1.) -
3.)
Schiffbruch
mit Tiger.
Erzählungen von Yann
Martel (2003,
S. Fischer).
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
23.02.2003:
Schiffbruch mit Tiger", der packend bis schnurrig erzählte Roman, mit dem der Kanadier Yann Martel (39) den britischen Booker-Prize 2002 gewann, ist ein Buch über die Lesbarkeit der Welt. Am Ende der abenteuerlichen Geschichte, die einen Zoodirektorssohn eine ganze Pazifiküberquerung lang mit einem Königstiger ins Rettungsboot sperrt, werden wir wissen, dass es mehrere Arten gibt, die Welt zu lesen - und dass wir uns die schönste aussuchen können, weil keine von ihnen zuverlässig ist. Eine Denkfigur, die Kant nachempfunden scheint, der in der "Kritik der reinen Vernunft" bewiesen hatte, dass es keinen Gott gibt, um ihn dann in der "Kritik der praktischen Vernunft" wieder einzuführen, weil es manchmal nicht schadet, einen zu haben. So kündigt auch der geschickt montierte Erzähl-Rahmen dieses Romans eine Geschichte an, die einem "den Glauben an Gott geben wird." Es ist der Gott des globalisierten, verzweifelten, unbehausten 21. Jahrhunderts, das auf einen Schiffbruch zusteuert. Es ist der Gott einer Patchwork-Religion, wie sie der Held dieser unglaublichen Geschichte aus Christentum, Islam und Hinduismus zusammenbastelt: Ein Identifikationsangebot an die Gutwilligen der ganzen Welt, ein metaphysischer Werbetrick - allerdings für ein exzellent erzähltes Stück Unterhaltungsliteratur. Der Held, der die religiöse Quadratur des Kreises hinbekommt, mag seinen Spitznamen Pi, weil er seinen Vornamen Piscine nicht so gern hört. Pi wandert 1977 mit seinen Eltern vom indischen Pondycherry nach Kanada aus, ihr Zoo hat keine Zukunft mehr. So ist das erste Viertel des Buchs dem Tierleben hinter Gittern gewidmet; es bietet viele, manchmal sogar wissenswerte Details über die Zoo-Haltung und lässt den Protagonisten so funkelnde Sätze sagen wie: "Das gefährlichste Tier im Zoo ist der Mensch."
Die Patchwort-Religion und das Alphatier
Aber dann säuft der Überseedampfer mit den zwei- und vierbeinigen Auswanderern ab, und Pi hat zunächst nicht nur die besagte 220-Kilo-Katze an Bord, sondern auch ein Zebra, einen Orang-Utan und eine Hyäne. Was nur eine Frage von Tagen und von Raubtierfutter ist. Pi, unter dem wir uns einen jungen Burschen vorstellen müssen, merkt schnell, dass er nur eine Chance hat, wenn er zum Alphatier wird, wenn er dem Tiger Angst einflößt. Allein daraus resultiert eine Spannung, die das Buch über weite (Ozean-)Strecken trägt - bis es am Ende mit einer skurrilen Wendung in die unendlichen Weiten der Philosophie treibt.Der Diplomatensohn Martel erzählt nicht so buntscheckig wirr wie der Multikultiprophet Salman Rushdie, sondern ruhiger, besser sortiert. Der Preis für die größere Geschmeidigkeit: Wer das Buch zuklappt, ist auch schon fertig damit. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0203 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung
***
2.)
Schiffbruch
mit Tiger.
Erzählungen von Yann
Martel (2003,
S. Fischer).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau vom
24.02.2003:
Warum neigt die Raubkatze beim Fressen den Kopf auf die Seite? Und warum haben
Katzen keine waagerechten Streifen? Solche und andere Fragen bekommt man auf
den Schautafeln im Katzendschungel des Frankfurter Zoos beantwortet. Außerdem
hängt dort ein Schild: "Katze und Mensch - geehrt, gefürchtet,
gejagt". Es wäre durchaus möglich, eine philosophische
Subjekt-Objekt-Diskussion auf der Grundlage dieses Satzes zu führen.
