Gedichte von Friedrich Schiller, 2005, Taschen Verlag

Schillers Poeme. Jubiläumsausgabe mit Fotografien.
Kommentierter Nachdruck der Erstausgabe von 1859-62, Gedichte von Friedrich Schiller (2005, Taschen Verlag).
Besprechung von
Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau, 26.1.2005:

Schillers Poeme, frühe Sternstunde der Fotografie

"Von den Werken großer Dichter kann gesagt werden, dass sie ihr geistiges Prachtgewand mit sich führen, und keines äußeren Glanzes bedürfen. Aber die Nation darf erwarten, dass mehr geschehe, als was eben genügt." Es ist schon ein rechter rhetorischer Eiertanz, den der Verleger Georg von Cotta anno 1859 anstellte, um das Publikum von der Notwendigkeit des Überflüssigen zu überzeugen. Schillers hundertster Geburtstag stand an, der Markt verlangte nach einer Prachtausgabe - und den selbstgenügsamen Versen drohte die aufwändige Illustration mit neuester Technik. "Schon seit mehreren Jahren haben wir Einleitung getroffen, für eine Prachtausgabe seiner Gedichte, geschmückt mit Compositionen ausgezeichneter deutscher Künstler, welche durch die Photographie vervielfältigt werden sollen, so dass die neue Erfindung das Ihrige zur Verherrlichung des Dichters beitrage."

Und wieder feiert man ein Schillerjubiläum, der Markt verlangt nach Prachtausgaben. Und auch wenn kein Verleger mehr derart wortgewandt das schmückende Beiwerk zur Hauptsache zu erklären wüsste - nicht einmal der um keinen Superlativ verlegene Kölner Benedikt Taschen, hat sich die Situation so grundsätzlich gar nicht geändert. Bildbände sind wenigstens in Deutschland noch immer das Stiefkind des Literaturbetriebs, aufwändige Fotobücher lassen sich nur international vermarkten. Der Reprint der Prachtausgabe Schillers Gedichte, der - anders als seine erst 1862 erschiene Vorlage - das Jubiläum sogar einhält, dürfte nicht leicht zu vermarkten sein. Dabei handelt es immerhin um eines der allerersten Fotobücher der Geschichte, auch wenn ihm Talbots grundlegendes Pionierwerk, The Pencil of Nature, immerhin rund fünfzehn Jahre voraus war.

Die Fotografie war hier allerdings eine reine Reproduktionstechnik für die eigens in Auftrag gegebenen Zeichnungen und Ölgemälde, die bei verschiedenen Künstlern in Auftrag geben wurden - darunter sogar frühe Werke von Hans Makart und Arnold Böcklin. Für den Verleger erschien die mögliche Zeitersparnis verlockend - immerhin sparte man die zeitraubende Übertragung in das Medium des Kupfer- oder Holzstichs. Doch obwohl die Künstler artig ihre Ölgrisaillen in Hochglanz und feinstem fotografischem Schwarzweiß anfertigten, erwies sich die neue Technik als ungemein kompliziert. Unsere Abbildung, Arthur von Rambergs Illustration der berühmten Ballade vom Handschuh, basiert auf einer Bleistiftzeichnung, die allerdings ebenfalls durch das Bemühen um eine malerische Tonabstufung auffällt, wie sie die Fotografie damals aus eigenen Stücken kaum bewerkstelligt hätte. Schließlich erwies sich das manuelle Einpassen in die Holzschnitt-Vignetten als noch aufwändiger als der Druckvorgang selbst. Medienhistorisch ist dieser frühe Wettstreit zwischen der Malerei und Fotografie umso spannender als er der gegenläufigen Entwicklung gegen Ende des 19. Jahrhunderts vorgreift, als sich die Fotografie im Piktoralismus der Malereitradition stellte. Und sieht man Schillers Gedicht im Folioformat daneben, dann kann man sich doch fragen, ob sich der bereits zu Lebzeiten um eine Prachtausgabe bemühte Meister im Bewusstsein dieses Aufwands nicht doch noch um einen besseren Reim bemüht hätte als diesen: "Da fällt von des Altans Rand / Ein Handschuh von schöner Hand / Zwischen den Tiger und den Leun / Mitten hinein".

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