Schöner Platz von Henning Ziebritzki, 2007, Zu Klampen1.) - 2.)

Schöner Platz.
Gedichte von Henning Ziebritzki (2007,
Zu Klampen/Edition Postskriptum).
Besprechung von Hauke Hückstädt: 2007:

Altes Liedernagen
Über Henning Ziebritzkis Lyrik

Ich kann mir Zeitgenossenschaft nicht denken ohne Präsenz, ohne Bewusstsein für Fortführung, für Bringschuld. Zeitgenössisch, modern, jung (nicht jungenhaft), irgendwie athletisch ist mir alles, was Blick und Verstand adelt, was über mich hinausgeht. Ich mag Poesie, die spricht wie Menschen in einer Markthalle. Zumutung und Durcheinander. Ich wäre gerne in nichts bequem, das ich verstehe.

Die Gedichte von Henning Ziebritzki lese ich schon lange. 1994 erschien mit „Was übrig bleibt“ Ziebritzkis erste Sammlung von Gedichten. Eines davon, vermutlich ein so frühes, dass der Verfasser sich kaum noch daran erinnern würde, und vielmehr auch nur ein paar Verse daraus, ist mir oft im Ohr: „Im Teppich im / Teppichmuster docken lauter Löcher an / kleine Löcher. Was zuerst heraus / herauskommt, sind Apfel / Apfelreste.“ Man kennt sich also, auszugsweise. So eine einfache kleine stockende Technik in einem Gedicht, das offenbar von Überreizen spricht, das hat mir immer sehr gefallen. Zur Zeit von diesem Debüt, in diesen Jahren erschienen teils erste oder wenigstens wichtige Bücher von Thomas Kling, Durs Grünbein, Kathrin Schmidt, Lutz Seiler, Dirk von Petersdorff, Marcel Beyer, Steffen Jacobs. Die Titel damals: „nacht.sicht.gerät.“. „Falten und Fallen”. „Flussbild mit Engel”. „berührt/geführt”. „Wie es weitergeht”. „Falsches Futter”. „Der Alltag des Abenteurers”. Und Jürgen Becker, das ist der zeitlos junge unter den Alten Meistern, schreibt 1993 „Foxtrott im Erfurter Stadion”. Damals hat man es zumindest gespürt: das war mehr als eine glückliche Phase. Diese wunderbare, gehaltvolle Heterogenität hatte Folgen und hat Schüler gefunden. Von der Nachwendezeit bis heute gilt: ein Großteil der eigentlichen und tatsächlichen, ästhetischen Ereignisse in der deutschen Literatur fanden in der Lyrik statt. Die Gedichte Henning Ziebritzkis sind für mich solche Ereignisse und werden es mehr und mehr. Oder anders, sie haben sich auf Bahnen entwickelt und in Bereiche vorgesprochen, die mich komplett überraschen und einnehmen und erweitern. Gedichte, wie sie jetzt in dem Band „Schöner Platz” erscheinen, sind mir zu höchst Zeitgenossenschaft. Zumutung und Durcheinander auf den Punkt gebracht. Als zöge da jemand am Stimmengewirr und bündele es auf einen Ton, eine Ansage.

