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Schillers
Schreibtisch in Buchenwald.
Bericht von Dieter
Kühn (2005, S. Fischer).
Besprechung von Paul Michael Lützeler in DIE
ZEIT, 11.5.2005:
Klassik, KZ und Schillers Schreibtisch
Dieter Kühns geglückter Bericht über die Symbiose von Weimar und Buchenwald
Über Weimar und Buchenwald recherchieren durchweg Historiker ganz unterschiedlicher Forschungsgebiete: der deutschen Klassik sowie des Holocaust. Beide Orte bilden aber, wie Dieter Kühn zeigt, eine fatale Einheit: In ihr treffen sich zwei völlig gegensätzliche historische Perspektivlinien. Im Bericht genannten neuen Buch führt er die symbiotische Verflechtung von Humanitätsstadt und locus horribilis vor Augen.
Vor sechs Jahren war der Autor zu einer Veranstaltung anlässlich des 250. Geburtstags Goethes nach Weimar eingeladen worden. Zufällig erfuhr er bei der Gelegenheit von Möbeln aus dem Schillerhaus, die zwischen 1942 und 1943 im Konzentrationslager Buchenwald kopiert worden waren. Das bekannteste Stück darunter: Schillers Schreibtisch. Klassik und KZ. Beim Sichern der Spuren des – von Kühn symbolisch verstandenen – Möbelstücks entfaltete sich dem Autor der bedrückend enge Konnex zwischen Kulturmetropole und Todeslager. Die Struktur und die Sprache in Schillers Schreibtisch in Buchenwald sind die eines dichterischen Textes, aber die Recherchen verdanken sich dem Wahrheitsverständnis des Historikers. Biografische Passagen über Schiller alternieren mit Episoden aus der Rezeptionsgeschichte des Klassikers im »Dritten Reich« und mit Berichten über das KZ.
Der Grund, warum man eine Kopie des Schreibtischs aus dem Schillerhaus in Auftrag gab, war der Luftkrieg, über den der Autor einen Exkurs einfügt. Die Stadtoberen befürchteten, dass bei einem britischen Angriff die Museen getroffen werden könnten. Zumindest das Inventar wollten sie retten, indem sie es »bombensicher« unterbrachten.
Schiller wurde irrtümlich als NS-Prophet vereinnahmt
Schließen mochte die Stadtverwaltung die Klassiker-Wallfahrtsstätten nicht, und so verfiel man auf den Gedanken der Möbelimitationen. Die Stadt kooperierte auf vielen Ebenen mit dem Konzentrationslager, das sogar Teil der Gemeinde Weimar wurde. Die Nachahmung der Klassikermöbel gab man beim KZ in Auftrag, wo sie von Häftlingen ausgeführt wurde.
Weimars »Eroberung« durch die Nationalsozialisten reichte bis in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Bereits 1926 hatten sie hier einen »Reichsparteitag« veranstaltet, und die NS-Prominenz gab sich seitdem im Elephanten die Klinke in die Hand. 1932 – wenige Monate vor der Machtübernahme – setzte das Weimarer Nationaltheater Hitler zu Ehren eine Aufführung des Napoleon-Stücks Hundert Tage von Mussolini auf den Spielplan. Der italienische Diktator hatte auch literarischen Ehrgeiz. Sein Bühnen-Napoleon tönte von Blutbädern, die anzurichten notwendig seien, wolle man – ein Gebot der Geschichte – Europa unterwerfen.
Hier der junge Schiller auf der Flucht vor dem Despoten Carl Eugen, der ihm – unter Androhung von Festungshaft – ein Berufsverbot als Schriftsteller auferlegt hatte; dort eine politische Vereinnahmung des Autors als NS-Prophet. »Das Barbarische ist das Nichtanerkennen des Vortrefflichen« (Goethe). So musste die Verfälschung des Klassikers sich bald selbst widerlegen. Die Räuber-, Tell- und Don Carlos-Begeisterung ließ in Regierungskreisen rasch nach. Hitler ordnete Mitte 1941 an, keine Tell-Aufführungen mehr zu genehmigen. Danach folgte eine Direktive über die Streichung des Freiheitsdramas von den schulischen Lehrplänen. Nicht ohne Grund nahm im Verlauf seiner Herrschaft Hitlers Furcht vor – so drückte er sich aus – »Heckenschützen« wie Wilhelm Tell zu. Mit Recht beriefen sich die Geschwister Scholl in ihren Flugblättern auf Schiller.
