Schnee in
den Ardennen.
Roman von Jürgen
Becker (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 5.11.2003:
Was ein Journalroman ist, muss man nicht wissen.
Vieles muss man nicht wissen; auch nicht, dass man Kaminholz mindestens ein Jahr
lang trocken lagern sollte; man erfährt es neben unendlich vielem anderen aus Jürgen
Beckers klugem Buch, einem Journalroman. Das ist also ein Journal, in dessen
Mitte eine Art Romanfragment eingelassen ist, als sei es der Mittelteil eines
Triptychons, nur dass der 1932 geborene Schriftsteller Jürgen Becker keiner
symmetrischen Konstruktion folgt: Die Abschnitte werden immer kürzer, so dass
der mittlere Teil erst in der zweiten Hälfte beginnt. Querverbindungen zwischen
dem "fiktionalen" und den "authentischen" Teilen des Buchs
lassen sich ohne weiteres herstellen; im Grunde aber suspendiert Becker die Idee
des Fiktionalen. Ein Journalroman ließe sich notfalls auch als Roman ohne Plot
definieren. Der Autor führt Literatur auf zwei andere wesentliche Elemente zurück:
auf Arbeit mit der Sprache und auf Erfahrungsaustausch.
Oder, um präzise zu sein: Erfahrungsvermittlung, denn Becker erfährt von uns,
seinen Lesern, ja nichts. Wir begegnen ihm nicht auf der Straße, in seinem Örtchen
Odenthal im Bergischen Land, in der Nähe des Altenberger Domes, wo sich beim
Plausch Erfahrungen austauschen ließen, etwa über die Anziehungskraft der
Dorfstraße: "Das in Spitzenzeiten dort herrschende Verkehrschaos spiegelt
en miniature das Chaos der Ballungsgebiete in Lagos, der nigerianischen
Hauptstadt, wider, ein Chaos übrigens, das auf wundersame Weise funktionieren
soll." Warum ausgerechnet Lagos, könnten wir hier entgegnen, was hat
Odenthal mit Lagos zu tun? Aber das können wir eben nicht, da wir es nicht mit
virtueller, sondern mit altmodisch gedruckter Literatur zu tun haben, die ihre
Legitimation aus der Tatsache bezieht, dass sie Erfahrungen sozusagen letztgültig
zu Sprache verdichtet. Infolgedessen lässt sich die Chiffre "Lagos"
nicht weiter hinterfragen. Auch nicht die Vokabel "drangsalös". Gibt
es sie überhaupt? Es gibt sie, da der Autor sie benutzt. Sie bezeichnet eine
beklemmende Situation im Traum.
Der Journalroman enthält Miniaturen, Beobachtungen und Reflexionen, die dem
Alltag abgewonnen sind. Eine Moderatorin im Fernsehen ist heiser: "Die
Sendung verläuft spannend, nicht der Nachrichten wegen, sondern weil man mit
der Moderatorin bangt, ob sie es bis zum Wetter schafft." Sie schafft es,
und sie schafft sogar den folgenden Abend, aber das erfahren wir Becker-Leser
erst dichte 140 Seiten später. "Aber dann, während sie zu sprechen
begann, versank das Studio in einer Dämmerung, in der von ihrem Gesicht nur ein
fahler Schimmer blieb. Sie sagte dann auch, was jeder Zuschauer sehen konnte:
ich glaube, ich bin hier etwas im Dunkel."
Es ist eine alltägliche Erfahrung, dass das Medium sich vor die Botschaft
schiebt; dass die Dramaturgie und die Störanfälligkeit einer Sendung
"spannender" (oder komischer) sein können als ihre Inhalte. Wenn
diese Erfahrung den Autor interessiert, so liegt es vielleicht daran, dass auch
in seiner Arbeit die Probleme der Darstellung, der Aufbereitung und sogar der
Unterbrechung durch die Außenwelt drängender sind als die Suche nach Erzählstoffen,
die sich gewissermaßen aus eigener Kraft anbieten. Der Schriftsteller bedarf so
wenig (oder so sehr) wie der Nachrichtenredakteur der Fiktion, um erzählbare
Stoffe zu finden; liegt die Fiktion letztlich nicht eher in der Art und Weise,
wie aus Daten Geschichten gemacht werden? Theoretisch, wenn es auch nicht
wahrscheinlich ist, könnten sogar die Heiserkeit der Moderatorin und der
Lichtausfall Fakes sein, die der von Natur aus zu schwachen Insistenz der Daten
zusätzlichen Aplomb verschaffen.
[...diese und weitere Besprechungen
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