An einem kalten Abend saßen unter diesem Schild im Katzendschungel Yann
Martel und Ilja Richter. Der Kanadier Martel (mit ähnlicher Frisur wie
Richter in den Siebzigern) hat einen Roman geschrieben, Life of Pi,
ausgezeichnet mit dem Booker Prize 2002, heftig diskutiert auf Grund der
Plagiatsvorwürfe, die der brasilianische Schriftsteller Moacyr Scliar
daraufhin gegen Martel erhoben hat, und nun unter dem Titel Schiffbruch mit
Tiger in deutscher Übersetzung im S. Fischer Verlag erschienen.
Ilja Richter, so heißt es, habe das Buch von Beginn an gemocht. Darum hat er
nicht nur ein Hörbuch mit Martels Text aufgenommen, sondern begleitet den
Schriftsteller bedauerlicherweise auch auf dessen Lesereise, was dem Roman
keinesfalls gut tun dürfte.
Denn wo Martel seinen Passagen mit ruhiger Stimme eine gewisse Tiefendimension
und Intensität verleihen konnte, knüpfte Richters Vortrag nahtlos an Zeiten
an, in denen er in Filmen wie Tante Trude aus Buxtehude oder Wenn
mein Schätzchen auf die Pauke haut den dummen August geben musste. Onkel
Ilja erzählte im Katzendschungel ein Märchen, und das heißt, das Publikum
musste zugeschelmt und belausbübelt werden.
Die an sich durchaus komische Szene aus Schiffbruch mit Tiger, in der
sich die Vertreter dreier Religionen um die Verantwortung für das Seelenheil
des jugendlichen Heldens Pi Patel streiten, wurde so zur Farce; das
Spannungspotenzial der Grenzsituation, in der Pi sich befindet - gekentert und
gemeinsam mit einem 450 Pfund schweren bengalischen Tiger in einem
Rettungsboot auf offener See treibend - verpuffte.
So begräbt man einen an sich passablen Text. Raubkatzen legen im Übrigen den
Kopf beim Fressen darum schief, weil sie nur mit jeweils einer Zahnseite ein
Stück von ihrer Beute abreißen. Und Yann Martel und Moacyr Scliar
rezensieren mittlerweile wechselseitig ihre Bücher.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0203 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau
***
3.)
Schiffbruch
mit Tiger.
Erzählungen von Yann
Martel (2003,
S. Fischer).
Besprechung von Barbara Wegmann aus dem titel-magazin:
Atemraubende Reise in die Fantasie
„Jede Minute meiner Reise bin ich vernünftig
gewesen. Die Vernunft ist ein ausgezeichnetes Mittel, mit dem man Nahrung,
Kleidung, Unterkunft bekommt ... Mit nichts kann man sich so gut einen Tiger vom
Hals halten. Aber übertreiben Sie es mit der Vernunft, und Sie schütten das
ganze Universum mit dem Bade aus.“
Was ist das? Ein Märchen? Ein Abenteuer? Ein Traum? Oder von allem etwas? Ganz
sicher ist es ein ganz wundervoller Roman über die Liebe, das Leben, über
Tiere und Menschen und darüber, wie viel der eine vom anderen lernen kann.
„Ich habe eine Geschichte, die Ihnen den Glauben an Gott geben wird,“ sagt
zu Beginn des Romans ein alter Mann zu einem Schriftsteller in einem indischen
Café. Und so wird sie aufgerollt die Geschichte von Pi Patel.
Pi ist 16 Jahre alt, als sein Vater den Zoo in Pondicherry, Indien, schließt.
Die Menschen gehen nicht mehr in Zoos, die Familie beschließt, nach Kanada zu
gehen, um dort neu anzufangen. Alle Tiere werden verfrachtet, die Arche Patel
bricht auf. Das Schiff gerät in Seenot, sinkt und nur Pi kann sich retten,
zusammen mit einem seekranken Orang Utan-Weibchen, einer Tüpfelhyäne, einem
verletzten Zebra und einem Tiger, namens Richard Parker. Wie das weitergeht?
