Schiller-Die Erfindung... von Rüdiger Safranski, 2004,HanserFriedrich Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus.
Biografie von Rüdiger Safranski (2004, Hanser).
Besprechung von Manfred Koch in Neue Züricher Zeitung vom 25.09.2004:

Das Abenteuer der Freiheit
Rüdiger Safranski entwirft mit seiner Schiller-Biografie eine Geschichte des deutschen Idealismus

Im kommenden Frühjahr jährt sich Friedrich Schillers Tod zum zweihundertsten Mal. Zum anstehenden Schiller-Gedenkjahr hat Rüdiger Safranski eine bemerkenswerte Biografie verfasst, die in den Lebensthemen des Dichters die Ideengeschichte einer der produktivsten Epochen des deutschen Denkens nachzeichnet.

Um ein Haar hätte die deutsche Klassik in Amerika stattgefunden. Goethe bekennt in «Dichtung und Wahrheit», als Mittzwanziger in der Zeit seiner Liaison mit Lili Schönemann die gemeinsame Auswanderung nach Übersee erwogen zu haben. Schiller spielt 1783 nach seiner Flucht aus Stuttgart in Briefen die verschiedensten Lebensorte für seine Zukunft durch: Berlin, England, Russland, am besten aber so weit weg wie möglich. «Wenn Nordamerika frei wird, so ist es ausgemacht, dass ich hingehe. In meinen Adern siedet etwas - ich möchte gern in dieser holperichten Welt einige Sprünge machen, von denen man erzählen soll.»

Wie ernst gemeint das war, lässt sich heute kaum mehr entscheiden. Der amerikanische Traum gehörte zum rebellischen Habitus der Sturm-und-Drang-Generation; Schiller, dem Deserteur aus württembergischen Armeediensten, ging es vielleicht auch nur um die Verschleierung seiner wirklichen Aufenthaltsorte. Als Beleg für Schillers «Lust am Maskenspiel» führt Rüdiger Safranski diesen Brief im Anfangsteil seiner Schiller-Biografie denn auch an. Am Ende aber begreift der Leser, dass die Ausbruchs- und Aufbruchsphantasien in Schiller lebenslang rege blieben. Der Autor, der persönlich das Gebiet des deutschen Reichs niemals verlassen hat (und insofern gleich nach Kant das immobilste Genie der Blütezeit um 1800 war), entwirft in den letzten Jahren vor seinem Tod mehrere «Seestücke»: Dramenskizzen, die von Welthandel und Seeräuberei, Entdeckungsfahrten und europäischem Kolonialismus, «wilden Menschen» und «wilden Thieren» handeln.

SELBSTBESTIMMUNG

Das Abenteuer, die existenzielle Grenzsituation in «Schiffsverschwörungen» und in den Begegnungen mit menschenfressenden «Karaiben» werden darin genauso thematisiert wie die zunehmende internationale Verflechtung durch wirtschaftliche und politische Zwänge. «Krieg in Europa macht Krieg in Indien, hier weiss man noch nichts», heisst es lapidar in einem der Fragmente. Und Safranski weist bei dieser Gelegenheit darauf hin, wie konsequent Schiller in seinen Dramen den Schauplatz Europa durchmessen hat: Italien im «Fiesco», Spanien und die Niederlande im «Don Carlos», Mitteleuropa im «Wallenstein», Britannien in «Maria Stuart», Frankreich in der «Jungfrau von Orleans», die Schweiz im «Tell», Russland im «Demetrius». Wären die Seestücke ausgeführt worden, hätte Schiller wenigstens auf der Bühne einen beachtlichen Teil des Planeten bereist. «Schillers Werk», so Safranski, «gleicht einer furiosen Erdumrundung. Es war offenbar der Ehrgeiz des Dichters, zu einem Autor der Globalität zu werden.»

Wie ist die Freiheit des Menschen, «aufzubrechen, wohin er will», genau zu verstehen? Ein Gedicht Hölderlins (der lange Zeit höchst unglücklich um Schillers Zuneigung gekämpft hat) stellt im Jahr 1800 diese Frage. Schiller gilt seit je als der philosophische Dichter der Freiheit in der Epoche von Klassik und Romantik.

Mit einer solchen Etikettierung ist freilich noch nicht viel gesagt. Selbst die wenigen Seiten der «Seestücke»-Notizen zeigen die Spannweite eines Freiheitsbegriffs, der sich bequemen Festlegungen entzieht. Auf der einen Seite handeln Schillers Texte in der Tat mit gewaltigem Enthusiasmus vom Abenteuer der individuellen Selbstbestimmung, der erhebenden Erfahrung des Sich-losreissen-Könnens aus allen beengenden, drückenden Verhältnissen. Auf der anderen Seite bewahrt sich Schiller, der ja auch Historiker war, immer den präzisen Blick für die Pathologien der Freiheit in gesellschaftlichen Machtkämpfen. Safranski nennt ihn gleich zu Beginn einen «Sartre des späten 18.  Jahrhunderts», eine Parallele, die vor nahezu fünfzig Jahren in der Hochphase des Existenzialismus schon einmal gezogen wurde. Sie hat, auch wenn Sartre heute gänzlich ausser Mode ist, nichts an Plausibilität verloren.

