Schnee von Orhan Pamuk, 2005, Hanser1.) - 2.)

Schnee.
Roman von Orhan Pamuk (2005, Hanser - Übertragung Christoph K. Neumann).
Besprechung von Jörg Plath in der Frankfurter Rundschau, 16.3.2005:

Ka sieht weiß
Große Kunst im Schnee: Orhan Pamuks Held zerreibt sich in der anatolischen Bürgerkriegszone

Reisen in das Herz der türkischen Finsternis lässt der Schriftsteller Orhan Pamuk seine Figuren unternehmen. Es sind Fahrten in die ärmlichen Landstriche Kleinasiens, wo die nationalen Probleme wie unter einem Brennglas zu Tage treten. In Pamuks neuem Roman Schnee reist der Lyriker Ka in das entlegene nordöstliche Kars. Kurz nach seiner Ankunft schließt der beharrlich fallende Schnee die Stadt nahe der Grenze zu Armenien drei Tage lang ein. Ka erfährt in Kars und im Kar (türkisch für: Schnee) einige mystische Augenblicke lang das Geheimnis seiner Existenz. Diese Glückserfahrungen werden freilich beinahe zermalmt von mörderischen Auseinandersetzungen zwischen Säkularen und Strenggläubigen. 500 Seiten lang schlägt Pamuk hoch diszipliniert Kapriolen, die jedem anderen Autor das Genick brechen würden. Aber der 1952 geborene türkische Schriftsteller ist ein Zauberer.

Der Roman voller Extreme kommt ohne jeden marktschreierischen Effekt aus. Der von der ersten Seite an rieselnde Schnee gibt dem Buch den Ton vor. Er dämpft die Schritte und die Schüsse, die Unterhaltungen und die Explosionen. Er lässt den Alltag in Kars ruhen und sorgt für eine unwirkliche Atmosphäre, in der alles möglich erscheint.

Nach zwölf einsamen Jahren im Frankfurter Exil war Ka im modernen Istanbul nicht mehr wohl zumute

Kerim Alakuolu, der seinen ungeliebten Namen mit den Initialen Ka abkürzt, fährt mit einem Auftrag in die Provinz. Er soll für eine türkische Zeitschrift über die Selbstmorde von jungen Frauen schreiben, die wegen ihres Kopftuches am Betreten der staatlichen Universität gehindert worden waren. Ka nahm den Auftrag an, weil er sich - nach zwölf einsamen Jahren im Frankfurter Exil - im modernen Istanbul nicht wohl fühlte und nun hofft, in Kars die Türkei seiner Kindheit wiederzufinden. Außerdem möchte der 42-jährige heiraten, und seine schöne, frühere Kommilitonin Ipek ist mit ihrem Vater und ihrer Schwester Kadife nach Kars gezogen.

Doch statt in die Kindheit und in eine glückliche Zukunft gerät Ka in einen unerklärten Bürgerkrieg um Kopftücher. Ipek hat sich von ihrem Ehemann Muhtar Bey, dem Vorsitzenden der islamistischen Wohlstandspartei, getrennt, weil er ihr ein Kopftuch aufzwingen wollte. Ka besucht den alten Freund und muss mitansehen, wie Bey von der Polizei gefoltert wird, bis der voraussichtliche Wahlsieger seine Kandidatur zurückzieht. Dann wird Ka Zeuge, wie ein Islamist den Direktor der Pädagogischen Hochschule ersticht, der Kopftuchträgerinnen den Zutritt verwehrte. In diesem aufgeheizten Klima wäre es für Ipeks Schwester Kadife, die ihre Haare anfangs aus Solidarität bedeckte, lebensgefährlich, ihren Kopf wieder zu entblößen. Niemand in Kars schätzt Distanz und Ironie. In das klare Freund-Feind-Schema passen nur die Selbstmorde der jungen Kopftuchträgerinnen nicht. Denn um einen Protest kann es sich nicht handeln: Selbstmord ist für fundamentalistische wie säkulare Muslime eine Sünde.

