Schule
der Gewalt.
Roman von Norbert
Niemann (2001, Hanser).
Besprechung von Claus-Ulrich Bielefeld aus Die Welt, 19.1.2002:
Gib
mir mein Hirn zurück
Norbert Niemann lässt einen Lehrer mit seinem
Fernseher debattieren
Vor gar nicht so langer Zeit galt es fast als Pflicht: Mit den Mitteln der Literatur Gesellschaftskritik zu betreiben. Der Autor, so die Forderung, möge die Ausbeutungs- und Verblendungszusammenhänge, in die das Individuum verstrickt sei, kritisieren und zum Schluss noch ein bisschen utopischen Vorschein aufleuchten lassen: Erzählen als ideologiekritisches Exerzitium, das oft selbst in Ideologie umschlug. In den Zeiten einer neuen Lockerheit und Lässigkeit ist diese Art Literatur an den Rand gedrängt worden, und wir haben sie ein paar Jahre lang kaum vermisst. Doch wenn's zu bunt und beliebig wird, ist es nicht schlecht, wenn einer wieder einmal mit protestantischem Furor auf unsere Gegenwart schaut und sie wortreich anklagt.
Norbert Niemann, 1961 geboren und 1997 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, wagt es. In seinem zweiten Roman "Schule der Gewalt" sieht er die Wurzel allen gegenwärtigen Übels in der Existenz des Fernsehens. Unsere gesamte Weltsicht werde von dieser riesigen manipulativen Bildermaschine erzeugt. Ein kulturkritischer Topos, der seit der "Dialektik der Aufklärung" in der Welt ist und dank Neil Postman durchaus populär geworden ist. Was sich in einem Bonmot zusammen fassen lässt: Das Leben im Fernsehen ist interessanter als das Leben vor der Haustür.
Niemann bedient sich zu
Beginn eines eher problematischen Kunstgriffs, um diesen kritischen Befund literarisch
umzusetzen: Sein Protagonist Frank Beck, ein Lehrer für Geschichte und Deutsch um die
Vierzig, der nach seiner Trennung von Frau und Tochter isoliert und unglücklich vor sich
hin lebt, hat nur einen Gesprächspartner: das Fernsehen. Zwang- und wahnhaft spricht er
auf das flimmernde Bild ein, auf dem sich immer neue Figuren formen, die er in seinen
einsamen Stunden starken Vorwürfen aussetzt....
Fortsetzung
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.diewelt.de]
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