Der deutsche Sturm und Drang war ein früher Existenzialismus, und Schiller war unter seinen Hauptvertretern derjenige, der gegen Ende des Jahrhunderts die existenzialistischen Gehalte am überzeugendsten mit der nun alles beherrschenden kantischen Philosophie verknüpft hat. Kants Freiheitsbegriff zielt auf den Sieg des pflichtbewussten Willens über die natürlichen Antriebe, die unreflektierten Impulse und handlungsleitenden Affekte. Bei Schiller geht es sehr viel stärker um die emphatische Erfahrung der Wahl, die den Individuen immer, auch in scheinbar ausweglosen Zwangslagen, offen steht. Darin gründet das existenzielle Pathos des Todesbewusstseins in seinem Werk. Der Vorgriff auf den Tod, in dem die «Angst des Irdischen» definitiv von uns abfällt, intensiviert den freien Lebensvollzug. So lässt sich eine späte Äusserung Schillers verstehen, die Safranski zitiert: «Die ganze Weisheit des Menschen sollte eigentlich darin bestehen, jeden Augenblick mit voller Kraft zu ergreifen, ihn so zu benutzen, als wäre es der einzige, letzte.»

HEIMATLOSE FREIHEIT

Dass hinter solchen Sätzen nicht der Mythos einer absolut souveränen, sondern eher die Tragik einer letztlich heimatlosen Freiheit steht, zeigen Schillers Dramen. Weder wird das freie Handeln in seinen inneren Voraussetzungen und Zielvorstellungen jemals völlig transparent, noch kann es hoffen, sich zum planvollen Herrscher über die äusseren Umstände aufzuschwingen. Der Mensch ist wohl, was er aus sich macht, aber die Welt lässt nicht unbedingt mit sich machen, worauf er aus ist. In knappen Werkinterpretationen entfaltet Safranski Schillers Dialektik der Freiheit. Der Marquis Posa, Protagonist der politischen Freiheit, vergeht sich an der Freiheit seines Freundes Carlos, indem er ihn für die Durchsetzung seiner universalistischen Ideen instrumentalisiert. Wallenstein will die uneingeschränkte Entscheidungshoheit über sein gesamtes Umfeld erringen und verzichtet gerade deshalb auf jede konkrete Tat, die ihn der Fülle seiner Handlungsoptionen berauben würde. Vom Möglichkeitsschwindel ergriffen, lähmt sich der Machtmensch, ein Feldherr im Lager, selbst. Im geschichtlichen Handeln verstrickt die Freiheit sich in Selbsttäuschungen, Schuld und Not, einzig in der Erfahrung des Schönen kommt die Objektwelt den Ansprüchen der Subjektivität zwanglos entgegen und eröffnet damit jenes freie Spiel der Gemütskräfte, in dem der Mensch sowohl die aufreibende Anspannung des Willens als auch das erniedrigende Gefühl der Abhängigkeit von seiner Bedürfnisnatur hinter sich lässt.

Wie zuletzt in seinen Büchern über Heidegger und Nietzsche beweist Safranski auch hier, dass Biografien zugleich philosophie- und kulturgeschichtliche Einführungen auf höchstem Niveau sein können. Schillers wenig spektakuläres Leben wird bündig nacherzählt, ohne jenen Gestus intimer Vertrautheit, der gerade Künstlerbiografien so häufig ins Peinliche abgleiten lässt. Safranski versagt seinem Helden, der bekanntlich seit 1791 sterbenskrank war und sein gesamtes klassisches Œuvre buchstäblich dem Tod abgerungen hat, niemals die Achtung, verzichtet aber - bei einem pathetischen Autor wie Schiller äusserst wohltuend - auf dramatische Stilisierungen. Schiller war, so heisst es mit einer von vielen gelungenen Metaphern, ein «Athlet des Willens, im Leben und im Werk». Im Zweifelsfall lässt Safranski die psychologische Ausleuchtung des Lebenswillens auf sich beruhen und hält sich an den Willen im Werk.

KULTURGESCHICHTLICHE LINIEN

Eine anspruchsvolle Schiller-Biografie kommt nicht umhin, die Ideengeschichte der produktivsten Epoche des deutschen Denkens nachzuzeichnen. Was Safranski in diesem Kontext leistet, ist erstaunlich. Selten wird man Fichtes Ich-Philosophie und ihre Umgestaltung durch die Romantiker auf etwa zehn Seiten so einleuchtend dargestellt finden wie in den Jena-Kapiteln dieses Buches. Ein anderes Beispiel: Statt erneut in erschöpfender Ausführlichkeit zu erzählen, was man um 1770 unter «Genie» verstand und wie in Künstlerkreisen allerorten Shakespeare gehuldigt wurde, schlägt Safranski sehr schnell den Bogen vom ästhetischen Genie zum Problem des politischen Charismas, das in Schillers Dramen durchgängig virulent ist.

So werden nicht nur Lebensthemen und ideelle Konstanten in Schillers Biografie herausgearbeitet, sondern auch übergreifende Linien der deutschen Kulturgeschichte. Der Geniegedanke mag aus dem Ausland (vor allem aus England) übernommen worden sein, in Deutschland wurde er zur Obsession. So sehr, dass das Künstlergenie Friedrich Schiller 1859 bei den Feiern zu seinem 100. Geburtstag als nationaler Führer verehrt wurde und Politiker wie Bismarck seinen Glanz auf sich zu ziehen versuchten. Diese Wirkungsgeschichte haben, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, breite Leserkreise Schiller nicht mehr verziehen. Zum Gedenkjahr 2005 bietet Safranskis Buch auch Schiller-Skeptikern die Chance zur Versöhnung.

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