Schön und gut von Gabriele Wohmann, 2002, PiperSchön und gut.
Roman von Gabriele Wohmann (2002, Piper).
Besprechung von Alexander Bormann in der Frankfurter Rundschau, 25.5.2002:

Also was nun, Leben oder Kunst?
"Schön und gut" ist der neue Roman von Gabriele Wohmann

Gabriele Wohmann wurde am 21. Mai unglaubhafte siebzig Jahre alt. Ihr neuer Roman, dessen Titel "Schön und gut" man auch als Abwehr unangebrachter Tröstung ("schon gut") lesen könnte, handelt unter anderem auch davon. Die Heldin ist die leicht exzentrische Flora, der Wohmann spendabel viele eigene Züge geliehen hat. Sie erfüllt sich damit vielleicht einen Wunschtraum: dass jemand ein Buch über sie schreibt, der so gut schreiben kann wie sie. Doch so direkt geht es hier nicht zu. Flora lebt mit Louis zusammen. Dazu kommen David, sein Sohn (die Mutter ist früh gestorben), und Muriel, eine Beinahe-Cousine von David, die mit im Hause aufwächst, weil ihre Ethnologen-Eltern dauernd unterwegs sind.

Das Zentrum dieser etwas ungewöhnlichen Familie ist zweifellos Flora: fragil, attraktiv, dunkelhaarig, geistreich, unangepasst, doch nicht auf Protestlerart. Flora verteidigt gelegentlich ihre Schauspielerei und ihre kleinen medizinalen Hilfen, für beides gilt die Metapher "Schlucken": "Schlecht aufgelegt sein kann jeder. Aber nett und angenehm, und zwar auch für andere nett und angenehm durch den Tag zu schippern, das ist das Kunstwerk. Es glückt nichts ohne Runterschlucken . . . Du musst dich mit einer guten Portion Schauspielerei dauernd wappnen, ganz und gar pur du selber kannst du nie sein, nicht in einem Zusammenleben, nicht als Zoon politicon." Muriel wertet das als Verstellung, "eher feige", Flora antwortet: "Du findest raus, wie gut dir das Lieb- und Versöhnlichsein selber tut." Das bestimmt auch den Erzählduktus, es fliegen gelegentlich Fetzen, aber nie sehr weit, sie können wieder eingesammelt werden.

Vielleicht zur Korrektur einer solchen schlappen These entwickeln die "Kinder", immerhin just vor dem Abitur, den Plan, jedes für sich ein Buch über die abwechslungsreiche Flora schreiben zu wollen: "Hauptpersonen müssen so sein, schillernd und ein bisschen seltsam." Dieser Vorsatz bestimmt die Struktur von Wohnmanns Erzählung: Je ein Kapitel stammt von David und Muriel, und irgendwann gewähren sie einander auch Einsicht in ihre Texte. Das bedeutet aber schon, dass sie beim Schreiben einander näher kommen und sich das indirekt mitteilen wollen. Sie denken also zunächst über Flora nach. Gabriele Wohmann stellt ihr Erzählen gekonnt auf die adoleszente Altersstufe ein.

David bemerkt, dass sein Verhältnis zu Flora "schon mehr als freundschaftlich" sei, "schwer zu benennen". Sie hat ihn mehr zum Partner als zum (Stief-)Sohn gemacht, stellt er fest, und zugleich: "Das wirkt sich jetzt erst so richtig aus." Wir werden also auf die Spur eines Ödipus-Dramas gesetzt, aber das spielt nur andeutungsweise, also untergründig und zivilisiert, mit. Für Muriel ist Flora so aufregend, weil in ihrer Kindheit ansonsten "alles einfach nur in Ordnung" war. Und weil sie von ihr nicht als Kinder behandelt werden, alle gehören dazu, haben sozusagen kein bestimmtes Alter. Die Handlung kommt in Gang, weil Flora plötzlich Geheimnisse hat, alle vermuten einen "dritten Mann". Louis, der Vater, bittet David - "kleines Attentat" - sogar um Spionage bei einem von Floras Ausflügen in die Schweiz, was Davids Vaterbild beschädigt. Man sollte seinen Vater nicht bemitleiden müssen, findet er. "Er dürfte nicht mich brauchen müssen." Muriel traut sich direkt mit der Sprache heraus, sagt Flora einen Freund, einen Liebhaber nach. Deren Antwort bleibt dunkel: "Es ist kompliziert, sonst nichts. Es ist nicht amüsant."