Dazwischen, zwischen dem Debüt ´94 und diesen neuen Gedichten, liegt der Band „Randerscheinungen”. Ein sprechender Titel für die Verortung des Autors, der nicht das Zentrum wählt, um auf den Kern zu kommen, ein Randbetrachter. Der Band ist voll von verdeckten Referenzen, die kennt, wer will, keiner muss. Das Gedicht „Ein Gruß vom Gefängnispsychologen” spricht von einer Postkarte und kommt vom Motiv – Mönche, die einen Pfahl in ein Erdenrund rammen – auf die Bildsprache aller Kunst, auf das Einfache, das Scheinbare, die Wunderwerke. Ziebritzki fragt: „Denn was heißt es, / der vergesslichen Sprache zu trauen? / Gelesen zu werden – falls / überhaupt – dauert nur eine Weile, / wenn die müde Studentin, / eine Strähne schwarzen Haares / aus dem Blick streifend, / sich verliert in der Assonanz / von Sinn und Finsternis.“ Tranströmer, Borges und Zagajewski sind die geodätischen Punkte in der Gedächtnislandschaft dieser Lyrik. Auf ein Poem des Letzteren verweist Ziebritzki mit dem Titel „In der Schwebe oder Lektüre der Antwort auf eine Ansichtskarte”. Die erste Strophe ist von britischer Bescheidenheit und geht so: „Nicht leicht, die Abstände zu ertragen, / die sich auftun, wenn du / die Kunst des – venia sit verbo – Kollegen / studierst, mit der er sich bedankt / für eine alte Ansichtskarte, / nahe liegend und selbstverständlich / wie die Shell-Reklame, / die vor deinem Fenster im Schneefall / flackert, als gäbe etwas Signal aus einem / Reich, das nicht von dieser Welt ist.“ Sogar in diesen konkreten Zeilen wird der Blick sofort geweitet und geht hinaus auf die Reklame, auf einen nächsten Verweis. Im Zentrum des Bandes „Randerscheinungen” steht ein Zyklus aus Achtzeilern, der mir wie ein Destillat vorkommt, eine Essenz, ein Basisextrakt für die neuen Arbeiten in „Schöner Platz”. Der Titel dieses Zyklus lautet „Resonanzen”. Die sind manchmal kaum verständlich, sperrig, zerfurcht von Interpunktion, aber kühn gedacht und artistisch verschlankt. Ein vergleichsweise verspieltes Beispiel daraus: „War so nett und ein Gefunkel. / Und jetzt? Im zerrissenen Zelt / wird es: kallungunkel. / Probieren. Silben. Welt. / Frierend. Und keines schafft es: / Wo jenes war, gelassen sein. / Es taugt nicht, ach krampfhaftes / Werkzeug, das auf nichts reimt.“

Das Liedhafte solcher Verse – Kindisches, Anagramme, Rätseldinghaftes und das Zweiflerische – wohnt auch in den jüngsten Gedichten von Ziebritzki. Das ist etwas, das auffallen könnte, wenn man ihn länger liest. Das kehrt wieder. In einem der neuen Gedichte also findet sich der lyrische Protagonist, der soeben einen „Abschluß vermasselt“ hat, über der Stadt, „im umgewandelten Postgebäude“, in einem Lokal wieder, durstig. Dort wird für eine Modenschau oder ähnliches geprobt, jedenfalls sehen wir mit ihm Schönheiten vorbeischwirren, „nackt unter feinem Riemengeflecht.“ Er sieht die schwankenden Kräne von dort oben, die sich gegeneinander drehen, ohne sich nahe zu kommen. Und dann die Models. Eine Niederlage also, der durstige Mann, Baugelände, offene Stellen. Das ist die Situation. Und der Trost liegt in den Wörtern, wenn der Protagonist als Geschäftsmann wieder verfällt in „Mechanismen wie krankende Schwäne, altes Liedernagen.“

Solch Umkehrschübe, das ist nicht selbstzweckhaft, das ist kein Grübeln am „Sprachmaterial“, das ist nicht besonders avantgardistisch, da wird nichts demontiert und neu zusammengeflickt. Nein, das ist simpel und, an diesem Punkt im Gedicht, sehr erhellend, sogar sehr komplex. Hier und da gibt es diese kalten, dunklen Stellen – „kallungunkel“ – in Ziebritzkis Gedichten, wie „weilende Hunde“. Ein erheblicher Teil der Gedichte in „Schöner Platz” erscheint in strengeren Strophen, meist drei, jede aus fünf Zeilen. Eine Art Ausdruck von Formbewusstsein (Ziebritzki schreibt oft „eine Art von“!). Die Gedichte scheinen immer konkrete Ereignisse zum Anlass zu haben. Von dort aus ziehen sie dann ihre konzentrischen Kreise. Ein Bild führt ins nächste, das geht oft wirklich schnell. Man muss diesem Dichter vertrauen, um ihm folgen zu können. Das Gedicht „Höhepunkt der Exkursion” ist ein bestechendes Beispiel dafür. Die Widmung („Voor L.“) reklamiert besondere Aufmerksamkeit. Es scheint Niederländisch zu sein. Aber Niederländer hätten auch „für L.“ verstanden. Wenn man das Gedicht laut liest oder mit der Syntax anderer Texte vergleicht, wird es klar, wenn auch dezent, der Ton erinnert an gepflegtes Deutsch aus niederländischem Munde (nicht gerade Rudi Carrell!). Die Anordnungen, die Dimensionen in diesem Gedicht sind erstaunlich, der Kopf knapp über der Tischkante, aber bodenlange Vorhänge aus Samt und Dreck, Unverbindbares, ein Aufseher, Wasser, das bis zum Himmel hinauf steht, und spielende Paare, die Science Fiction bleiben werden. Am Ende schnürt sich alles zusammen zu einem starken Bild, wiedergegeben im konvexen Silberschein eines Löffels.

