Schiller, Lotte und Line, eine klassische Dreiecksgeschichte.
Buch über Friedrich Schiller (2005, Insel TB, hrsg. von Ursula Naumann).
Besprechung von Walter Gallasch aus den Nürnberger Nachrichten vom 10.02.2005:

Dokumente einer klassischen Dreiecksbeziehung
Friedrich Schiller und die Frauen: Zwei neue Publikationen über den Dichter und die Schwestern Lengefeld

Die erste Biografie über Friedrich Schiller (1759—1805) verfasste seine Schwägerin Caroline von Wolzogen, geborene von Lengefeld. Das Buch erschien 1830 und trägt den distanzierenden Titel „Schillers Leben, verfasst aus Erinnerungen der Familie, seinen eigenen Briefen und den Nachrichten seines Freundes Körner“. Wer könnte da auf die Idee kommen, dass zwischen Dichter und Autorin ein Liebesverhältnis bestanden hatte? Ein zweites sozusagen literarisches Geheimnis; das erste ist die alte Frage, ob Goethe und die Frau von Stein mehr als miteinander schäkerten. Das zweite: gab es eine in jeder Hinsicht erfüllte Dreiecksbeziehung zwischen Schiller, seiner Frau Charlotte von Lengefeld und ihrer Schwester Caroline? Niemand kann das Ja oder das Nein beweisen.

Zu diesem Komplex, dieser verzwickten Liebesgeschichte, sind zwei Bücher erschienen: „Schiller, Lotte und Line“ von der Erlanger Publizistin Ursula Naumann und „Schiller und die zwei Schwestern“ des Klassikkenners Jörg Aufenanger. Beide Autoren haben sich jeder Spekulation enthalten. Thema ist die Dokumentation der wachsenden wechselseitigen Zuneigung zwischen den drei Personen, der Schwierigkeiten und ihrer Auswirkungen.

Die Einsamkeit des Junggesellen

Wäre es allein nach Schiller gegangen, hätte einem in jeder Hinsicht ausgelebten Dreierverhältnis nichts im Wege gestanden. Nach seinen Besuchen in Rudolstadt, wo die Schwestern mit ihrer Mutter lebten, galt sein Interesse der seelenvolleren Charlotte, denn Caroline war mit dem Hofrat Beulwitz verheiratet, aber schon bald entdeckte er deren Vorzüge: charmant, offenherziger, sinnlicher, geistreich.

Die Einsamkeit seines Junggesellendaseins hatte er satt, warum nicht mit beiden Mädchen leben, wenn die Entscheidung so schwer fiel? Er träumte bald von „gemeinschaftlichem“ Glück. Ursula Naumann formuliert das präzise: „Nach seiner Verlobung mit Charlotte schreibt Schiller ihr Liebesbriefe, die auch an Caroline gerichtet sind, er schreibt Caroline Liebesbriefe, die Charlotte einschließen, er schreibt Liebesbriefe, die an beide gerichtet sind. Und beide schreiben Liebesbriefe an ihn.“

Jörg Aufenanger beschränkt sich nicht auf das Zentralthema; er schildert das Leben der Schwestern, bevor Schiller in ihr Leben trat, zeigt auch die schon verzweifelt zu nennende Suche das Dichters nach einer Frau, die ihm den Haushalt führen und ihn versorgen kann: „Eine Frau,. . . die sich an ihn bindet und nur für ihn da ist. Eine Frau als Lebensversicherung“. Darüber hinaus zeichnet er viele Einzelheiten aus dem Weimarer Gesellschaftsleben bis 1805 und Schillers Begegnung 1788 mit Goethe in Rudolstadt im Hause der Lengefelds.

1790 heiratet Schiller Charlotte. Insgesamt 17 Jahre hat Caroline in der Nähe des Paares gelebt. Mächtige Spannungen muss es gegeben haben, Leid Tragende war die Ehefrau. Schiller sorgte sich wohl weniger, seine Krankheiten und seine Arbeit waren Last genug. Wie hart er sein konnte, beweist sein Verhalten gegenüber seiner langjährigen Freundin Charlotte von Kalb, die er rigoros abservierte.

Auch die größten Leidenschaften vergehen. Wie im Nachspann eines Films hier das fernere Schicksal der Beteiligten: Friedrich Schiller starb als erster; seine Frau Charlotte hatte vier Kinder geboren und überlebte ihn um 21 Jahre. Caroline hatte sich scheiden lassen und heiratete schon 1794 Wilhelm von Wolzogen, der Karriere machte.

Im Zwielicht des Morgens

Charlotte und Caroline „stehen noch am Gartentor“, als Schiller „im Zwielicht des Morgens“ verschwindet, heißt es bei Jörg Aufenanger, und er fügt hinzu: „So oder ähnlich könnte es gewesen sein.“

Solche Malereien sind Ursula Naumanns Sache nicht, ihre vorsichtigen Vermutungen stehen auf tragfähigem Grund, ihre Schlüsse ergeben sich aus den Fakten. Ein kleines Manko: zu selten Jahreszahlen, zu viele Charlotten ohne Familiennamen. Sehr erfrischend ist die elegante Ironie, die manchmal durch die Zeilen blinzelt.

Fazit: Fundgruben für jene Seite in Schillers Charakter, die weniger bekannt ist.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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