Schmidts Bewährung von Louis Begley, 2001, Suhrkamp1.) - 2.)

Schmidts Bewährung.
Roman von Louis Begley (2001, Suhrkamp - Übertragung Christa Krüger).
Besprechung von Martin Lüdke aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Schmidt bewährt sich
Fortsetzung folgt: Louis Begleys neuer Roman endet, wo der nächste weitergehen wird

Der Name ist vulgär, Albert Schmidt, seine Position hingegen exquisit. Wir bewegen uns unter kultivierten, reichen, zum Teil superreichen Leuten, und dazu in einer ziemlich vornehmen Gegend, Bridgehampton, Long Island, unweit von New York, direkt am Atlantik. Die Versatzstücke eines Trivialromans sind alle, ausnahmslos, vorhanden. Und Begley, scheinbar hemmungslos, nutzt sie auch. Sex und Macht, Liebe und Leid, den Glanz der großen Welt.

Sein Held Schmidt war Sozius der New Yorker Kanzlei Wood & King, das heißt: ein renommierter Anwalt in einer der renommierten, großen New Yorker Kanzleien. Er galt als Fachmann für Versicherungsfragen. Vor Erreichung der eigentlichen Altersgrenze schied er allerdings aus, bei gekürzten, wenn auch immer noch ansehnlichen Bezügen. In dieser Angelegenheit spielte sein Schwiegersohn, ein junger ehrgeiziger Juppie-Jude, den er gegen einigen Widerstand selbst erst als Partner durchgedrückt hatte, keine rühmliche Rolle. Nicht nur deshalb empfand Schmidt das ganze Verfahren als kränkend, obwohl er mit dem Arrangement zufrieden sein konnte. Strukturveränderungen in der Versicherungsbranche hätten ihn ohnehin gezwungen, sich umzuorientieren. Hinzu kam der langsame, quälende Krebstot seiner Frau Mary. Und eine gewisse Müdigkeit.

Schmidt, von seinen Freunden nur "Schmidtie" genannt, Anfang sechzig, war also dabei, sich und sein Leben in dem ehemaligen Landhaus auf Long Island, das nun zu seinem ständigen Wohnsitz geworden war, neu einzurichten. Zusammen mit Carrie, einer ehemaligen Kellnerin, die ihn nach einem schweren Autounfall liebevoll gepflegt und in nicht nur in einer Hinsicht wieder richtig aufgepäppelt hat. Begley-Leser aber wissen mehr. Denn so weit waren wir schon einmal. Dieser Stand der Dinge war auf der letzten Seite des vorletzten Romans mit dem fast provozierend schlichten Titel Schmidt (1996, dt. 1997) bereits erreicht. Es handelt sich bei dem neuen Roman, der letztes Jahr in Amerika herauskam, um eine richtige Fortsetzung. Doch ist die Kenntnis des ersten Bandes zum Verständnis des zweiten weder nützlich noch notwendig. Denn Begley schreibt, nachdem er sich von seiner eigenen Überlebensgeschichte in dem von den Deutschen besetzten Polen freigeschrieben hatte, Lügen in den Zeiten des Krieges, immer an dem einen einzigen großen Roman.

Der junge polnische Jude Begley ist selbst ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt in einer der großen New Yorker Kanzleien geworden. Seine literarischen Figuren schildert er als zappelnde Gefangene in einem eng geknüpften Netz. Sie haben viel Geld und Bewegungspielraum. Begleys Romane sind Gesellschaftsromane, in einem strikten Sinne: So etwa wie sich Proust von Balzac unterscheidet - beide haben die französische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und deren Protagonisten beschrieben, der eine, um sie abzubilden, der andere, um sie aus dem Bann der Empirie zu lösen -, so unterscheidet sich Begley auch von den geläufigen Biografen fiktiver Gestalten unserer Gegenwart, also vom Schlage der Walser, Updike, Muschg.