Ich mag auch das Gedicht „Bruchstellen”, eine postkoitale Fantasie in Moll. Ganz konkret der Beginn, fein und sensibel. Wie genau der Blick an die Decke fährt! Und die Bilder, die sich dann einstellen: wie Zusammen und Auseinander, wie Einatmen und Ausatmen, mit einem offenen, etwas dunklen Ausgang (etwas Breitwand wie in Camerons „Abyss”).

Ein drittes Beispiel für Ziebritzkis Kunst ist „Der Hundekopf”. Wieder eine sehr konkrete Exposition, die diesmal länger als zwei Strophen anhält. Es geht um eine Begegnung. Offenbar Oxford, angespielt wird auf den englischen Dichter, Goethe- und Hölderlin-Übersetzer sowie langjährigen Fellow für Deutsche Literatur, David Constantine. Am Ende führt die Summe der Beobachtungen in ein einziges, nackenstarkes Motiv: ein Hundekopf, der sich über einen Bootsrand beugt. Ein philosophischer Moment. Und eben jener Constantine hat einmal und etwa in diesem Deutsch auf einem Podium geantwortet: Egal, was du tust oder schreibst, du tust und schreibst es in einer Tradition, egal, ob du das weißt oder nicht. Besser ist, du weißt es.

Für mich ist das Lesen der Gedichte von Henning Ziebritzki so, als mache mir jemand forsch ein Fenster auf und noch eins. Und herein strömen Kalt und Brandheiß, kommen Tradition und „das Neueste“ als ein und dasselbe. Viel jünger ist „die jüngere deutsche Gegenwartslyrik“ auch nicht. Ziebritzki würde mich jetzt auslachen: „Entschuldigung, aber ich bin ein alter Knacker.“

Leseprobe I Buchbestellung I home 0109 LYRIKwelt © Hauke Hückstädt

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Schöner Platz von Henning Ziebritzki, 2007, Zu Klampen2.)

Schöner Platz.
Gedichte von Henning Ziebritzki (2007,
Zu Klampen/Edition Postskriptum).
Besprechung von Angelika Overath in Neue Zürcher Zeitung vom 12.2.2008:

Was Leben ist
«Schöner Platz» – Gedichte von Henning Ziebritzki

«Wie schon als Kind verstehe ich auch jetzt nicht, / dass die Wurzel aus Zwei eine irrationale Zahl sein soll, / darzustellen als Strecke mit Anfangs- und Endpunkt, / aber nicht auszumessen . . . dein Atem im Schlaf, gleichmässig / die Züge des Schwimmers vor einer Klippenküste.» Es gibt grosse Lyrik jenseits des literarischen Marktes. Nach neun Jahren («Randerscheinungen» erschien 1998) hat Henning Ziebritzki nun wieder einen Gedichtband vorgelegt. Er umfasst 30 meist kürzere Texte in zwei Abteilungen. Zurückhaltender geht es kaum. Und doch wird man lange suchen müssen, um einen Essayisten und Übersetzer zu finden, der so genau liest und beobachtet, was sich in der zeitgenössischen Lyrik tut.

Doppelleben

Henning Ziebritzki, Jahrgang 1961, hat als Pfarrer gearbeitet und dieses Amt niedergelegt. Er wechselte in die Buchbranche, ist mittlerweile Programmchef des Mohr-Siebeck-Verlags in Tübingen. Und wenn der Ehemann und Vater von vier Kindern morgens mit seiner Aktentasche durch den Alten Botanischen Garten ins Verlagsgebäude hinübergeht, wird ihn, wie einst T. S. Eliot auf seinem alltäglichen Gang in eine Londoner Bank, kaum einer als das erkennen, was er ist: ein Dichter. Es gibt Doppelleben; Hennig Ziebritzki scheint eines zu führen. So unauffällig, so höflich die Erscheinung des diskreten Mannes ist, so kompromisslos sind seine Verse. Seinem Gedicht «Votivgabe» stellt er eine Zeile von Robert Lowell voran: «Besides the necessity to keep awake, / what is life . . .»; es könnte als Motto über dem ganzen Band stehen.

