Schmidts Einsicht von Louis Begley, 2011, Suhrkamp1.) - 2.)

Schmidts Einsicht.
Roman von Louis Begley (2011, Suhrkamp - Übertragung Christa Krüger).
Besprechung von Reinhard Helling aus Jüdische Allgemeine, 24.11.2011:

Der alte Mann und die Erotik
»Schmidts Einsicht«: Der dritte Band von Louis Begleys Trilogie um einen New Yorker Anwalt

Nach über zehnjähriger Pause geht es endlich weiter mit Louis Begleys pensioniertem Anwalt Albert Schmidt. Noch vor der amerikanischen Originalausgabe Schmidt Steps Back, die erst im März 2012 herauskommt, ist Begleys neuer Roman soeben in der treffsicheren Übersetzung von Christa Krüger als Schmidts Einsicht auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen. Darin erleben wir den 2002 in About Schmidt von Jack Nicholson grandios im Kino verkörperten Herrn mit den tadellosen Manieren und den manchmal zweifelhaften Ansichten altersmilde. Aber keineswegs altersmüde.

In seinem neunten Roman nimmt der 1933 als Ludwig Beglejter in Polen geborene Schoa-Überlebende Begley den Erzählfaden wieder auf, den er 1997 mit Schmidt ausgelegt und 2001 mit Schmidts Bewährung weitergesponnen hatte. Zwischenzeitlich hatte der in 15 Sprachen übersetzte Bestsellerautor Prosawerke wie Schiffbruch (2003) und Ehrensachen (2007) publiziert sowie den kritischen Essay Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte.

alter ego

Begley war 45 Jahre Anwalt in einer großen New Yorker Kanzlei. Kaum verschlüsselt bildet sein eigenes Wirken in Paris als international agierender Vertragsrechtler den Hintergrund für Schmidts Kampf mit der Liebe und der Libido.

Am ersten Tag des Jahres 2009 freut sich der 78-jährige Ruheständler Schmidt (zufällig ist er genauso alt wie sein literarischer Schöpfer Begley), der als Anwalt zu Ansehen und Vermögen gekommen war, auf einen Neubeginn: in der US-Politik mit Barack Obama, in der Liebe mit seiner verwitweten Bekannten Alice Verplanck, einer jüdischen Diplomatentochter, die Schmidt einst in Paris kennenlernte. Ein Rückblick führt uns an die Seine, wo die beiden sich 1995 erstmals begegneten. Alices Mann, ein Mitarbeiter von Schmidts Kanzlei, war gerade erst gestorben.

Die Witwe erzählte Schmidt ihre Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt die Ermordung ihrer kompletten mütterlichen Verwandtschaft in Auschwitz und Bergen-Belsen stand. Jetzt, 14 Jahre später, besucht Alice Schmidt zum Jahreswechsel in seinem Haus im vornehmen Bridgehampton auf Long Island. Die 63-Jährige soll die emotionale und erotische Lücke füllen, die Carrie bei ihm hinterlassen hat, jene 22-jährige puertoricanische Kellnerin aus Schmidts Bewährung, die Schmidt sitzen ließ und nun ein Kind erwartet, vielleicht von ihm, möglicherweise aber auch von ihrem neuen Lover.

frauen

Schmidt, noch immer beruflich aktiv als Chef einer Stiftung, hat – darin einigen Figuren der jüngeren Philip-Roth-Romane ähnlich – bei voller geistiger Leistungsfähigkeit mit nachlassender körperlicher Vitalität zu kämpfen. Carrie hatte ihn an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit im Bett gebracht; mit Alice kann er diesen Aspekt etwas gelassener angehen. Alles wäre vergleichsweise gut, wenn Schmidts anstrengende Tochter Charlotte, auch sie schwanger, den alten Mann nicht so auf Trab halten würde.