Dem Fremden und bekannten Schriftsteller öffnen sich in Kars fast alle Türen. Ka spricht mit jenen, die schon lange nicht mehr miteinander sprechen: mit den angsterfüllten Staatsvertretern, die im Namen der Demokratie das Recht beugen, mit den feurigen Jugendlichen von der Schule für Vorbeter und Prediger, mit gemäßigten und radikalen Islamisten. Jeder Gesprächspartner wirkt zutiefst gekränkt und schwankt zwischen Minderwertigkeitsgefühlen und Hochmut. Alle suchen Halt in einer Gemeinschaft, die zu ihrer Selbstachtung die anderen, ob Kemalisten, Islamisten, Kurden oder Europäer, auf hässliche Zerrbilder reduziert.

Orhan Pamuks Türkei ist ein zwischen Okzident und Orient zerrissenes Land

Voller Schmerzen schildert Orhan Pamuk die Türkei als ein zwischen Okzident und Orient, Moderne und Tradition zerrissenes Land. Der in seiner Heimat berühmte Autor hat diesen Widerstreit am eigenen Leib erfahren. Nach einem Architektur- und Journalistikstudium lebte er mehrere Jahre in den USA und bemerkte nach der Rückkehr entsetzt, wie sehr sich die Türkei amerikanisiert hatte. Mit dem "unsinnigen Nationalismus" der Konservativen kann er sich freilich ebenso wenig anfreunden. Pamuks Bücher, nach dem spannenden metaphysischen Road Movie Das neue Leben (1998) zuletzt die Kriminal- und Liebesgeschichte unter Buchillustratoren des 16. Jahrhunderts, Rot ist mein Name (2001), setzen inmitten einer stark politisierten Literaturszene auf die Autonomie der Literatur.

Das bedeutet nicht Weltflucht. Denn als das Wundermittel der Literatur begreift Orhan Pamuk die Fähigkeit, Ambivalenzen zu erzeugen. Auch Schnee ist ein großer Versuch über die Kunst des Zweifels, der Skepsis, der Ironie. Wenn Ka einen deutschen Journalisten der Frankfurter Rundschau namens Hans Hansen und dessen blonde Ehefrau Ingeborg erfindet, dann erweist Pamuk Thomas Manns Tonio Kröger die Reverenz. Auch Turgenjew wird erwähnt, aber Kas Schule des Zweifels ist nicht die Literatur, es sind die Begegnungen in Kars. Der Säkulare lernt die Willkür des säkularen Staates fürchten, er beneidet den Islamisten Lapislazuli um seine starken Überzeugungen und entdeckt bei einem Scheich seinen Glauben an Allah. Zudem kann Ka Ipek erobern, und es fliegt ihm, zum ersten Mal seit Jahren, ein Gedicht zu, dem 18 weitere folgen. Sein Glück, aber auch die Angst um dieses kaum fassbare Glück, könnte nicht größer sein.

Auf knapp 180 Seiten schildert Orhan Pamuk ohne großes Aufheben diese erstaunlichen Ereignisse, um sie dann mit einem Mal, ohne in seiner Lakonie nachzulassen, zu überbieten und ins Schrille zu wenden. Ein alternder Schauspieler, einst gescheitert mit seinem Wunsch, die Idole der türkischen Nation Atatürk und Mohammed zu spielen, nutzt einen Theaterauftritt zum Putsch: Eine Frau nimmt in dem Stück ihr Kopftuch ab und wird von eifernden Gläubigen bedrängt. Daraufhin betreten Soldaten die Bühne und richten unter den Zuschauern ein Blutbad an. Der Schauspieler-Diktator, dessen Herrschaft solange währen wird, wie der Schnee Kars einschließt, hat die Ambivalenz zwischen Theater und Leben auf seine Weise aufgelöst. Aus dem hoffnungsvollen Bildungsroman des Türken Ka aber wird eine blutige Farce über die türkische Nation.

