Schluck auf Stein.
Gedichte von Christian
Filips (2001, Elfenbein).
Besprechung von Alban
Nikolai Herbst in der Frankfurter Rundschau, 28.3.2002:
Schrift
allein lacht nicht
Frühreif, nicht altklug: Gedichte von
Christian Filips
Ein junge Autor, der es wagt, mit einem Gedichtband auf die Szene zu treten, muss schnoddrig, ein wenig leichtfertig und vor allem jugendlich wirken - jedenfalls so, wie sich der heutige Altachtundsechziger eine Jugendlichkeit vorstellt, die er sich vielleicht selbst einmal gewünscht hat -, oder aber, dieser junge Autor hat drei furchtbare Gegner: den, den ein junger Autor immer hat, nämlich sich selbst; seinen ersten Leser, also den Rezensenten, der, unerachtet Rimbauds, immer genau weiß, was ein 20jähriger bereits wissen und erfassen kann; und den Buchmarkt, der nichts so wenig verzeiht, wie wenn jemand Ansprüche auf Dauer erhebt. Schließlich muss Platz werden für das nächste und wiedernächste ewigkeitssaisonale Meisterwerk.
Den 1981 in Worms geborenen Christian Filips scheint eine solche Ausgangslage allerdings kaum zu bekümmern, auch wenn er noch das vierte und schlimmste aller derzeitigen Hindernisse gewärtigen muss: dass er kein Fräulein ist und auch nicht vorhat, diesen Missstand etwa chirurgisch beheben zu lassen. Im Gegenteil. Mit geradezu patriarchaler, ein wenig altkluger Geste nennt er seine Gedichte "Perseus heute, versteinert" oder "Terzinen über die Vergeßlichkeit", bezieht sich nicht etwa auf Bob Dylan, sondern deutlichst auf Celan und Hofmannsthal, hat überdies die großen Konkreten studiert - und scheitert nicht.
"Altklug" kann nämlich immer auch "frühreif" bedeuten, und von solcher frühen Reife legen Filips' Gedichte Zeugnis ab. Nicht, dass immer alles gelungen wäre, nein, aber Zeilen wie "Die Zeit ist lang. Du brauchst sie nicht zu hetzen" lassen einen plötzlich innehalten und werden genau dadurch konkret. Sie realisieren sich im Vorgang des Lesens. Da ist schon Kunst, wo der Leser selbst zum Subjekt seiner Lektüre gemacht wird. Und so ist er denn auch für den Zauber etwa der folgenden Heine-Paraphrase bereit: "Den Verschluß an die Wand / schleudern, aufprallen lassen, zurück- / kommend fangen, an der Flasche / nippen und immerzu / mit dem Zeigefinger / an die Stirn tippen, / da die Flammenschrift / auch heute nicht / antwortet." Ganz zu schweigen von der eleganten Frechheit, mit Mallarmé knobeln zu wollen: "zerfallen entschlüsse wie augenblicke, / die sich in falten legen, und wieder // sieh, zähl und fall".
Nun fragt man sich natürlich, wer soll das lesen? Der eben auch durch die Gedichte wehende Weihrauch kunstpriesterlicher . . . nein, eben nicht Gewissheit, sondern Glaubenssuche ist ja tatsächlich unzeitgemäß. Die einen, die Jungen, werden damit kaum mehr etwas anfangen wollen, da Filips' mitunter bohrendes Innehalten ("nein, schrift allein lacht nicht. nur so / läßt sich prüfen, ob / papier noch wort hält, euphemistisch") die vollkommene Gegenbewegung zu MTV bedeutet - der Feind jedes Musikclips ist das mit Bildung belastete Standbild -; den anderen, den Alten, wird ihre alte Erfahrung von einem Vorgealterten relativiert ("Drinnen breitet sich milchiges Zwitschern / im eingelassenen Spiegel aus"), und das Mittelmaß dazwischen hat kaum mit einem Unmaß etwas im Sinn, das sich zu den Größten stellen will, weil sich zu schreiben nur dann wirklich lohnt.
Für kompromissbereite Realgermanisten ist sowas beschämend. Sicher, immer ist auch das Schreiben selbst, ist die Ichfindung eines werdenden Autors der lyrische Gegenstand dieses Buchs ("sprache sprich luft zu mir und geh. aber sprich"). Gewiss, es gibt auch viel abstrakten Kitsch ("Sehr ich, sehr du / versprochen - gebrochen - wir - gesprochen. / Ein Mehr, ein sprechendes Mehr"). Es gibt einiges Ungelenke ( "... dem Kältetod in einer Bahnhofshalle / bleicht er entgegen. Schamrot letztmals"). Aber die Gedichte atmen. Sie sind mutig, mitunter großzügig und immer ausgesprochen formbewusst. Und manchmal, ja, manchmal, dann steht da so etwas: "...Vielleicht / hauchte er gegen die Scheiben / im Erdgeschoß. Innen / hängt die Hitze der beiden / noch am Kalender."
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Leseprobe I Buchbestellung 0402 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau