimentalen Passagen über das Licht am Lago di Garda.
Die Wahrheit in der Mogelpackung
Spätestens da schillert auch der Titel des Romans. Was anfangs wie der ungelenke Gestus einer affektierten Bescheidenheit oder wirkt, entwickelt sich zur stimmigen Lüge: In der Warenwelt lässt sich die Wahrheit nur noch in einer doppelbödigen Mogelpackung verkaufen, auf der draufsteht: Doppelbödige Mogelpackung. Dann glaubt jeder, es sei keine Mogelpackung mit doppeltem Boden.
Wir leben schließlich nicht mehr in Goethes Zeiten. Da konnte Heinrich Leopold Wagner, ebenfalls ein Stürmer und Dränger, noch geradeheraus auf Goethe antworten: "Schmeißt ihn tot, den Hund! Es ist ein Autor, der nicht kritisiert will sein.". (NRZ)
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Leseprobe I Buchbestellung 0802 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung***
6.)
Schundroman.
Roman von Bodo
Kirchhoff, (2002,
Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Käthe Trettin aus Frankfurter Rundschau
vom 13.07.2002:
Die liebe Gemeinde
Bodo Kirchhoffs erste Lesung aus dem
"Schundroman"
"Wohin gehst du?" fragte er. Nola senkte den Kopf; der Geruch ihres Haars war so heftig, dass er den Atem anhielt. "Zu einer Lesung, ganz in der Nähe, Danneckerstraße, Galerie Rothe. Dieser neue Autor, Ollenbeck, liest aus seinem Buch. Das wird knallvoll, ich geh rechtzeitig hin." So steht's Seite 189 im Schundroman.
Wohl selten gelang der Sprung aus der Fiktion in die Realität so mühelos. Tatsächlich war's knallvoll in der Hinterhaus-Galerie, das Fernsehen war da und mit 35 Minuten Verspätung auch Petra Roth. Als Prominentenstadel konnte diese "Buchpremiere" jedoch nicht durchgehen, eher wurde hier ein verfrühtes Buchmessen-Getöse simuliert, mit geladenen Gästen und anschließendem Büfett. Zu diesem Spiel passte auch, dass der Schundroman, der ja kein Schundroman ist, sondern mit verschiedenen Genres der Trivialliteratur geschickt jongliert, bereits die fünfte Auflage erreicht hat, wie Verleger Joachim Unseld glücklich vermeldete. Zu einem Messe-Startschuss aus dem Hinterhaus gehört eben ein echter Seller.
Bodo Kirchhoff, der gar nicht so neue Autor, las also aus seinem gar nicht mehr so neuen Buch, wobei es nicht so wichtig war, welche Passagen er herauspickte, sondern wie er las: wie ein schlechter Schauspieler, allerdings perfekt schlecht, jeder Satz con brio, jede Passage dramatisiert, was wiederum mit dem reißerischen Buchumschlag, der im Großformat am Lesepult klebte, aufs Schönste harmonierte.
Die "lieben Sizilianer", wie Kirchhoff die versammelte Gemeinde begrüßt hatte, waren offenbar angetan von diesem übertriebenen Treiben. Was sie jedoch an diesem Abend so richtig sentimental zusammenschweißte, war die Tatsache, dazu zu gehören: zur Gemeinde der lieben Frankfurter.
Der Schauplatz des Schundromans, Frankfurt jetzt und vor zehn Jahren, mit präzisen, gut wiedererkennbaren Beschreibungen auf den Punkt gebracht und durch den Blick des Helden, Willem ohne h, aufs Korn genommen, sorgte für eine merkwürdige kollektive Identität. Aber nicht lange, bei Wein und Becks Bier waren alle wieder die Individualisten, die sie schon immer waren, wenn auch irgendwie merkwürdig freundlich aufeinander gestimmt.
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