Erneut führt Ka Gespräche mit allen Seiten, doch aus dem neutralen Beobachter ist ein Vermittler mit eigenen Interessen geworden. Um sein Glück mit Ipek zu retten, macht er sich mit den Schergen und den Chargeuren gemein. Ka organisiert eine Protestresolution von Islamisten, Kurden und ehemaligen Linken "an Europa". Er setzt sich für die Freilassung des gefangenen Islamisten Lapislazuli ein, wofür dessen geheime Geliebte, Ipeks Schwester Kadife, in einem Stück des Schauspieler-Diktators ihr Kopftuch abnehmen soll. Die Liebenden wechseln mehrmals ihre Meinung, was Ka zu immer neuen Bittgängen und Lügen zwingt, die Ipek befremden. Zu diesem Hexentanz der Fantasmagorien rund ums Kopftuch, dem Ka nach einem unvorhersehbaren Showdown mit knapper Not allein und gebrochen nach Frankfurt entkommt, spielt die sehr reale Knochenmühle des Theaterputsches eine schaurige Begleitmusik. Schnee fährt Achterbahn mit dem realistischen Roman, reißt ihn in die eisigen Höhen des allegorischen, nur um ihn unmittelbar darauf wieder hinabfahren zu lassen wie einen Blitz. Pamuks Erzähler trägt zu alldem ein undurchdringliches Gentlemanlächeln.

Die Kunst des Zweifels, die Ka erst lernt und dann wieder vergisst, wäre blind ohne ihren Widerpart, den unbedingten Glauben. Pamuk hat ihn listig in eine Literaturapotheose von Borges'schen Ausmaßen verlegt: Die 19 Gedichte, die Ka in mystischen Augenblicken in Kars offenbart werden, sind verschwunden, als er nach vier einsamen Jahren in Frankfurt am Main auf der Straße erschossen wird. Im Nachlass findet sein Freund Orhan Bey nur Kas Interpretationen der Poeme und die Zeichnung einer Schneeflocke, deren sechs Enden die Gedichte zugeordnet sind. Für Ka barg diese Schneeflocke das Geheimnis seines Lebens. Bey sucht das poetische Vermächtnis des Freundes in Deutschland und in Kars, wo auch er Ipeks Schönheit verfällt. Weil er sich nicht zutraut, sie zu gewinnen, beginnt er einen Roman über Ka zu schreiben: jenen, den wir in den Händen halten.

Schnee ist Orhan Beys Schneeflocke. Die gewaltigen und gewalttätigen Ausschläge des Buches zwischen Liebe und Verrat, Glück und Verhängnis, Ehrfurcht und Scham zeichnen die Umrisse von Kas Geheimnis nach. In sein Zentrum würden allein die verschwundenen Gedichte führen, und so hält sich Bey an die unglaublichen Begebenheiten und das Detail, etwa die Videos eines Pornostars, mit denen sich Ka in seiner Frankfurter Einsamkeit voller Schuldbewusstsein tröstete, weil die Frau ihn an Ipek erinnerte.

Seht her, sagt Pamuk, es ist nur ein realistischer Roman, das Eigentliche fehlt ja. Aber wer Schnee gelesen hat, weiß es besser. Und darüber ist ihm Anatolien zu einer Provinz der Weltliteratur geworden.

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Schnee von Orhan Pamuk, 2005, Hanser

2.)

Schnee.
Roman von Orhan Pamuk (2005, Hanser - Übertragung Christoph K. Neumann).
Besprechung von Marcel Blank aus der NRZ vom 27.6.2005:

Schnee, Schnee, Schnee
Warum der jüngste Roman von Orhan Pamuk den denkbar besten Titel hat - und warum der deutsche Buchhandel einen brisanten Friedenspreisträger für 2005 gefunden hat.

