Schipino.
Roman von Svenja Leiber (2010,
Schöffling&Co.).
Besprechung von Rainer
Moritz in Neue
Zürcher Zeitung vom 27.11.2010:
2005 legte die damals dreissigjährige Svenja Leiber die Erzählungen «Büchsenlicht» vor, die tief in die nord- und ostdeutsche Provinz eintauchten. Ohne jede modische Attitüde porträtierte sie Menschen, die an der Ödnis ihres Daseins leiden und insgeheim auf ein noch so vages und fernes Glück hoffen. Svenja Leibers nun vorliegender erster Roman, «Schipino», greift diesen Faden insofern auf, als er mit dem knapp vierzigjährigen Jan Riba einen Helden präsentiert, der sich von seinem als leer empfundenen westlichen Wohlstandsleben verabschiedet, die Bürotüre hinter sich zuwirft und der Einladung seines Freundes Viktor nach Russland folgt. So realistisch dieser Erzählauftakt klingt, so wenig hält sich Svenja Leiber an diese Vorgabe. Je weiter Jan in Richtung Osten aufbricht – einige Zeit verbringt er in Viktors Moskauer Wohnung –, desto unwirklichere Farben nimmt die Landschaft an, in der Jan ein gutes Jahr verbringen soll.
Schipino heisst der Ort, zu dem ihn Viktor führt, ein gottverlassener Ort, «weit im Abseits», wo nichts mehr an die Zeit erinnert, als sich dort Sommerfrischler tummelten: «Vier Datschen, mit Pappe gedeckt, morgens und abends bis ans Dach im Nebel.» Jan Riba versucht sich in dieser Einöde zurechtzufinden und zu verstehen, was das merkwürdige Arsenal von Figuren an diesen Flecken bindet. Mit Pawel, Darja, Tolik, Olga und Wassili sitzt man im «Kochhaus» beisammen; man isst und trinkt, man angelt und schwimmt im Schwarzen See, davon träumend, dass Schipino irgendwann wieder zu alter Blüte gelangen wird. – Zum Zentrum des Romans werden zwei Frauengestalten, deren Geschichte Svenja Leiber mit manchmal etwas dick aufgetragenen magischen Elementen versieht. Da ist Lilja, die gerne nach Moskau zurückkehren möchte, sich von den anderen abschottet und am Ende schwer erkrankt. Und da ist ein nachgerade mythisches Wesen namens Mascha, das die Erinnerungen und Träume der Bewohner Schipinos heimsucht. Bruchstücke ihrer Biografie treten allmählich zutage, ohne dass dem nachfragenden Jan Riba klar würde, was es mit Mascha auf sich haben könnte. Zuletzt scheint es, in den Worten des Klavierspielers Tolik, so, als fungiere Mascha vor allem als Projektionsfigur, als undurchsichtige Heilsbringerin: «Mascha? Mascha – ja, das ist eine gute Frage. Aber fragt mich lieber, wer sie war. Ich glaube nämlich, es gibt sie gar nicht mehr. Oder es gab sie nie. Oder . . . eigentlich warten wir doch alle immer auf irgendeine Mascha. Und jede Geschichte, egal, ob wahr oder nicht, erhellt die Wahrheit, hat mal einer gesagt.»
In diesen Sätzen verbirgt sich viel von Svenja Leibers Poetik. «Schipino» ist ein couragiert und intensiv erzählter Roman, dessen Stärke seine unverbrauchte Sprache ist. Mitunter übertreibt die Autorin ihr Vexierspiel vielleicht und berauscht sich zu sehr an der Magie ihrer russischen Bilder. Dem erfreulichen Gesamteindruck dieses eigenständigen Débuts tut das keinen Abbruch.
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