Schiffbruch von Louis Begley, 2003, Suhrkamp1.) - 2.)

Schiffbruch.
Roman von Louis Begley (2003, Suhrkamp - Übertragung Christa Krüger).
Besprechung von Michael Braun in Rheinischer Merkur, 23.10.2003:

Louis Begleys „Schiffbruch“ ist ein grandioses Buch über die Luxusleiden unseres Wohllebens
Entmutigter Frauenheld
Ein Mann mittleren Alters, in der Sinnkrise, saturiert und lebenshungrig, sucht erst das Abenteuer und schließlich nur noch eins: den Notausgang!

Selten kommt es vor, dass ein Anwalt im Hauptberuf gleich mit seinem ersten Roman zu einem international erfolgreichen und bedeutenden Autor wird. Louis Begley ist dies mit „Wartime Lies“ (1991) gelungen. Der 1994 ins Deutsche übersetzte Roman („Lügen in Zeiten des Krieges“), der mit amerikanischen und europäischen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, zuletzt mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2000), erzählt die Überlebensgeschichte eines jüdischen Kindes im deutsch besetzten Polen und steht gleichrangig neben Imre Kertesz‘, György Konrads und Ruth Klügers Kindheitsbüchern über den Holocaust. Er ist ein Nachruf auf das Mal du Siècle und zugleich das Vermächtnis eines Zeitzeugen an die Nachgeborenen, denen die „Scham“, „mit heiler Haut davongekommen zu sein“, erspart geblieben ist.

Louis Begley, der 1933 in einer ostgalizischen Provinzstadt als Kind jüdischer Eltern geboren wurde, musste mit seiner Mutter vor den 1941 einmarschierenden Deutschen fliehen. Als der Krieg zu Ende war, wanderte er in die Vereinigten Staaten aus und begann dort nach einem Anglistik- und Jurastudium an der Harvard University eine Karriere als Rechtsanwalt, die ihn seit 1959 als Mitarbeiter, seit 1968 als Sozius an eine weltweit tätige Traditionskanzlei an der Wall Street führte, aus der er sich zum Jahresende 2003 zurückziehen will.

Nach „Lügen in Zeiten des Krieges“ begann Louis Begley, von vielen Lesern unerwartet, eine Suite von Romanen der guten Gesellschaft zu schreiben, moralische Versuchsanordnungen, die hinter der Fassade von Statussymbolen und trügerischen Lebenssicherheiten die Brüchigkeit der menschlichen Existenz enthüllen. Auch der neue, inzwischen siebte Roman, „Schiffbruch“, führt in das mondäne Milieu der amerikanischen Ostküstenelite, in die Welt des wunschlosen Unglücks und „bargeldlosen Wohlergehens“. Doch in einem signifikanten Detail unterscheidet sich der neue Held von seinen Vorgängern, etwa dem „Mann, der zu spät kam“ (1996) und dem Helden der beiden „Schmidt“-Romane (1997) und 2001). Diesmal geht es nicht um einen Banker oder Broker, einen Anwalt oder Architekten, sondern um einen New Yorker Schriftsteller: John North ist ein gemachter Mann aus guten Verhältnissen, mit einem Einkommen „weit über der nationalen Armutsgrenze“, mit „einigem literarischem Ruhm und ansehnlichem kommerziellem Erfolg“.

Er legt eine Lebensbeichte ab, in deren Sog der Leser ebenso unweigerlich gerät wie Begleys Ich-Erzähler, der an einer einsamen Hotelbar zu North‘ erstem Zuhörer wird. Doch welche Sorgen treiben ihn dazu, seine Lebenslügen offen zu legen? Sind es die periodisch auftauchenden Schreib- und Sinnkrisen des Autors, über die ihm seine Frau, eine erfolgreiche Ärztin, ebenso liebevoll wie selbstlos hinweghilft? Sind es die Minderwertigkeitsgefühle gegenüber der Oberschicht der Tycoons, der seine Frau entstammt?

