1.) - 2.)

Schöne Geschichte der Photographie.
Buch von Péter Nádas (2001, Berlin-Verlag - Übertragung Akos Doma).
Besprechung von Thomas Grob in Neue Zürcher Zeitung vom 12.01.2002:

Gefrorene Leidenschaft
Péter Nádas' «Schöne Geschichte der Photographie»

Was haben sich Literatur und Photographie zu sagen? In der Regel wohl nicht allzu viel. Und dies keineswegs, weil sich Wort und Bild so fremd wären. Doch ist die Literatur zu sehr damit beschäftigt, ihre Welten aus Sprache neu zu erfinden, während die Photographie mit ihrer übermenschlichen Sehkraft von Anfang an die Vorstellung weckte, der Welt näher zu kommen, als die Kunst es je konnte. Vielleicht treffen sich jedoch die beiden Kunstformen, wo man es nicht erwarten würde: in ihrer je eigenen Beschränktheit, in ihrer Sehnsucht, die Grenzen ihres Mediums zu überschreiten. Ist die Literatur immer der Bedrohung ausgesetzt, dass sich alles Geschriebene letztlich doch als pure Anhäufung von Buchstaben entlarven könnte, steht die Photographie unter dem Zwang, das Subjektive, Emotionale nur im «Objektiv» sehen zu können....Fortsetzung

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2.)

Schöne Geschichte der Photographie.
Buch von Péter Nádas (2001, Berlin-Verlag - Übertragung Akos Doma).
Besprechung von Nicole Hennberg in der Frankfurter Rundschau vom 6.08.2002:

Tu es doch endlich!
Zischen, Aufflammen, Knallen: Péter Nádas erzählt die Geschichte eines erotischen Sturzfluges

Alle wichtigen technischen Erfindungen verdanken wir der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts: Telefon, Glühbirne, Elektromotor und Fotografie. So liegt es nahe, dass der ungarische Erzähler, Essayist und Fotograf Péter Nádas sein wunderbares Buch Schöne Geschichte der Fotografie in dieser Zeit ansiedelt - zumindest, was das erzählerische Material angeht. Aber nicht um einen historischen Abriss oder eine Entwicklungsgeschichte geht es hier, sondern um die Beweggründe für den grandiosen Siegeszug eines Mediums, an dessen Ende wir, im Guten wie im Schlechten, noch längst nicht angekommen sind. Schon die laszive Dame auf dem Buchumschlag, die dem Betrachter beiläufig, aber provokant raumgreifend ihren weißleuchtenden Hintern entgegenstreckt, lässt die suggestive Kraft ahnen, die gelungene Bilder haben können.

Davon zeugt diese Erzählung. Schon der Start des Fesselballons, bei dem wir die Fotografin Kornelia kennenlernen, ist eindrucksvoll: Zischen, Aufflammen, Knallen, kurz gesagt: ein Höllenlärm, den die Stimme des greisenhaften Barons, Initiator der Fluges, nur mühsam übertönt. Der Start gelingt tadellos, aber in der Bucht von Triest geraten die Flieger in einen so schweren Sturm, dass Kornelia in Todesangst einen epileptischen Anfall erleidet.

Oder sollte der Grund für ihren Anfall, Beginn einer langen Leidensgeschichte, außerhalb des Fluges liegen? Eine zweite Stimme, über den Startlärm geblendet, bekennt: "Meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, und doch konnte ich mich selbst nicht mehr zügeln. Auch mein Wille soll für immer verdammt sein. Nur der Schwanz. Zum Teufel auch mit ihm. Nur an den eigenen Schwanz kann ich mich klammern. Wenn mich die Seele so quält, warum ist dann die Antwort Lust, warum kann ich dem Leben meines Körpers nicht mit einem einzigen Entschluss ein Ende setzen?" Wir erfahren nicht, wer spricht; vielleicht Carl, der die elegante Kornelia umwerben wird, ohne sich ihr jedoch körperlich zu nähern; oder sein Alter Ego Karol, den seine Gefühle so erschrecken, dass er sich allem, was ihn aufregt, nur mit der Kamera vorm Auge zu nähern wagt.

Das vorvorige Jahrhundert erschloss uns aber nicht nur technisches Wissen. Sigmund Freud wies in seinen bahnbrechenden Studien über Hysterie erstmals den Zusammenhang zwischen körperlichen Symptomen - Angstzuständen und Epilepsie - und unbewusster Sexualität nach; Freuds Zeitgenossen waren verständlicherweise empört. Denn gerade die Spannung zwischen dem oft tollkühnen Aufbruchsgeist jener Zeit und der autoritären Gesellschaft, in der er sich vollzog, drückt sich in den hysterischen Phänomenen besonders anschaulich aus. So ist die zarte Kornelia, mit ihrem leidenschaftlichen Blick auf die Welt durch den Sucher der Kamera, geradezu ein Prototyp der Hysterikerin.

