Schneeland.
Erzählung von Yasunari Kawabata (2004, Suhrkamp - Übertragung Tobias Cheung).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Zürcher Zeitung vom 24.07.2004:

Schön und fremd
«Schneeland»: Yasunari Kawabatas moderner Klassiker

Was man sich als Laie schon immer unter japanischer Literatur vorstellte und angesichts der progressiven Ächtung des Exotismus gar nicht mehr vorzustellen wagte, findet sich in Yasunari Kawabatas Erzählung «Schneeland» aus dem Jahr 1948: Schönheit, Reinheit und Fremdheit, Artistik, Erotik und Hermetik. «Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland. Der Nacht Tiefe wurde weiss. Die Dampflok hielt an einem Signal», lautet - in der etwas manieriert wirkenden Neuübersetzung Tobias Cheungs - der vielzitierte Anfang eines Buches, das in mancherlei Hinsicht an Thomas Manns «Zauberberg» erinnert. Auch hier entflieht ein Mann der Prosa der Ebene in die poetische Wirklichkeit der Berge, auch hier sucht einer nach dem hohen Sinn des Lebens und verstrickt sich im Spannungsfeld von Theorie und Leben, Erkenntnis und Interesse, Eros und Thanatos, ohne dass es zu einer Lösung der aufgeworfenen Fragen käme.

Shimamura heisst Kawabatas Protagonist, ein wohlhabender Dandy und Ästhet aus Tokio. Er ist zurückgekehrt in den kleinen Kurort, um die Geisha Komako zu besuchen, die er ebenda im Frühling kennen gelernt hat. Shimamura ist ein Mensch, dem sich die Fülle des Daseins in der Vision und nicht in der realen Erfahrung offenbart - nicht zufällig arbeitet er dilettantisch über den europäischen Tanz, den er einzig aus Büchern kennt. Nicht das sexuelle Abenteuer treibt ihn ins Hochtal, sondern das Verlangen nach Reinheit und Vollkommenheit, das er in Komako verwirklicht sieht, trotz ihrem Beruf als Animateurin. Komako wiederum ist Shimamura leidenschaftlich zugetan und sucht ihn in passenden und unpassenden Situationen auf. Ungestüm ist sie und fordernd, schwatzhaft und nicht selten betrunken. Geisha ist sie geworden, um die Ärzte ihres sterbenskranken ehemaligen Verlobten zu bezahlen. Ihre Art, der Wirklichkeit in praktischer Weise zugewandt zu sein, wird sich als unvereinbar erweisen mit Shimamuras Blasenwelt.

Zwischen Shimamuras Berauschtheit an der eigenen Berauschtheit und Komakos Gefühlen, zwischen Formalismus und Spontaneität entfaltet sich ein Pas de deux von Abstossung und Anziehung, dessen Rollendynamik sich dem westlichen Leser indes nicht immer ganz erschliesst. «Schneeland» ist stark von Dialogen geprägt, die Zeit erscheint gestaut, eine kontinuierlich nach vorwärts drängende Handlung gibt es nicht, stattdessen lose Episoden und berückende Naturbeschreibungen. Hinzu kommen Rückblicke, die nicht leicht als solche zu erkennen sind, sowie ein dichtes Netz von Bildern, Metaphern und Symbolen. Die Diskontinuitäten im Text sind auf dessen Entstehungsgeschichte zurückzuführen, hat Yasunari Kawabata (1899-1972) aufgrund von Reiseerlebnissen doch zunächst Prosaskizzen verfasst, die er 1937 entgegen der ursprünglichen Absicht zur Erzählung arrangierte und 1948 mit einem neuen Schluss in eine endgültige Form brachte. So wirkt «Schneeland» in der Machart einerseits sehr modern, anderseits ist das Buch tief in die Tradition eingelassen (was die vorliegende Neuausgabe buchgestalterisch exquisit unterstreicht). Nicht weniger als sieben klassische japanische Stilmittel weist Tobias Cheung in seinem gehaltvollen Nachwort nach - vor einem solchen Subtext kann man sich als Nichtjapanologe nur höflich verbeugen.

Shimamuras kaltes Auge bringt die Glut der Liebe zum Ersticken. Er scheitert an seinem Ästhetizismus, unfähig, von diesem abzurücken. Der Genuss des zweckfreien Schönen ist nur um den Preis des Autismus zu haben. So ist Shimamuras Glück zugleich sein Fluch: Wer nur stets das Schöne will, muss im Leben draussen bleiben; wer im Genuss nach Begierde verschmachtet, dem harrt keine Erlösung. Shimamuras dritter Besuch im Herbst bringt die Trennung - Komako ist ihm zur Gewohnheit und damit lästig geworden. Sein Interesse an ihr war nicht persönlich gemeint. Ein Auge hat er denn auch schon auf eine andere geworfen, als der Zug aus dem Tunnel tritt: die anmutige Yoko, die er dabei beobachtet, wie sie sich im selben Abteil innig um einen kranken jungen Mann kümmert. Als ihr Gesicht in der Spiegelung des Fensters plötzlich mit der verschneiten Berglandschaft verschmilzt, verliert Shimamura vor Schreck beinahe die Fassung (auch Komako bietet ihm dieses Erlösungsbild einmal). Innen und Aussen kommen zur Deckung im ekstatischen Augenblick, nicht im Ergebnis einer gestalteten Interaktion.

Wie sehr Ethik und Ästhetik auseinander klaffen, wird offenbar, als Yoko am Ende der Erzählung einem Hausbrand zum Opfer fällt. Als ihr Körper aus dem ersten Stock herabstürzt und ein Schrei des Entsetzens durch die Menge geht, bietet ihm diese Szene unter dem klaren Sternenhimmel Shimamura höchsten Genuss. «Yoko hielt ihre durchdringenden, schönen Augen geschlossen. Ihr Kinn war nach oben gestreckt und bildete mit dem Hals eine gerade Linie. Über ihrem vollkommen weissen Gesicht flackerte der Feuerschein.» Menschliche Anteilnahme ist Shimamuras Sache nicht, und er hat keine Kunst vorzuweisen, die seinen Immoralismus rechtfertigen könnte. Seinem Narzissmus entwächst kein Werk. Hinter der Maske des Machos verbirgt sich der unbehauste Mensch der Moderne - er ist uns nicht unvertraut. Yasunari Kawabata hat ein sehr japanisches Buch von universaler Geltung verfasst.

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