"Eskimos kennen 100 Wörter für Schnee". Dieser 1984 in der New York Times erschienene Satz wurde weit mehr als 100 mal zitiert - und ist falsch. Die überaus bildhafte Sprache der Inuit kennt keine 100 Wörter für Schnee, sondern zahllose Ausdrücke für die Zustände, die Wasser bei entsprechenden Temperaturen erreicht. Schnee ist diffizil und lässt sich nur schwer fassen, Schnee ist Chaos, Zerstörung und Naturgewalt, aber auch Ruhe, Weite und Schönheit und - der Titel des jüngsten Romans von Orhan Pamuk, dem bekanntlich am Ende der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wird. Der zurzeit erfolgreichste türkische Autor hätte sich keinen besseren Titel einfallen lassen können: "Schnee" ist Krimi, Liebesgeschichte, realpolitisches Zeitzeugnis und Fantasietheater.

Zentraler Schauplatz ist die abgelegene anatolische Kleinstadt Kars. Der in Deutschland lebende Exiltürke und Journalist Ka reist in seine Heimat, um im Auftrag einer türkischen Zeitung über bevorstehende Kommunalwahlen zu berichten. Zeitgleich geschehen in Kars zahlreiche Selbstmorde. Die Opfer sind junge Türkinnen. Ihnen wurde verboten, die Universität zu besuchen, da sie sich weigerten, ihr Kopftuch abzunehmen. Jetzt erdrosseln sie sich damit. Kurz nach Kas Ankunft wird die Stadt durch Schneestürme von der Außenwelt abgeschnitten.

Bespitzelte Polizeispitzel

In diesem isolierten Mikrokosmos legt Pamuk seine zeitweise absurd klingende Geschichte an. Der verträumt-romantische Ka ist nicht nur auf der Suche nach Material für seinen Artikel, sondern hofft auch, seine Jugendliebe Ipek wiederzufinden. Zunächst trifft er jedoch auf viele andere groteske Gestalten. Die Stadt ist bevölkert von islamischen und kurdischen Radikalen, von ehemaligen Kommunisten, Militärs, Geheimdienstlern und Polizeispitzeln, die bespitzelt werden. Die Provinzzeitung berichtet über Ereignisse, bevor sie stattfinden. Der Journalist schreibt im Kugelhagel Gedichte und findet sein Liebesglück, um es wieder zu verlieren. Während eines Theaterabends kommt es zu einem blutigen Putsch, angezettelt von den Schauspielern. Und Ka gerät zwischen die Fronten, deren Ansichten in zahlreichen Dialogen deutlich werden, ohne dass Pamuk sie bewertet.

Dies ist eine der herausragenden Eigenschaften des Romans. Pamuk schafft es, Ideologien zu beschreiben, ohne sie auf Vorurteile zu reduzieren. "Schnee" ist ein Spiegelbild der heutigen türkischen Gesellschaft, die ihre Identität im Spannungsfeld zwischen Ost und West oft behaupten, aber auch überdenken muss. Gerade im Hinblick auf die aktuelle EU-Debatte hat Pamuk ein Buch geschrieben, mit dem man etwas kühler, vernünftiger über die Türkei diskutieren kann. "Schnee" ist so vielschichtig und komplex wie das Naturphänomen, das ihm den Titel gab.

Pamuks erster politischer Roman wurde sowohl in der Türkei als auch international mit Begeisterung aufgenommen. Während die New York Times "Schnee" als das beste ausländische Buch 2004 feierte, macht sich Pamuk in seinem Heimatland jedoch zunehmend Feinde. Türkische Nationalisten bezichtigten ihn des Vaterlandsverrats. Nach seinen Äußerungen in einem Interview im Februar, in dem Pamuk der Türkei die Schuld am Tod von einer Million Armeniern und 30 000 Kurden gab, forderte ein Lokalpolitiker sogar öffentlich die Verbrennung seiner Bücher. Dass die Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels die Zahl seiner Kritiker in der Türkei nicht verringern wird, sieht auch Faruk Sen, Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen: "Eine hervorragende Entscheidung." Aber: "Das ist ein kritischer Preis, das wird Wellen schlagen." (NRZ)

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