Nein, nicht ein Wort, denn jedes weitere Wort würde den Zauber von einer
Geschichte nehmen, die eine faszinierende Reise in die Fantasie ist. Man wird
entführt und verführt, lässt es geschehen und wird vor Begeisterung fast
selbst seekrank.
„Es gibt Tiger, es gibt Rettungsboote, es gibt Ozeane. Nur weil die drei in
ihrer begrenzten Erfahrung noch nie zusammengekommen sind, wollen Sie behaupten,
es sei unmöglich?“
Es ist ein begrenzter Schauplatz für das Geschehen, voller lebendiger Bilder,
mal dramatische, Fressen und Gefressen-Werden, mal liebevolle Beschreibungen und
tiefste Gefühle. Manchmal denkt man ganz spontan an Saint-Exupérys Buch Der
kleine Prinz. Die Religion und die Zoologie sind die beiden Stützpfeiler des
Romans, sie bestimmen das Denken des jungen Helden. Dabei schlagen Humor, Witz
und die manchmal geradezu atemberaubend exzentrische Sichtweise der Dinge eine
grandiose Brücke. Pi ist multikonfessionell, bekennender Christ, Muslim und
Hindu. Bei seinen Eltern führt diese Tatsache zu einer erkennbaren Gesichtsblässe.
„Meine Eltern waren mehr als überrascht, als ihnen drei fremde Gottesmänner,
alle drei mit schönstem Lächeln, in den Weg traten.“ Frei von etabliertem
Denken, ganz neue Gedanken haben und innerlich auf Reisen gehen, das macht großen
Spaß zu lesen! Ähnlich auch die tierischen Skizzen, die man sofort vor Augen
hat: die Hyäne, Pardon, die Tüpfelhyäne, die aussieht wie „... ein
verworfener Prototyp für die Giraffe ... und das struppige raue Fell wirkt wie
aus dem Kehricht der Schöpfung zusammengeklaubt.“
Und tatsächlich schafft es das Buch, dass man sich zum Schluss fragt, warum
soll eigentlich nicht alles so, genau so passiert sein? Da ist dann so ein Stückchen
Glaube, auch an das, was in diesen Tagen so rar geworden, aber so vonnöten ist:
Toleranz und Miteinander. Wir sitzen alle in einem Boot. Wie wahr! Tiere, so
sagt Autor Yann Martel, demonstrierten, dass unsere Intelligenz zum Leben nicht
nötig, vielleicht sogar kontraproduktiv sei; denn zerstörten Tiere ihren
Lebensraum, so wie es der Mensch tue? Viele Sätze, die haften bleiben, sich
einprägen, Philosophie für den Alltag, für Zwischendurch.
Martel, 1963 in Spanien geboren, Booker-Preisträger 2002, ist selbst ein
ruheloser Geist, immer unterwegs gewesen: Alaska, Costa Rica, Frankreich,
Mexiko, Kanada, Türkei und Indien, es gab viele Stationen für ihn, als
Wachmann hat er gearbeitet, als Tellerwäscher, Gärtner und Philosophie hat er
studiert. Über Tiere und Menschen hat er schon Vorlesungen gehalten. „Tiere
sind faszinierend“, sagt er, „sie sind für uns alles, von der Gottheit, wie
bei den Hindus, bis hin zum Brotaufstrich beim Abendbrot.“
„Ich habe ihn nie vergessen“, sagt Pi Patel am Ende des Buches über Richard
Parker, den bengalischen Tiger, „darf ich sagen, dass ich ihn vermisse? In
meinen Träumen erscheint er mir noch.“ Eine ungewöhnliche Beziehung und ein
ebenso ungewöhnliches Buch.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0503 LYRIKwelt © titel-magazin