Das Schicksal kreuzt auf in Gestalt der attraktiven französischen Journalistin Léa, die North während eines Pariser Intermezzos aus dem „geschützten Hafen“ der Ehe lockt und ihm ein „wochenlanges Lotterleben“ beschert, aber auch eine gehörige Portion jener „Scham“ und „Reue“, mit denen der Gefühlshaushalt ehebrecherischer Helden im realistischen Roman schon aus Gründen poetischer Gerechtigkeit ausgeglichen werden muss. Kein Wunder, dass, was als stürmische Romanze „von begrenzter Dauer und begrenzter Bedeutung“ beginnt, bald zu einer albtraumhaften Amour fou wird, die sich mit der Gesetzmäßigkeit einer griechischen Tragödie vollzieht. Auf dem Transport in die neue Welt nämlich verliert die nymphomanisch-nymphenhafte Léa ihre bestrickenden Eigenschaften, wird sie, in North‘ Augen, zu einer furienhaften Bedrohung seines Lebensglücks. Das Ende zu verraten würde dem Leser die Spannung nehmen, die Begley, ein Meister der leisen Andeutungen und Anspielungen, so geschickt aufbaut, dass man North‘ „abergläubische Furcht vor der Wende des Geschicks“ erst registriert, wenn es schon zu spät ist.

Von diesem furiosen Finale her, das sich in Martha’s Vineyard vor der Küste von Massachusetts abspielt, kann man Begleys Buch auch als Variante des postviktorianischen Romans lesen. Denn „Schiffbruch“ erleidet nicht nur Begleys Held, sondern auch eines seiner Vorbilder: in George Eliots Roman „Daniel Deronda“ (1876), an dessen filmischer Adaption sich North versucht.

So ist „Schiffbruch“ auch Generalmetapher für die Nöte des Schriftstellerlebens, den gefürchteten „writer’s block“, die Selbstzweifel, die Unzufriedenheit mit der Kritik. Mit geschliffener Ironie und Sinn für feine Nuancen porträtiert Begley den buntscheckigen New Yorker Literaturbetrieb, wo sich „Literaten aller Arten“ ein Stelldichein geben: „namhafte Schriftsteller, die noch schreiben; Wracks ehemaliger Autoren, ausgebrannt von Alter, Krankheit und Suff; so genannte Kultautoren, deren einzige Leser die Mitglieder ihrer besonderen Sekte sind, und andere Autoren, die auch kein Publikum haben; Verleger, Agenten, Journalisten mit intellektuellen Ambitionen“.

Louis Begleys Kunst, einen Exzentriker und Genussegoisten, also einen im Grunde unsympathischen Helden zu zeichnen, ohne ihn gleich ins Messer der Kritik laufen zu lassen, bewährt sich auch hier. Darüber hinaus gewinnt der Roman seine Qualitäten aus den empathischen Schilderungen alternder und sterbender Menschen, die – wie North‘ Eltern – in den „Alzheimertempeln“ und Wartesälen „zwischen Leben und Tod“ würdelos vor sich hin dämmern. Die Macht des Eros und das Näherkommen des Todes: Das sind die großen Themenkreise, die sich in diesem Roman beständig überschneiden. Kein Zweifel: Mit „Schiffbruch“ hat Louis Begley, der in diesen Tagen seinen 70. Geburtstag feiert, einen ebenso spannenden wie tiefgründigen Roman über Ehebruch und Liebesverrat, über Schuld und Sühne, geschrieben; ein Buch, das existenziell trifft und das, wie Kafka schreibt, „die Axt“ sein kann „für das gefrorene Meer in uns“.

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Schiffbruch von Louis Begley, 2003, Suhrkamp2.)

Schiffbruch.
Roman von Louis Begley (2003, Suhrkamp - Übertragung Christa Krüger).
Besprechung von Sascha Verna in der Frankfurter Rundschau, 26.11.2003:

Selbstporträt mit Ehebruch
Späte Sünden, fein erzählt: Louis Begley beherrscht die Schlüpfrigkeit seit eh und je. Seinen jüngsten Roman würzt er mit den Selbstzweifeln eines Schriftstellers

Geiler alter Bock trifft kopulationsfreudige Kindfrau, vergnügt sich ein Weilchen mit ihr und segelt danach zurück in den Hafen der Ehe. Auf diese Formel werden manche Kritiker Louis Begleys neuen Roman bringen. Damit liegen sie gar nicht so falsch. Begleys Protagonist segelt am Schluss des Buches tatsächlich, und zwar durchaus zurück Richtung Hafen und Ehe, wobei er den im Titel angekündigten Schiffbruch erleidet und sehr, sehr nass wird.