Um aus ihrem Rollenkorsett auszubrechen, verweigert sie sich allen Gefühlen, auch ihren eigenen, und verschanzt sich hinter der rein empirischen, auf die Fotoplatte gebannte Erfassung der Welt. Insgesamt hat sie damit für ihren Ausbruch aus der gesellschaftlichen Rolle ein sehr mangelhaftes Rüstzeug, nämlich buchstäblich nur Stativ, Kamera und Dunkelkammer. Und dass sie sich dem fotografischen Abbilden verschreibt, weil sie es für das einzig verlässliche, vermeintlich objektive und außeremotionale Mittel ansieht, Erscheinungen wahrzunehmen, ist nicht nur ein folgenschwerer, sondern sogar lebensgefährlicher Irrtum, wie die Schöne Geschichte der Fotografie erzählt. Péter Nádas lässt seine Hauptfigur nach allen Kunstregeln des postmodernen Erzählens an ihren unterdrückten Gefühlen leiden. Dazu bietet er, ironisch verdichtet, das ganze Repertoire des neunzehnten Jahrhunderts auf: das Sanatorium, in das die kranke Rebellin gebracht wird, ist eine dramatische Mischung zwischen den erotomanen Verliesen des Marquis de Sade, dem Sanatorium auf dem Zauberberg und den barock überladenen, anarchisch gestylten Bildern aus den Filmen Peter Greenaways.

Überhaupt haben Erzähler und Fotograf hier Hand in Hand gearbeitet: Die kurzen Szenen der Novelle sind ganz vom Bildlichen her entworfen und werden zusätzlich noch von verschiedenen Stimmen entweder in der Art des antiken Chores aus dem Off kommentiert oder, nach dem Modell des Botenberichtes, um ein weiteres Bild angereichert. Und um dem Ganzen noch eine Bilddimension hinzuzufügen, fotografieren sich Kornelia und Karol-Carl gegenseitig, um ihre sinnlichen Wahrnehmungen und ihre Gefühle zu erkunden. Aber da bewegen sie sich auf gefährlichem, unkontrollierbarem Gebiet, und deshalb retten sie sich immer wieder aus der Bilderwelt in die Theater- oder Filmwelt und geben das allseits bekannte, unglückliche Liebespaar, das an den Zumutungen der Gesellschaft zerbricht. Leichtfertig, fast spielerisch lässt sich die junge Frau schließlich auf die konventionellen "Heilungsversuche" ein; als ob sie ahnte, dass man zu einer Ikone der Unberührbarkeit und Verweigerung nur durch die Mittel wird, die dagegen aufgeboten werden.

Dies illustriert grausam und makaber die Szene im Speisesaal des Sanatoriums: seine Rückwand ist halb hinter einem Malergerüst verborgen, zwischen den Planen sind pornografische Vorzeichnungen für ein mythologisches Fresko erkennbar. Durch die gewaltige Glaskuppel wird eine üppig geschmückte Tafel erhellt, an der sich Kornelia und Carl gegenübersitzen, gebannt beobachtet von einem grobschlächtigen Chefarzt.

Carl starrt sein Gegenüber pausenlos an, als wollte er die zarte, nervöse Frau hypnotisieren, während alle anderen versuchen, die durchdringenden Klänge einer Glasharfe zu übertönen und gleichzeitig zu essen. Schließlich beginnt draußen ein Schneesturm zu toben, dessen dicke Flocken durch die offene Kuppel in den Saal wirbeln und auf dem Tisch Schneewehen auftürmen. In diesem Chaos lässt Kornelias Anfall nicht lange auf sich warten; sie wird hinausgetragen und im Operationssaal vom Chefarzt vergewaltigt, während die anderen Patienten betreten auf ihre rhythmischen Schreie hören.

Mit dieser letzten Sequenz ist die Schraube der erotischen Stereotypien eigentlich überdreht (es gibt einige solcher Stellen). Aber in der Stimme des Erzählers schwingt Schadenfreude mit, so, als gefiele es ihm, auch den Leser ein bisschen leiden zu lassen für eine Überfrachtung des Textes, die seinem erzählerischen Kalkül entspricht: sein Material bis zur letzten Konsequenz durchzuspielen.

Die Schöne Geschichte der Fotografie lässt sich als gelungene Künstler-, Seelen- oder Filmnovelle lesen; auf allen drei Ebenen erzählt Péter Nádas eine leidenschaftliche Geschichte des Blickes und des daraus folgenden tragischen, momentweise auch spielerischen Fallens. "Dass auch sowenig Licht soviel vermag" - dieser Anfangssatz treibt die ruhelos Bildersüchtige auf der Suche nach dem idealen Bild in die Lüfte, in Felsspalten und auf Gletscher; bis ans Ende der Welt also. Und dort ging sie zuletzt verloren.

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