Scheintod von Eva Demski, 2001, SchöfflingScheintod.
Roman von Eva Demski (2001, Schöffling).
Besprechung von Wolfgang Bortlik aus der Wochenzeitung, Zürich, 5.10.2000:

Elender Glanz der Revolte
Immer wieder erstaunlich, wie die enorme Kraft des Rock'n' Roll in Geschichte und Literatur verleugnet wird.

Es kommt mir so vor, als ob heute eine ähnliche geistige Bösartigkeit in der Welt herrscht wie in den fünfziger Jahren. Statt auf Godot zu warten, stehen die Brothers und Sisters allerdings im Stau und harren tieferer Benzinpreise. Dieses Gefangensein in einem Käfig aus Glas, Metall und Gummi macht verblödend aggressiv. Der Rest der Gesellschaft vermummt sich notwehrmässig im Privaten. Das Böse in der Welt beweist sich aber auch durch morphologische Ausstülpungen wie Christoph Mörgeli oder Carla Del Ponte. Und da gemäss Karl Marx die letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt ihre Komödie ist, haben wir statt des Vietnamkriegs nun die Champions League. Die Ökonomie schleudert ihre Wirtschaftswundertüten herum, und Kultur ist endlich Lifestyle. Spannend wohnen. Die kühnen Entwürfe sind der eigene Body und der Aufbau eines Pizza-Service. Wer anders träumt, ist Explosionsmaterial. Sprengstoff. Auf dem Friedhof der fünfziger Jahre explodierten die sechziger Jahre. Die Explosionen waren laut und weithin zu hören. Wie in «Zabriskie Point». Und nachdem ein paar Explodierende schon zu den Waffen gegriffen hatten, um dem «Schweinesystem» endgültig den Garaus zu machen, sang eine deutsche Rockband den Soundtrack dazu: «Wir sind geboren, um frei zu sein. Wir sind zwei von Millionen. Wir sind nicht allein!» Und sie schrieb Sachen wie: «Musik ist eine Waffe ... Wir brauchen keine Ästhetik; unsere Ästhetik ist die politische Effektivität.» Ton Steine Scherben, gegründet 1970 in Berlin.

Es ist ja immer wieder erstaunlich, wie die enorme Kraft des Rock ’n’ Roll in Geschichte und Literatur verleugnet wird. Wann bitte haben in Zürich die 68er-Unruhen begonnen? Richtig, nach dem Pop-Monster-Konzert im Hallenstadion, nach Jimi Hendrix, Eric Burdon, The Move usw. Und was war los in Berlin nach dem berüchtigten Stones-Konzert auf der Waldbühne? Als ob es etwas Ehrenrühriges wäre, dass ein paar simple Riffs und Gekreische das Rebellische in einem aufwecken. Nein, das ist doch zu gewöhnlich, diese Erweckung muss hehr und heilig sein. Bewusst. Die Gefühle für die Unterdrückten der Welt sind so nur mehr Kopfgeburten. Die Frage war dann nicht Stones oder Beatles, nicht mal Lenin oder Mao, sondern Ich oder Du. Oder heute in der historischen Gestalt des Komödienstadels Popliteratur oder Literaturclub.

Material über Ton Steine Scherben – nach Rio Reisers Autobiografie «König von Deutschland» aus dem Jahr 1994 und dem umfangreichen Songbook der Band – liegt nun in Buchform vor: «Keine Macht für Niemand. Die Geschichte der Ton Steine Scherben», herausgegeben von Kai Sichtermann, dem Bassisten der Band, Jens Johler und Christian Stahl. Die Stärke des Buchs gleich vorneweg: Es handelt sich um Oral History aus der Rock-’n’-Roll-Perspektive. Verschiedenste Stimmen aus der Band und ihrer Umgebung kommentieren die Ereignisse und ihre Musik: Die Krämpfe mit den im Entstehen begriffenen drögen Maoistensekten in Berlin, Besetzungen, Häuserkämpfe, die Wohngemeinschaft der Scherben als Anlaufstelle für entlaufene Heimzöglinge, Kontakte zum bewaffneten Untergrund. TSS zeigt sich als Band, die an den unsinnigen Ansprüchen aus ihrem linksradikalen Umfeld fast zerbricht, jedenfalls vor ihnen aus Berlin in eine norddeutsche Landkommune flieht und sich dort dann quasi selber zerfleischt. Zugleich funktioniert die Rock-’n’-Roll-Maschinerie trotz übelster finanzieller Probleme weiter. Das gesamte linke Elend lässt sich in diesem kurzen Ausschnitt aus dem Buch fassen: «Die Anlage, über die die Scherben seit ihrer Gründung spielten, oder das, was man dafür halten konnte, war ein Sammelsurium verschiedener knisternder und brummender Verstärker, selbstgelöteter Kabel und ungewollt verzerrt klingender Boxen. Ausserdem war die Wattzahl zu niedrig. Es war höchste Zeit für eine neue Anlage. Durch Plattenverkäufe war so viel Geld hereingekommen, dass man sich immerhin eine überzeugende Anzahlung leisten konnte. Die Sache hatte nur einen Haken. Es gab zu viele Genossen im unmittelbaren Dunstkreis der Band, die sofort entsetzt aufschreien würden: ‘Was, die Scherben haben neue Verstärker? Für soundsoviel tausend Mark? Diese Kapitalisten! Verräter!’» Ohne neue Anlage würden dieselben Genossen sich allerdings garantiert über den «beschissenen Sound» auf den Gigs beschweren. Was sollte die Band also machen?

