1.) - 2.)
Schicksal.
Roman von Tim Parks, (2001,
Kunstmann - Übertragung Ulrike Becker).
Besprechung von Anita Pollack aus Kurier, Wien, vom
8.6.2001:
Blair versus Andreotti
Tony
Blair ein strahlender Wahlsieger im Kreise seiner Familie! Dass Andreotti hingegen
nur selten mit Frau und Kindern fotografiert wurde, derlei Gedanken gehen einem Mann beim
ersten Wahlerfolg Blairs in London durch den Kopf.
Bevor er erfährt, dass er am Ende ist. Sein Sohn hat sich umgebracht, seine Ehe ist im
Eimer, sein Handy-Kabel und sein Herzmittel sind im Koffer, der im falschen Flieger ist.
Oder ist er im falschen Flieger ?
So viel Ende ist selten wie am Beginn des Romans von Tim Parks. Selten auch ist
Verzweiflung so virtuos mit Humor, mit Ironie gepaart. Außer vielleicht bei Thomas
Bernhard, dessen Ton einem hier so unerwartet wie unverkennbar entgegenschlägt.
Er habe schon ein bisschen wie Bernhard geschrieben, auf Englisch natürlich, bevor er ihn
noch gelesen habe, auf Italienisch natürlich, erklärte Parks einmal und deutet damit
schon das Dilemma seines unglücklichen Helden an, der wie er, in zwei Welten, in zwei
Sprachen lebt. Christopher Burton ist Engländer, verheiratet mit einer Italienerin, wie
sie typischer nicht sein könnte. Aber was ist typisch italienisch? Mrs.
Burton jedenfalls ist auffallend gekleidet, geschminkt, laut, auffallend auffallend, das
Gegenteil einer englischen Lady. Aber letztendlich stammen alle Ehefrauen aus einem
fremden Land.
Resigniert Burton angesichts der Mentalitätsunterschiede, die er zum Gegenstand seiner
Arbeit erhebt. Als Krönung seiner diesbezüglichen Studien hat der Italien-Korrespondent
ein Interview mit Ex-Premier Andreotti geplant, das seine Thesen vom italienischen
Nationalcharakter erhärten soll, aber da schlägt das Schicksal zu.
Destiny heißt Parks Roman im Original, ein Begriff, der mit
Schicksal nicht ganz deckungsgleich ist. Wars Schicksal, Bestimmung oder
Schuld? Versucht der Verzweifelte zu ergründen, während der 72 Stunden nach der
Todesnachricht, in denen man seinen Gedanken folgt, die ungehemmt fließen, was man von
seinem Harn nicht sagen kann. Bis der Damm endlich bricht, er zuerst sein Wasser und dann,
auf dem Friedhof schließlich, in der einzigen Aussprache mit seiner Frau auch seine
Gefühle lassen kann . . .
Wie hat alles angefangen? Diese Frage hat ihm der Psychiater seines Sohnes Marco gestellt,
die Frage nach der Leidensgeschichte des Sohnes, der zur Welt kam, nachdem das Paar die
Hoffnung auf ein Kind schon aufgegeben und eine Tochter adoptiert hatte. Marcos
Schizophrenie, die Krankheit des Sohnes, der als Kind die Stelle des Vaters im Ehebett
eingenommen hatte, steht für vielerlei und bleibt ein Rätsel. Wars eine
körperliche, hormonelle Störung des Pubertierenden, Schuld der Mutter, die ihn als Waffe
gegen den Ehemann einsetzte, Schuld des Vaters, der ihn zwischen zwei Welten, zwei
Sprachen, hin und her riss, Schuld der älteren eifersüchtigen Schwester oder einfach ein
klassisches Verhängnis?