Das Gedicht «Votivgabe» beginnt: «Ich konnte mich kaum in der Bank halten, so flüssig / war ich vor Müdigkeit geworden. Der Choral von Flor Peeters / hängte Formen, die ich noch nicht kannte, zwischen die Pfeiler / und zerstörte sie wieder.» Der Blick fällt in die Szenerie eines Kirchenschiffes mit einer Mutter Gottes voller frommer Zeichen der Gelübde: « eine Hand, eine Uhr, ein brennendes / Herz, irgendein schwarzer Perlenhund». Doch sofort überspringt dieser Hund als Bodenmosaik «vor einer römischen Villa» die Zeit. Gesehener Moment und erinnerter Augenblick verschmelzen zu einem irisierenden Opal von Wirklichkeit. Korrespondierend mit Maria erscheint ein Du, «so schwanger wie ich / es noch bei keiner Frau gesehen hatte». Körper und Kathedrale werden überblendet vom «Gewölbe deiner Sätze». Und schon ist der ungeborene Säugling ein Zwilling des Jesuskindes der Votivgaben «mit seinem Miniglitzerschwert – / scharf genug, um den Stoff und die Geister zu scheiden».

Die Schönheit dieser Gedichte liegt nicht zuletzt in ihren überraschenden Wendungen. Ein klanglich genau abgefederter Parlandoton führt zu Bildern von unerhörter Frische: «Es gab übersüssen Schokoladenkuchen mit Zitrone, der aussah / wie die Miniatur einer Frühlingslandschaft, schwarz, feucht / und fruchtbar.»

Auffallend oft sagen diese Gedichte «ich», und sie durchlaufen die diffusen, verschwimmenden Zustände eines Bewusstseins, das von sich als einem Plural weiss. Rimbauds «Je est un autre» hat sich radikalisiert. «Immer öfter erwache ich von Schritten, / die sich knirschend entfernen. Das sind Teile, / die anderen, für die ich mich hielt, als es nicht / so still war, und die sich auch voneinander trennen und am Feldrand verschwinden.» Radikale, schutzlose Wahrnehmung ist etwas ungemein Prekäres. Und wo sie zugelassen wird, weitet sich der banale Alltag zur surrealen Vision: «Wenn du plötzlich, während du den abendhellen / Supermarkt betrittst, eingehst in eine andere Welt / gleitet wieder das Pferd unter deine Schritte.» In «Rappe in Schraffur» trifft das schweissglänzende, im engen Regalgang kämpfende Tier auf die Erscheinung einer Frau in Rot, die die Regale mit Früchten auffüllt. «Und alles Kostbare und Leuchtende wurde jetzt für dich / verhüllt und will so auch gefunden werden.»

Imaginierende Gleichzeitigkeit

Die Rätsel gehen nicht auf, sie bleiben fremd, klar und schön, dicht vor unseren Augen. Sie wollen gesehen und ausgehalten werden. Ihre Realität ist die imaginierende Gleichzeitigkeit, die plötzliche Schau, das scharf konturierte Geheimnis. Bedeutsam werden die Momente des Übergangs in eine andere Welt, Zustände, in denen ein «kühler Schauer» die «Schleuse» wird «zu einem anderen Niveau der Strömung». Diese Gedichte geben der alten Macht der Epiphanie Raum. Sie sind religiös wie der intensive Augenblick; sie fluktuieren in einer Spannung von Erotik und Keuschheit. Ihr Begehren, ihre Besessenheit ist intellektuell und sinnlich wie die Sprache.

Wenn wir den Mund aufmachen, reden immer zehntausend Tote mit, hat Hugo von Hofmannsthal einmal gesagt. Ziebritzkis «Das Protokoll der Offenbarung» beschreibt den Sog, die zunehmend quälende Abhängigkeit eines sprachsüchtigen Ich, das sich über die «websites von obskuren Gruppen» einklickt in ein poetisches Rauschen – Rilke, Wordsworth, Goethe, mittelalterliche Liebeslyrik – und dabei in den diktatorischen und alles beherrschenden Soundwillen eines übermächtigen Geistes, eines allgegenwärtigen «Es», gerät. «Über das Mischpult gebeugt: Ich bin dein, / du bist mein, wie es die anderen zitiert, / akzentfrei, die es auch erschaffen hat, Spiegelimitate, / seine Klone, in denen es kämpft, um auszuschlüpfen.» Das ist der Schöpfungsmythos, über die Droge Wort erzählt. Henning Ziebritzkis Gedichte gehören zum Aufregendsten, was gegenwärtig in der deutschsprachigen Lyrik zu lesen ist.

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Leseprobe I Buchbestellung 0109 LYRIKwelt © Angelika Overath/NZZ