Der Spionageauftrag seines Vaters setzt David sehr zu, er findet ihn eine hinterhältige Idee, die zu ihnen beiden nicht passt. Wohmann charakterisiert ihre beiden Jugendlichen sehr spezifisch, David möchte nicht im Stolz verletzt werden, Muriel entdeckt sich zunehmend in der Abgrenzung zu Flora, die - zu Gunsten gelegentlicher Drogen - gegen "das pure, unverfälschte, unaufgebesserte Leben" wettert, "die reine eklige Natur", zugleich aber - hübsch korrekt - vor dem Drogengebrauch warnt. Bei den Familien-Strandferien in Belgien entdeckt David, wie sehr ihn Muriel reizt, und Muriel bekennt in ihren Aufzeichnungen Ähnliches. Es sind die schlechten Erfahrungen mit den Erwachsenen, auch Eintrübungen im Verhältnis zu Flora, welche die beiden Jugendlichen direkter zueinander führen. Das Flora-Schreibprojekt wird umfunktioniert, indem zunehmend Reflexionen zu ihnen selber auftauchen, die sie schließlich einander auch vorlesen. Ein hübsches Modell, das seit Antike und Mittelalter funktioniert: die Literatur als Wegbereiter für den kessen Gott Amor, der unverhüllt nicht überall gleich willkommen ist.

So gibt es noch Gespräche über Freundschaft, über Religion, über Ehe und Glück und Eltern, und die beiden stellen fest, "dass Erwachsene auch nur alt gewordene Kinder sind". Fast vernichtend: "Zuallerletzt langweilig." So kommen die beiden Jungautoren einander im täglichen Schreiben näher, gehen einander nicht mehr aus dem Kopf, was wir als Leser beider Aufzeichnungen am besten verfolgen können. Sie denken an Sex und verstecken sich hinter Zitaten von Kierkegaard, Brodsky und Pascal (Familienhandelsware). Muriel notiert: "Ich spüre, dass und wie das Leben nach mir greift, das Leben außerhalb von Familien, die Außenwelt, etwas Reales." Zart und hübsch genau zeigt Wohmann, wie die beiden sich gut informiert dagegen wehren, "pubertär" zu sein. Am Ende wird die Himmelsmacht siegen.

Ein neues Thema tauchte wie nebenher auf, die Suche nach Floras verschollenem Vater. Das wird die Überraschung: Die Sorge um Floras Liebhaber, der das vertraute Quartett gesprengt hätte und durchaus verstört hat, war unnötig. Vielmehr war es der Vater, der plötzlich - verwahrlost - aufgetaucht und Flora zum Problem geworden war. "Ich will mich nicht um diesen Mann kümmern", sagt sie entschieden, "um diesen Fremden, der plötzlich dasteht und behauptet, ich bin dein Vater. Er interessiert mich nicht, es passt mir nicht, es passt nicht mehr in meine Biografie, er ists, der nicht passt."

Das Schlusskapitel, jetzt wieder einem allgemeinen Erzähler anvertraut, bringt alles in Ordnung, es ist "gut gelaunt" wie seine Viererbande auch, was nicht ausschließt, dass die Liebe als eine "todernste" Angelegenheit gefeiert wird. Das Buch über Flora bleibt unvollendet: "Wirklich literarische Bücher hören mittendrin in den Problemen auf. Wie im Leben." Muriel fragt noch einmal: "Also was nun, Leben oder Kunst?" Wohmanns Erzählthese aber lautet, dass es diesen Gegensatz nicht gibt. Das unverstellte Leben ist am gründlichsten verstellt.

Und ihre Flora-Figur ist ihr so nahe, weil deren Künste, Einfälle, Launen, Spiele und Paradoxe das Leben erst leben lassen.

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