Der Mann, der da baden geht, heißt John North und ist Schriftsteller. Er sitzt in einem Café namens Entre Deux Mondes und trinkt Whisky. Einem namenlosen Menschen, den er zum Mittrinken einlädt, erzählt North seine Geschichte. Oder genauer: Er drängt sie ihm auf, indem er voraussetzt, der andere verfüge über ein enormes Interesse daran und über unbeschränkte Zeit, wenigstens solange er, North, für den ununterbrochenen Fluss hochprozentiger Getränke sorgt. Es ist die Geschichte seines Lebens, wie North versichert, nicht seine Lebensgeschichte.

Sie beginnt stilgerecht im Café Flore in Paris, wo North von der jungen Journalistin Léa Morini für Vogue interviewt wird. Anlass des Gesprächs ist das Erscheinen der französischen Übersetzung von Norths neuem Roman. Léa Morini erweist sich als äußerst intelligent und versteht es überdies, dem Meister zu schmeicheln, was diesem mehr als willkommen ist, zumal er gerade von massivsten Selbstzweifeln geplagt wird. North glaubt erkannt zu haben, dass alle seine Werke "zur selben öden Familie der unnötigen Bücher" gehören.

Wir haben also: einen älteren Herrn in einer schöpferischen Krise und eine ehrgeizige Abgängerin der Pariser Elite-Schulen am Anfang ihrer Karriere. Er sucht nach Ablenkung, sie nach nützlichen Verbindungen, und so landen die beiden miteinander im Bett. Louis Begley ergeht sich wiederholt in mehr oder weniger ausführlichen, mehr oder weniger gelungenen Schilderungen der dort stattfindenden Aktivitäten. Dazu nur so viel: Es geht wild zu und her, sehr wild. So wild, dass Léa dem doch schon im fortgeschrittenen Mannesalter stehenden North bei Gelegenheit zu Konditionstraining rät. Schiffbruch ist ein Bericht über eine Affäre, die zu einer sexuellen Obsession wird. North kann nicht mehr von seinem "Mädel" lassen, und so wie es aussieht, gilt das auch umgekehrt. Empfindsame Gemüter seien gewarnt: Das Vokabular ist deftig. Wir kriegen alles geboten, von Fachsprachlichem wie dem "Trockenfick" über den anschaulichen "Springbrunnen" bis hin zu den gänzlich metaphorischen Katzen in Säcken.

Die Lektüre lohnt sich dennoch. Schiffbruch ist nämlich auch das vielschichtige Porträt einer zutiefst widersprüchlichen Figur. Wobei der Begriff "Selbstporträt" die Sache wohl eher trifft und zugleich auf das raffinierte erzählerische Spiel hinweist. Als eigentlicher Ich-Erzähler dieses Romans fungiert Norths williger Zuhörer. Seine Rolle ist ebenso zentral wie marginal. Ohne ihn würden wir Norths Geschichte nicht erfahren, doch an der Handlung der eigentlichen Geschichte nimmt er nicht teil. Er zeichnet die Monologe eines Mannes auf, dessen Zuverlässigkeit zumindest angezweifelt werden darf. Nicht allein North' gesegneter Durst und der in der Folge mögliche Realitätsverlust schüren die Zweifel am Wahrheitsgehalt seines Geständnisses. Und haben sich die Geschehnisse wirklich so zugetragen wie North behauptet? Hat sich überhaupt etwas zugetragen? North ist schließlich Schriftsteller und lebt vom Geschichtenerfinden. Falls sich etwas zugetragen hat, wie können wir sicher sein, dass Norths Trinkbruder das Gehörte korrekt wiedergibt? Und was beweist, dass North und sein Gast nicht ein und dieselbe Person sind? Ganz zu schweigen davon, dass im Hintergrund ja sowieso Louis Begley die Fäden zieht.

