Schmeckts? von Birgit Vanderbeke, 2004, S.FischerSchmeckt's?.
Kochen ohne Tabu von Birgit Vanderbeke (2004, S. Fischer).
Besprechung von Sven Hanuschek in der Frankfurter Rundschau, 20.4.2005:

Fressen in Frankreich
Birgit Vanderbeke hat ein gepfeffertes Kochbuch verfasst

Birgit Vanderbeke lebt in Frankreich. In ihren letzten belletristischen Büchern ist das zunehmend zum Thema geworden, und es ist von einer gewissen Konsequenz, dass sie nun über das Kochen in Frankreich schreibt, allerdings heißt ihr Buch Schmeckt's? Ihr Koch-Initiationserlebnis hat noch in Deutschland stattgefunden, in den frühen 60er Jahren: Als Fünfjährige habe sie weiße Bällchen hinter dem Haus gefunden, erzählt sie, aus denen ihre Mutter geheimnisvollerweise mit ein paar Handbewegungen und ein paar Gewürzen etwas hergestellt hat, das Champignonpfanne hieß und gut schmeckte. Seitdem interessiere sie sich für das Wunder der Verwandlung, das täglich in der Küche vor sich gehe.

Die Verwandlung einer rohen Scheibe Fleisch in eine gebratene vernachlässigt sie dabei, sie ist von komplexeren Dingen angetan. Ihr Buch richtet sich an Menschen, die noch essen und sich nicht auf die sogenannte gesunde Kost aus Körnchen, Obst, Gemüse und Dinkelnudeln beschränken, an Leute, die vielleicht kulinarisch wie Vanderbeke selbst sozialisiert sind. In diesem Kochbuch finden sich deshalb so reizvolle Gerichte wie Rinderzunge mit Schnittlauch- oder Meerrettichsoße, Rezepte für Lammhirn, Kalbsbries und Hammelhoden, ein ganzes Kapitel über Schnecken und Muscheln. Sie holt auch einige grundsolide Dinge wie Vorsuppen auf den Esstisch, die etwas aus der Mode sind, weil sie als langwierig gelten, und sie stellt ihre Lieblingsgerichte von Schwein und Fisch vor. In einigen Kapiteln streift sie die bestehenden Nahrungsmitteltabus, diskutiert also die Ethik der Gänsestopfleber, die Moral des Essens lebendiger Wesen wie Austern und wägt die Tierfreundlichkeit des schnellen Todes durch Köche gegenüber des langsamen etwa von Fröschen in Storchschnäbeln ab. Die Tiere sollten aber schon aus möglichst artgerechter Haltung kommen, und sie sollten nicht umsonst gestorben sein.

Vanderbeke scheint nicht nur in Frankreich zu leben, sondern auch von Katzen und Kindern umgeben zu sein, beide unbestechlich kritische Esser. An den ersteren hat sie Ragout fin aus Dosen ausprobiert und schlägt nach dem fehlgeschlagenen Feldversuch vor, es lieber selber zuzubereiten. Was die zweiten angeht, so gibt es Kinderläden, in denen die Mütter abwechselnd für 40 Kinder mittags kochen. Vanderbeke erzählt die schöne Anekdote einer Mutter, die mit geräucherten Rinderzungen und Tiefkühlerbsen erschien und angesichts der riesigen Teile schnell umgeben war von fragenden Kindern: "Hat die Kuh das wirklich im Mund gehabt?" Die Kinder seien hell begeistert gewesen, wollten das Ding mal anfassen und darüber streicheln. Die Mütter allerdings reagierten anders, auch sie fragten, was das sei, und reagierten auf die Auskunft mit "Iiiih" und "So was isst der Tobias nicht". Den Müttern habe es gegraust; die Kinder hätten das fertige Gericht gern gegessen. Vanderbekes Buch ist also ein Appell gegen die unsägliche Verarmung, die den Kindern, und nicht nur ihnen, mit der aktuellen politisch korrekten Schrumpfküche angetan wird.

Die Erzählerin merkt man dem Buch insofern an, als es sich anders als übliche Kochbücher in einem Rutsch durchlesen lässt. Einziges Handicap für uns nicht nach Frankreich Geflohene an Vanderbekes Rezepten ist, dass ihre "tabulose Küche" hierzulande nur für Großstädter nachahmbar ist. Und viele Verwandlungen, die als zeitaufwendig gelten, das aber nicht sind, muss man zwar nur am Herde initiieren und kann sie dann stundenlang sich selbst überlassen; das geht aber nur, wenn man das Privileg hat, zuhause arbeiten zu dürfen, als Schriftstellerin vielleicht - kurzum, die Idealköchin von Schmeckt's? ist eine Schriftstellerin, die in Frankreich lebt.

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