Das KZ-Möbel diente in der DDR als Theaterrequisite
Der Dichter wurde nach 1940 in NS-Kreisen zwar noch rhetorisch als »heroisch« und »nordisch« gerühmt, aber bei Don Carlos-Aufführungen durften die Zeilen »Geben Sie Gedankenfreiheit! …« nicht mehr rezitiert werden. Nur Maria Stuart behauptete sich auf der Bühne als schottische Verbündete im Kampf gegen das »falsche Albion«. Aus Goebbels’ Tagebuch wissen wir, dass er mit Hitler im Juni 1944 auf dem Berghof über Goethe und Schiller parlierte und dass der promovierte Germanist es offenbar nicht ganz leicht hatte, den »Revolutionär« Schiller gegen den »Fürstenknecht« Goethe auszuspielen. Als man bei Kriegsende die sterblichen Überreste der beiden Dichter in Sicherheit bringen wollte, hatte eine SS-Einheit sich entschlossen, die Sarkophage in die Luft zu sprengen. Dass es nicht geschah, ist nur der Zivilcourage und List eines jungen Luftschutzarztes zu verdanken.
Dieter Kühn bemerkt bei den Abschnitten über das KZ Buchenwald, dass ihn während der Lektüre der Dokumente die Angst beschlich, im Schlamm zu versinken. Da hatten Herder und Schiller von Weimar aus Botschaften »zur Beförderung der Humantität« und zur »ästhetischen Erziehung des Menschen« auf den Weg gebracht, und nun wurde der Klassiker-Parnass zum Ort der inhumansten Verbrechen.
Kühn beruft sich auf Zeugenberichte, wenn er vermitteln will, was in Buchenwald geschah: »Eine Apokalypse, wie sie kein Hirn auszudenken und keine Feder zu beschreiben vermag.« Unter anderem zitiert er aus Ernst Wiecherts Totenwald. Wiechert hatte während der Hitlerzeit die deutsche Jugend wiederholt beschworen, sich von den Machthabern »nicht verführen« zu lassen. Das brachte ihm die KZ-Haft ein. Nach der Entlassung wurde er ins Propagandaministerium beordert. Goebbels hielt darüber in seinem Tagebuch im brutalen Ton der lingua tertii imperii fest: »Ich lasse mir den Schriftsteller Wiechert aus dem K.Z. vorführen. … Ich bin in bester Form und steche ihn geistig ab. … Hinter einem neuen Vergehen steht nur die physische Vernichtung.«
Der Schreibtisch Schillers wurde in den KZ-Werkstätten nachgebaut von einem handwerklich begabten Häftling, der es diesem Talent verdankte, die Lagerzeit zu überleben. Nach Kriegsende wurden die Originalmöbel wieder ins Schillerhaus verbracht; die Kopie des Schreibtisches auf den Boden des Rathauses. Die Imitation soll bei Klassikeraufführungen im Weimar der fünfziger Jahre benutzt worden sein – eine symbolische Anekdote im Hinblick auf die Schiller-Rezeption zu DDR-Zeiten. Hier bastelte man ebenfalls an einem brauchbaren Doppelgänger, an einem Klassenkämpfer Schiller, von dem Johannes R. Becher als Kulturminister wusste: »Denn er ist unser.«
Kühn ideologisiert und vereinnahmt nicht, er zeichnet vielmehr die widersinnigsten kulturellen Konstellationen nach und benennt die beschämendsten historischen Verkreuzungen in der deutschen Geschichte. Man spürt beim Lesen dieses ausgezeichneten Buches, wie stark Schillers Ethos Kühn inspiriert hat und wie sehr er die Begabung des Dramatikers bewundert.
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2.)
Schillers
Schreibtisch in Buchenwald.
Bericht von Dieter
Kühn (2005, S. Fischer).
Besprechung von Peter Mohr aus dem titel-magazin,
2005:
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