Neben der doppelt- und dreifachen Autorschaft besticht der komplexe Charakter der Protagonisten. John North schwankt zwischen Narzissmus und Selbsthass, zwischen Zügellosigkeit und vornehmer Zurückhaltung. Er nutzt andere gnadenlos aus und gefällt sich darin, sich seines schändlichen Tuns zu bezichtigen. Er kokettiert mit seiner Feigheit und gibt vor, sich selber zu durchschauen. Er übt sich in gepflegter Langeweile und Überheblichkeit, um bei seinen heimlichen Stelldichein mit Léa zum Hormonmonster zu mutieren. Er riskiert die glückliche Ehe mit Lydia, der einzigen Frau, die er wirklich vergöttert und die Begley als Symbol weiblicher Vollkommenheit schlechthin beschreibt: blitzgescheit, attraktiv, verständnisvoll, feinfühlig, kunstsinnig und in der Lage, neben ihrem anstrengenden Beruf als Ärztin auch noch Zeit und Liebe aufzubringen für einen Neurotiker wie North. Der Kontrast zum Edelflittchen Léa ist so offensichtlich, dass er plump wirken würde, verstünde sich Begely nicht auf die Kunst des Relativierens. Die leise Ironie, die den ganzen Roman durchzieht, verleiht allem und allen etwas Schillerndes, das einen nichts völlig ernst nehmen lässt.

Zweideutigkeit prägt selbst das große Finale des Schiffbruchs. Es kommt zu einem regelrechten Showdown, aber wer wann wo oder überhaupt vor Anker geht, bleibt unklar. Begley steigert die Spannung mit dem Geschick eines Thrillerautors - eines guten Thrillerautors -, verweigert uns aber die Antwort darauf, ob Norths französisches Abenteuer nur ein Abenteuer oder ein tödliches Abenteuer war. Denn natürlich verlaufen Norths außereheliche Unternehmungen nicht so reibungslos, wie er es sich vorgestellt hat. Ganz in der Tradition von Fatal Attraction drängt sich die Mätresse mehr und mehr in Norths Leben und bricht sogar ihr Versprechen, der Heiligen Lydia fern zu bleiben. Léa arrangiert "zufällige" Treffen, und North, in dessen Augen sie inzwischen zwar nicht ihre körperlichen, aber alle übrigen Reize eingebüßt hat, sinnt darauf, sie loszuwerden. Zugleich versucht er zu erraten, ob Lydia etwas ahnt und, wenn ja, wie viel. Lydias Verhalten bleibt undurchsichtig - so undurchsichtig und fesselnd wie alles an diesem Roman.

Louis Begley hat bereits in Schmidt, Schmidts Bewährung und Mistlers Abschied mit dem Beziehungsmuster älterer-Herr-und-jüngere-Dame experimentiert: humorvoll, geschmackvoll, geistreich. Die Gefahr, sich dabei in den Niederungen von Freud für Anfänger und den Klischees vom Busenwunder für den halbtoten Geldsack zu verlieren, diese Gefahr ist groß. Doch halten sich die Peinlichkeiten bei Begley in Grenzen. Dies erstaunt umso mehr, als auch das Milieu, in dem Begley seine Romane ansiedelt, eher ein Sujet der Trivialliteratur darstellt. Man ist wohlhabend, man besitzt Häuser in Martha's Vineyard und in den Hamptons. Man ist gebildet und betreibt gepflegte Konversation, wenn einen nicht gerade die Triebe auf Trab halten.

Begley schildert diese Gesellschaft mit der Selbstverständlichkeit dessen, der selber ein Teil davon ist und es nicht auf Gutmenschenliteratur und Sozialkitsch abgesehen hat. Seine Spezialität sind die subtileren Klassenkämpfe. So gelingt es North, d er sich selber als "Schreiberling aus guter Familie auf dem absteigenden Ast" bezeichnet, nicht, die Ressentiments loszuwerden, die er der Familie seiner Frau gegenüber hegt.

Als Abkömmling eines typischen WASP-Geschlechts, der White Anglo Saxon Protestants, fühlt er sich dem jüdischen Großbürgertum, in das er hineingeheiratet hat, ständig unterlegen. Er grollt seinen Schwiegereltern und Schwagern, weil sie mehr Geld verdienen als er, und zugleich verachtet er sie mitsamt ihren einflussreichen Stellungen bei Banken und Immobilienfirmen. Über Lydias Bruder zum Beispiel sagt er: "Nun ja, er war der Erbe, und das hätte schon ausgereicht, auch ohne seinen ungeschliffenen gesunden Menschenverstand, ohne die harte Arbeit im Büro der Familie, sein außergewöhnliches Geschick beim Segeln, Golfspielen und Spendeneintreiben für den United Jewish Appeal und ähnlich gute Zwecke." John North ist keine besonders sympathische Figur. Und Schiffbruch ist kein makelloser Roman. Doch ist Norths Schiffbruch jedes bisschen Aufmerksamkeit wert.

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