Er versteht sich auf die Kunst des Weglassens. Eine Frage - "Wie denn? Mit Fingerficken?" -, und ein weites Feld öffnet sich. Demgegenüber stehen wahre Beschreibungsorgien: "Es ist ein paar Minuten vor neun Uhr. Die Mercedes Kombis, Range Rover, BMW's und Jaguare sind auf dem Kies vor Sesames verschlossener Ladentür versammelt. Männer mit Zweitagesbärten küssen Frauen, die, wie es aussieht, Baumwollnachthemden und Strandschlappen tragen. Diese Frauen kommen gerade aus dem Bett, das kann man riechen, sie sind hierher gestürzt, ohne sich vorher die Zähne zu putzen. Auch ein Toyota steht steht da, er passt nicht ins Bild. Der Kerl darin könnte genausogut unsichtbar sein. Er küsst niemanden, und keiner grüßt ihn."

Mit erzählerischen Mitteln versucht Begley Formen einer Vergesellschaftung zu erfassen, in der "Psychologie, Beziehung zwischen Personen, und Psychologie des intelligiblen Charakters" dazu dienen, eine Realität zu konstruieren, die durch einen, wie Adorno über Proust schrieb, "aufs bloß tatsächlich Psychologische oder Soziologische gerichteten Blick" nicht zu erreichen wäre. Auch Begley bietet nämlich eine Art Gesamtbild einer bestimmten sozialen Gruppe zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt, durch das sich seine Einzelheiten erst vermitteln.

Es ist eben jene "Realität", die er für sein alter ego Schmidt konstruiert hat, die Welt der Wirtschaftsanwälte und ihrer Mandanten. Es sind, wie das treffende deutsche Wort es nennt, vor allem "Geschäftsfreunde" und Kollegen, die bei allem, was sie tun und bei dem, was sie lassen, ein Kalkül verfolgen. Alles Handeln ist überdeterminiert, weil private und geschäftliche Interessen untrennbar verschlungen sind. Selbst die junge, zwar unverkäufliche Freundin dient, zuweilen brutal offen, dann auf eine kaum noch erkennbare Weise als Handelsobjekt. Jede Konversation bleibt, den Gesprächsteilnehmern in jedem Augenblick bewusst, doppelbödig. Sogar Naivität kann dabei zu einem nützlichen Instrument werden.

Im Zentrum steht das Verhältnis "Schmidties" zu seiner über vierzig Jahre jüngeren Geliebten. Diese Carrie, bildhübsch, leicht angefärbt und deshalb (für ältere Herren) von exotischem Reiz, verfügt über "Takt" und, dieser altfränkische Begriff ist hier durchaus angebracht, "Herzensgüte". Darüberhinaus über ein soziales Sensorium, in dem Schmidt sogar ein "Klassenbewusstsein" erkennen will.

Am Ende, vertraglich abgesichert, wird die Beziehung zwischen Schmidt und Carrie wieder gelöst. Die junge Frau ist schwanger. Ob Schmidt oder ihr künftiger Partner die Vaterschaft beanspruchen kann, bleibt offen. Schmidt jedenfalls ist nicht nur mit der Regelung zufrieden, sondern sogar stolz über die Geradlinigkeit und Weitsicht seiner - jetzt schon: ehemaligen - Geliebten. Paradoxerweise zeigt sich in der Aufrichtigkeit und Anständigkeit der jungen Frau, dass sie etwas gelernt hat von den alten Herren: nämlich an sich zu denken.

Schmidt wird nun für einen Nachbarn, den schwerreichen Mike Mansour, eine Stiftung leiten, also wieder berufstätig werden. Das völlig verquere Verhältnis zu seiner Tochter kommt, scheint es, ebenfalls wieder in Ordnung. "Dad, sagte sie auf einmal. Ich weiß nicht, ich bin wohl auch nicht so großartig. Machen wir einen Deal. Ich nehme dich, wie du bist" - das hatte Schmidt seiner Tochter gerade vorgeschlagen - "und du nimmst mich, wie ich bin. Vorläufig. Wohin uns das führt, werden wir dann sehen."

