Schlaf und
Strecke.
Roman von Günter
Herburger (2004, A1).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 4.2.2005:
Es gibt solche Gelegenheiten: Man erwartet nicht
viel und bringt nicht mehr auf als höfliches Interesse, und dann geschieht
etwas ganz Seltsames - man macht eine Entdeckung. So war es an diesem Abend in
der Frankfurter Romanfabrik, als der Schriftsteller Günter Herburger, Jahrgang
1932, aus seinem Buch Schlaf und Strecke vor eher spärlichem Publikum
vorlas.
Günter Herburger läuft. Seit mehr als 25 Jahren. Langstrecke, aber richtig.
Bis heute. Und er beobachtet dabei, sowohl seine Umwelt als auch sich selbst.
Das Ergebnis sind verblüffend gute Texte von Intelligenz und Intensität.
Durban, Südafrika, eine unbequeme Billig-Anreise über Amsterdam, ein verschlagähnliches
Hotelzimmer, ein Bad im Meer, bei dem Panik aufkommt. Keine guten
Voraussetzungen. Und dann, am nächsten Tag, das größte sportliche Ereignis Südafrikas,
87 Kilometer, 13 000 Läufer, mehr als eine Million Zuschauer.
Während Herburger die äußeren Eindrücke von der Strecke szenisch, beinahe
pointillistisch zusammenfügt, kurze Gespräche mit Menschen am Wegrand, die plötzliche
Lust auf Perlhuhn in Holundertunke, werden die internen Vorgänge geradezu
medizinisch-exakt protokolliert: "Milchsäure lagerte sich in Fibrillen und
Kapseln." Panik, nicht durchhalten zu können, durchbricht die Reflexion,
dann geht es irgendwie weiter. Am nächsten Tag liest Herburger, dass er der
drittälteste Teilnehmer war. Am Strand liegt ein Toter, ein Schwarzer mit
eingeschlagenem Schädel, und hinter den Felsen noch einer, ein Weißer mit
einem Maurerspachtel im Bauch. Alltag offenbar.
Auf dem Rückflug, mit 40 Grad Fieber in Decken gehüllt, beschwört Herburger
die Zulu-Geister. In Mauretanien ist er 325 Kilometer gelaufen, mit Schlafpausen
zwischendurch; die Peilgeräte versagten, dann hieß es "Laufen nach
Sternen". Das Laufen, das Gehen, sagt Günter Herburger, sei die Bestimmung
des Menschen. Drei Männer könnten ein Reh zu Tode hetzen. Das dauert etwa acht
Stunden. Zwischen Lauf und Text vergehen bei Herburger mindestens sechs Monate.
So lange braucht es, um die Unmittelbarkeit des Erlebens in Literatur zu
verwandeln.
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