Heimlich wird eine neue Anlage gekauft und auf alt getrimmt. Nach zehn Jahren Landkommune lösen sich die Scherben 1985 offiziell auf. Sie haben alles probiert, waren immer zuvorderst mit dabei und immer knapp vor dem Verhungern. Erst als Solokünstler hat dann Sänger Rio Reiser endlich seinen grossen Hit «König von Deutschland». An Reiser haben sich schon immer die Geister geschieden. Von den einen wird er im Buch als milder Gott, von den andern als egozentrischer Teufel beschrieben. Der Rest meint, er sei beides gewesen. Wahrscheinlich war Reiser (1950–1996) neben Andreas Baader und Gudrun Ensslin der einzige wirkliche deutsche Popstar jener Zeit.

Die Einmummung ins Private wird bei der Neuauflage von Eva Demskis Roman «Scheintod» schon vorauseilend vom Verlag unternommen, der im Klappentext kühn vermeldet: ‘Scheintod’ ist kein Schlüsselroman, sondern der Roman einer grossen Liebe.» Das sehe ich aber bei diesem zuerst 1984 erschienenen, von Geschehnissen aus dem Jahr 1974 handelnden Buch deutlich anders. «Die Frau» erzählt von ihrem Mann, dem Anwalt, der an einem Asthmaanfall stirbt. Sie berichtet von den zwölf Tagen nach seinem Tod, in denen der Tote auf der Gerichtsmedizin liegt und an ihm herumgeschnippelt wird. In diesen Tagen bis zum Begräbnis steht sie im Zentrum der Ereignisse, wo er sonst war: «der Mann», von dem sie seit drei Jahren getrennt lebt. Sie hatte ihn ja nie richtig, nie ganz. Er schlief mit jugendlichen Strichern, hatte seine anarchistischen Spinnereien, seine Klientel aus der Halbwelt und dem politischen Untergrund. Die Frau hat an das gemeinsame und durchaus politisierte Teil-Leben ihre Erinnerungen. Die sind deutlich und weisen weit über das Persönliche, Emotionale hinaus. Es sieht fast so aus, als versuche die Frau bzw. die Autorin, das verdammte Individuelle/Gefühlige mit dem verdammten Offiziellen/Politischen zu verbinden, möglicherweise zu einer gemeinsamen Wurzel vorzustossen.

«Jemand hätte ihr jetzt helfen müssen, sie tat sich leid. Da war keiner, der die Stärke ihres Schmerzes auch nur hätte spüren und zur Schwäche ihrer Liebe hätte fügen können. Sie fühlte sich fast nicht schuldig an der Flauheit und Bequemlichkeit ihrer Gefühle. Deshalb war das früher ja auch so gut gegangen mit den Black Panthers und den Vietnamesen, den Heimzöglingen und den Strafgefangenen, den Schwarzen in Südafrika und den Indianern. Keiner von denen hatte Liebe gefordert. Man kann ja unermüdlich sein in der Solidarität, in der Gruppenarbeit in Infos und Teach-Ins und Picket-Lines und all dem, wenn da bloss keine Liebe drohte. Was war denn die RAF? Eine Gesellschaft zur Vernichtung der eigenen Todesangst.» – Das ist doch immerhin eine sehr weit reichende und gescheite Erkenntnis. Es geht eben nicht um die «grosse Liebe», weil ja alles so schwebend und unsicher ist, wie das jetzt mit dem kleinen armen Ego weitergeht, draussen auf der Strasse, mit dem Herz ausserhalb des Körpers. Jetzt, wo was los ist! Hinaus mit dem Herzilein, zu dem das Schlüsselin verloren ist. Wird einfach aufgesprengt, das Herzilein. Aber nicht von der RAF! «Schmutzgeld war immer noch besser als gar kein Geld, und die, die man Genossen nannte, kamen und forderten Dienste, nannten es Solidarität und zahlten überhaupt nichts. Man wagte gar nicht, etwas von ihnen zu fordern.»

So irrt die Frau durch die Vergangenheit des Mannes und wird mit einer immer unfreundlicheren und härteren Gegenwart konfrontiert. Irgendwo in der Anwaltskanzlei ist noch eine Aktentasche, die die bewaffneten Genossen unbedingt haben wollen, aber auch die Polizei. Der Roman endet in einer ziemlich absurden Beerdigungsszene, bei der Trauergäste aus allen Lagern anwesend sind: von der erzkatholischen Familie des Mannes bis hin zur RAF-Frau und diversen Zivilbullen. Kurz und knapp also: Eva Demski schreibt ebenso präzise wie schonungslos, mit grosser sprachlicher Kunst, und dem Verlag ist durchaus zu danken, dass er dieses Meisterwerk, das man auch zum psychohistorischen Standardwerk jener Zeit ausrufen könnte, wieder aufgelegt hat.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der WOZ]

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