Schüsse mit Empfangsbescheinigung von Umberto Eco, 2006, hanser

Schüsse mit Empfangsbescheinigung.
Neue Streichholzbriefe von Umberto Eco (2006, Hanser - Übertragung Burkhart Kroeber).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 16.11.2006:

Das Ventil für den Professore

Durch seine Zusammenführung des Belehrens mit der Unterhaltung hat sich Italiens prominentester Professor aus dem Elfenbeinturm herausgeschrieben. Im "Namen der Rose" hatte er virtuos seine Verfahren vorgeführt, um es fortan in schwartendicken Romanen fortzusetzen, oft einen Tick zu beflissen und mit dem Hang zur Stoffüberfrachtung. Immer schimmerte schelmisch der kleine Junge mit der dicken Brille durch, der alles erfahren will und sich deshalb in die Bücher vergräbt. Wo die Welt unübersichtlich ist, müssen Geschichten helfen. Dampf aber lässt Umberto Eco seit März 1985 auf der letzten Seite der römischen Zeitung "L'Espresso" durch das Ventil seiner Streichholzbriefe ab, in denen der Professor kolumnenkurz auf den Punkt kommen muss. Irgendein Ärger gibt den Anlass, daran herrscht kein Mangel in unseren Zeiten. Umso schöner, dass die fixen Ideen des Professors aus Bologna regelmäßig in Buchform zu uns importiert werden. Diese jüngste Sammlung reicht von der Jahrtausendwende bis in dieses Jahr.

Ein Homöopath des Denkens

Wer sonst macht sich denn noch die Mühe, das allgemeine Geschwätz ein wenig zu systematisieren und so größere Zusammenhänge zu schaffen? Ein Homöopath des Denkens wetzt seinen Säbel gegen die Windmühlen unserer Mediengesellschaft. Deren Innovationen haben unerträgliche Rhythmen angenommen. Ein Tor, wer in unserem Gerätepark mit den Updates Schritt halten will. Dann schon lieber den Blick nach hinten richten und zum Beispiel die noble Tätigkeit des Lesens verteidigen. Oder inmitten der Flut von Pädophilen, Hackern, Plagiatoren, Heckenschützen, Mineralwasservergiftern, gegelten Präsidenten und bauchfreien Assistentinnen nach wirklich positiven Meldungen suchen.

So sollten wir unser dramatisch verlängertes Lebensalter nutzen, auch wenn wir neuerdings erst mit vierzig erwachsen werden. Vielleicht mit Ecos philosophischer Erbauungsliste auf dem Nachttisch. Vielleicht, indem wir uns haltbarer individualisieren als über Piercings, Tattoos und Sexakrobatik. Ein Jegliches hat seine Zeit, unterstreicht Eco, und schaut genauer hin. Indiskrete Verleumdung etwa war einst nur Hofnarren und der Karnevalszeit vorbehalten und noch kein Medienprinzip.

"Ab einem bestimmten Alter hat man keine Ideen mehr, sondern Anekdoten", zitiert Eco einen anderen. Umso schöner, wie dieser 74-Jährige hier aus Anekdoten wieder Ideen destilliert. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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