Fast genial steigert Parks Risse und Konflikte, die auch in den besten Familien vorkommen,
hier zur Fallgeschichte verschiedener Mentalitäten, die einander anziehen und lieben,
gleichzeitig aber hassen und ablehnen. Wie der rote Mantel der Frau für den Mann einmal
faszinierend, ein anderes mal einfach ein rotes Tuch ist. Für den klar denkenden
Angelsachsen stellt das Geheimnis der Südländer eine unwiderstehliche Verlockung dar. So
wie der Osten für den Westen. Die Frau für den Mann. Engländer glauben an die Liebe und
lassen sich scheiden. Italiener glauben an den Ehebruch und bleiben zusammen. So etwa hat
es Tim Parks in seinem Essayband Ehebruch und andere Zerstreuungen gesehen.
Eine Ehe zwischen einem Engländer und einer
Italienerin? Wir hätten einander nicht unglücklicher machen können. Trotzdem: Am Ende
ein Unentschieden und vielleicht sogar ein vager Hoffnungsschimmer. Ein Buch für kühle
italienische Tage und heiße englische Nächte.
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2.)
Schicksal.
Roman von Tim Parks,
(2001, Kunstmann - Übertragung Ulrike Becker).
Besprechung von Martin Krumbholz in DIE ZEIT:
Der Himmel ist die wahre Hölle
Tim Parks' Ballade von einem, der englisch
denkt und italienisch lebt
Das größte Talent der Signora Burton besteht darin, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um ihre irdischen Ziele zu erreichen. Womöglich macht sie dabei die Erfahrung, dass die Hölle sich leichter in Bewegung setzen lässt als der Himmel. Die Hölle, das sind nach dem berühmten Wort von Sartre ja nur die anderen, unsere Erzrivalen, die Nebenbuhler-Teufel, die sich auf dieselben Jobs, auf dieselben Frauen stürzen wie wir selbst, was lästig ist, aber nicht unzumutbar. Der Himmel jedoch ist eine gefährliche Eigen-Konstruktion, eine fixe Idee, von der wir lebenslang nicht loskommen: die große Liebe, die nicht endende Wollust, die perfekte Ehe, der definitive Ehebruch ... Der Himmel macht unser Leben zur Hölle.
Davon handelt der Roman Schicksal des 1954 in Manchester geborenen Tim Parks, der seit langem in Italien lebt; davon handelte auch schon sein fulminanter Essayband Ehebruch und andere Zerstreuungen (1999), in dem der Autor scharfsinnige Überlegungen etwa zum Mentalitätsunterschied zwischen den optimistischen Engländern mit ihrer hohen Scheidungsrate und den fatalistischen Italienern mit ihrer niedrigen Scheidungsrate anstellt. Italien ist das Land, in dem eine Großmutter dem Enkel am Tag seiner Hochzeit den Rat gibt, seiner Frau wenigstens ein Jahr lang treu zu sein; in dem Therapeuten ihren Klienten empfehlen, getrost Affären zu haben, sie aber nicht sentimental zu befrachten und schon gar nicht ihretwegen die Ehe in Frage zu stellen, die nichts anderes sei als eine "Hacienda", ein Gut, auf dem man sich die anfallenden Arbeiten teilt. Die vermeintlich so romantischen Südländer kultivieren also eine überraschend pragmatische Einstellung zum Thema Ehe, Familie, Sex, während die vermeintlich so kühlen Briten jederzeit die Illusion hegen, sie hätten die Welt neu erschaffen, wenn sie nur einen John Major durch einen Tony Blair ersetzen. Oder die eine Ehefrau durch eine andere.
Was ist demnach "typisch italienisch"? Unser Romanheld Chris Burton, der als Journalist und Ehemann einer Italienerin in Italien lebt, sollte es wissen. Typisch italienisch ist zunächst einmal der Titel eines Machwerks aus der Feder des BBC-Korrespondenten Gregory Marks, das seine Klischeelastigkeit bereits im Titel indiziert - Burton macht sich darüber von Herzen lustig, denn Marks ist in jeder Hinsicht der Erzrivale; einerseits ist er in Burtons Frau verliebt, andererseits hätte Burton jenes Buch gern selbst geschrieben, natürlich unter einem intelligenteren Titel und mit sehr viel weniger plumpen Thesen, als sie dem Rivalen eingefallen sind.