Dieses Gespräch fand auf einer Pariser Parkbank statt. Schmidt ist bereits in Sachen Stiftung unterwegs, und die Tochter, die sich zwischenzeitlich von ihm getrennt hatte, begleitet ihren Mann auf einer Geschäftsreise. Alles ist wie im Märchen zu einem guten Ende gekommen. Schmidt biegt an der Rue St. Honoré rechts ab, wo ein paar Straßen weiter die Witwe eines verstorbenen jüngeren Partners seiner alten Kanzlei wohnt. Vor dem Klingelbrett endet der Roman. (Der nächste Schmidt-Roman wird an dieser Stelle beginnen.)

Reiche Leute mit gutem Herz und einem Aschenputtel, das seinen Prinzen findet: Der Unterschied zum Trivialroman, mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar, liegt tatsächlich, wie es der gestorbene Mönch seinem Ordensbruder eingeflüstert hat, im Ganzen.

Das heißt: Man kann Schmidts Bewährung mit Vergnügen lesen, ohne den Schrecken wahrzunehmen, der sich hinter jeder Zeile verbirgt.

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Schmidts Bewährung von Louis Begley, 2001, Suhrkamp2.)

Schmidts Bewährung.
Roman von Louis Begley (2001, Suhrkamp - Übertragung Christa Krüger).
Besprechung von Jamal Tuschick aus der Frankfurter Rundschau, 6.4.2001:

Schmidtie und die Kellnerin
Literarische Saisoneröffnung bei Carolus mit Louis Begley

Den literarischen Frühling bei Carolus eröffnete Louis Begley. Seinen Ruhm begründet er mit einem späten Debüt. Der New Yorker Anwalt war schon fast sechzig, als Anfang der Neunziger Lügen in Zeiten des Krieges auf deutsch erschien. Inzwischen hat Begley seinen Rang mit einer Reihe von Romanen gefestigt. Zuletzt veröffentlichte der Autor bei Suhrkamp Schmidts Bewährung.

Sein Verleger, Siegfried Unseld, ließ es sich am Mittwochabend nicht nehmen, den Erfolgsautor einzuführen. Er rühmte Begleys stilistische Eleganz und die Präzision seiner Sprache. Den aktuellen Titel nannte Unseld "schlicht ein Meisterwerk". Beiläufig verriet er etwas von der Diskretion des in Polen geborenen und dem Holocaust-Grauen entgangenen Autors gegenüber der eigenen Biografie.

Auch darin, wie er sie zum Material seiner schriftstellerischen Arbeit macht, zeigt sich eine bürgerliche Umsicht, die von Begleys Habitus gespiegelt wird. Mit allen Zeichen eines Grandseigneurs trat er vor ein Publikum, dem genau danach war.

Sein Lektor bei Suhrkamp, Rainer Weiss, las aus der deutschen Übersetzung. Er warnte das gesittete Auditorium vor ausdrücklichen Heftigkeiten, mit denen Begley der wichtigsten weiblichen Person im Roman, einer puertoricanischen Kellnerin, Charakter verleiht. Titelheld Schmidtie taucht im Jungbrunnen ihrer Jugend. Sie ist vierzig Jahre jünger als der pensionierte Anwalt und damit jünger als seine Tochter, die der Geliebten ihres Vaters mit äußerster Reserve begegnet.

Dessen Verhältnisse sind im übrigen ebenso komfortabel wie vorderhand ereignisarm. Schmidtie langweilt sich sozusagen auf höchstem Niveau. Sein sozialer Rahmen entspricht dem seines Schöpfers.

Verblüffend war, wie genau Rainer Weiss den Ton traf, den Begley anschlug, als er eine Probe des Originals gab. Dieser Autor ist mit Humor gesegnet. Sich für Sekunden einem Schweijk im Anzug anverwandelnd, bekannte er, dass ihn das Urteil seines Verlegers - Stichwort "Meisterwerk" - "eingeschüchtert" habe.

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