Charlotte laboriert an ihrer unglücklichen Ehe mit Jan Riker, einem arroganten jüdischen Anwalt und Schmidts juristischem Ziehsohn. In den ersten beiden Bänden der Trilogie hatte Riker den prototypischen weißen angelsächsischen Protestanten Schmidt gelegentlich zu antisemitischen Ausfällen provoziert. Inzwischen ist der alte Mann auch in diesem Punkt zurückhaltender geworden.

Und so genießt der frisch verliebte Witwer einen Martini nach dem anderen und wartet auf die Klärung von drei drängenden Fragen, die alle mit Frauen zu tun haben: Wird er noch einmal Ehemann (von Alice)? Wird er noch einmal Vater (des Kinds von Carrie)? Und wird er endlich Großvater (durch Charlotte)?

Louis Begley hat erst mit 57 Jahren begonnen zu schreiben. Sein umfangreiches Werk ist – nicht zuletzt durch den Einfluss seiner Frau Anka Muhlstein, einer 1935 in Paris geborenen Historikerin und Biografin – geprägt von der Orientierung an Europas Kultur, seinen Städten, Denkern und Künstlern. Und seiner Küche. Denn kulinarische Genießer sind sie beide – der Autor ebenso wie sein Held Schmidt, der in diesem Buch wohl seinen letzten Auftritt hatte.

[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur,  bestellt werden]

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Schmidts Einsicht von Louis Begley, 2011, Suhrkamp2.)

Schmidts Einsicht.
Roman von Louis Begley (2011, Suhrkamp - Übertragung Christa Krüger).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 16.12.2011:

Nur die Liebe kann Freund "Schmidtie" retten
Der 78-jährige Amerikaner Louis Begley kann ziemlich ungemütlich werden, wenn man ihn auf sein Alter anspricht.

Sein Held in nun schon drei Romanen, der pensionierte New Yorker Wirtschaftsanwalt Schmidt, ist ebenfalls weit über 70, und Humor bzw. Selbstironie ist leider auch seine Sache nicht. Er scheint, haha, mit dem ehemaligen Anwalt Begley verwandt zu sein – abgesehen von seinen antisemitischen Anfällen. Entsetzt über die Falten im Gesicht, versucht er sich durch Sex und die Liebe zu retten. Das Porträt eines reichen, einsamen Mannes, der zusätzliche 6000 Dollar monatliche Fixkosten überhaupt nicht merkt, wird also fortgesetzt – nach "About Schmidt" (1997, verfilmt mit Jack Nicholson) und „Schmidts Bewährung“ (2000). Glücklich war „Schmidtie“ (wie Freunde ihn nennen müssen, sonst ist er beleidigt) nie. Nur Geld ist halt auch ein Schmarrn. Nach dem Tod seiner Frau hatte er eine um 40 Jahre jüngere Geliebte aus Puerto Rico. Trotzdem empfindet er sich als „bieder“.

Schmidt häuft weiterhin Vermögen an: als Kulturbeauftragter eines großzügigen, komischen, langschwänzigen ägyptischen Milliardärs, der ihn sehr mag und sogar bequeme Mokassins für ihn einfliegen lässt. Dass er sich mit seiner Tochter immer mehr zerkracht und dann versöhnt – das bringt "Schmidts Einsicht" die bewegendsten Momente.

Pubertär

Dem Titel zum Trotz bleibt Schmidt Schmidt. Etwas ruhiger geht er durch sein Nicht-Leben. Erwachsener. Außer beim Werben um die schöne Witwe eines ehemaligen Arbeitskollegen. Da wird er von Louis Begley spätpubertär vorgeführt; schonungslos. „Sein“ Autor lässt ihn vom Schicksal durchbeuteln; und freut sich angeblich, dass solches einem Erfolgsmenschen nicht erspart bleibt. Immerhin bringt er Schmidt zum Blühen, ein vierter Roman ist deshalb keineswegs ausgeschlossen.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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