Der Nationalcharakter an sich interessiert Burton auch, der britische ebenso wie der italienische, zumal er Letzteren umstandslos mit dem seiner Frau identifiziert. Was einmal, vor etwa dreißig Jahren, eine romantische, eine leidenschaftliche Liebe war - denn Signora Burton ist, ihrem Nationalcharakter entsprechend, eine leidenschaftliche Frau -, ähnelt nunmehr einer halb verfallenen, nicht hinreichend gepflegten Hacienda.
Es ist ein höchst schicksalhaftes Ereignis, das Burton zu dem (Trug-)Schluss kommen lässt, seine Ehe sei endgültig gescheitert: Marco, der Sohn der Burtons, der an Schizophrenie erkrankt war, hat sich das Leben genommen. Die Nachricht hiervon bildet den Auftakt des Romans und eines langen Monologs, in dem Burton als Held und Ich-Erzähler die Krankheitsgeschichte seines Sohnes mit der Geschichte seiner Ehe verbindet, oder besser gesagt: beide miteinander verknoteten Geschichten zu entwirren versucht. Es wird nicht ganz gelingen, denn Marco war das Idol, der Fixstern im Leben der Frau, die lange Zeit glaubte, keine Kinder bekommen zu können, und deshalb mit ihrem Mann bereits ein russisches Mädchen adoptiert hatte. Der Junge durfte bei der Mama im Ehebett schlafen, während der Ehemann im Kinderzimmer Zuflucht suchte und irgendwann logischerweise bei einer Geliebten: einer dunkelhäutigen jungen Engländerin, kennen gelernt auf einer Barterrasse oder in einer Terrassenbar mit Blick auf die Bucht von Neapel.
Destiny heißt Tim Parks' Roman im Original, Schicksal also im Sinn von Bestimmung, nicht so sehr von Fatum. Es ist ein kleiner, aber nicht unwichtiger Unterschied: Am Ende des über weite Strecken dezidiert (psycho-)pathologisch grundierten Romans zeigt sich nämlich, dass der Autor nicht dem mediterranen Fatalismus frönt, sondern mit aller Emphase die Liebe und die Ehe feiert, und das, obwohl sein Held nicht die Kraft und den Ehrgeiz aufbringt, in der Hacienda zu arbeiten - wofür er gewiss jederzeit seine Frau, den Sohn und beider egomanische Eigenschaften verantwortlich machen kann. Natürlich ist Marcos Krankheit eine Metapher für die "Schizophrenie", an der Burton selbst leidet: als ein Mann, der englisch denkt (und empfindet) und dabei eine italienische Ehe zu führen versucht. Dieser existenzielle Spagat erweist sich als kompliziert, tendenziell als nicht praktikabel. Und fast ebenso selbstverständlich ist es, dass der Ich-Erzähler den Leser zu bestechen versucht: Nicht etwa die Ehe an sich ist unmöglich, sondern diese hysterische Frau ist es, von der man erst wenige Seiten vor Schluss erfährt, dass sie auch einen Vornamen hat. Signora Burton heißt Mara.
Woran aber liegt es, dass dieser Roman von fast 300 Seiten bei all seiner unleugbaren Brisanz weniger aufregend erscheint, weniger berührt als der vierzehn Seiten lange Aufsatz Ehebruch aus Parks' Essayband? Es liegt offenbar an einem nicht ganz eingelösten stilistischen Ehrgeiz; an der propädeutischen Lektüre des Verzweiflungsvirtuosen Thomas Bernhard, dem der Autor huldigt, indem er seine Prosa mit ähnlichen Virtuositätsattitüden zu zementieren versucht. Das Ergebnis dieser Anstrengung ist die Manier. Bereits der allererste Satz zeugt von einer formalen Heiterkeit, die in befremdendem Kontrast steht zu der Todesbotschaft, die er enthält. Dabei sind es doch die Italiener, die die glatten Oberflächen so sehr lieben und Konflikte gern in der Schwebe lassen; während die Briten etwas ganz anderes suchen: Klarheit und Tiefe.
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