1.) - 4.)
Schau, da geht die
Sonne auf.
Theaterstück von Sibylle
Berg (2003, Theater Bochum).
Besprechung von Johannes K. Glauber aus der NRZ
vom 23.3.2003:
Die Berg kreisste
"Schau, da geht die Sonne
unter": eine Uraufführung am Bochumer Schauspielhaus. "Ein Spaß ab
40", drunter und drüber.
Sibylle Berg hat ein neues Theaterstück geschrieben, einen, wie sie es nennt, "Spaß ab 40". Ein makabrer Spaß, eine Satire auf die Gegenwartsgesellschaft, so wie das Frau Berg halt liebt. Der Titel "Schau, da geht die Sonne unter" suggeriert einerseits die Endlichkeit menschlichen Lebens, andererseits darf das handelnde Personal aber auch den alltäglichen Sonnenuntergang besingen. Wie er so schön ist, heimelig und traut. Richtiges Theaterfutter also für das Bochumer Ensemble, das bei der Uraufführung mit beträchtlichem Furor bei der Sache war.
Bilder des Lebens ziehen ein letztes Mal vorbei. Zunächst eines Lebens in einem "Gasleitungsexplosionsviertel", angesiedelt zwischen Arbeitslosigkeit und Depression. Dann eines Lebens in höheren Etagen, das freilich keinen Deut hoffnungsfroher stimmt. Diese "Besserverdienenden" wissen, welche Klamotten man kauft, was gerade "in" ist. Doch der Grat zwischen Glanz und Elend ist schmal. Dahingerafft werden beide. Nach einem Autounfall.
Zunächst geschieht das Scheitern auf niedrigstem Niveau. Verkehrsunfall, der behandelnde Arzt plappert von einem schweren Schädeltrauma. Einem Zustand, bei dem vor dem inneren Auge des Sterbenden noch einmal dessen Leben vorüberziehen könnte. Und das tut es denn auch. Begegnungen mit der Nachbarin, die "jeden Morgen dadurch erwacht, dass sich Urin durch eine verstörte Prostata quält", Begegnungen mit der Frau, die früh erwacht und sieht, dass alles so trostlos ist wie am Abend zuvor; Begegnungen mit einer Kassiererin, die von Höherem träumt; Begegnungen mit einem kranken Mann, der sich an seinen künstlichen Darmausgang gewöhnt hat oder die Begegnungen mit einer Prostituierten, die über ihre Praktiken plaudert. Das "Literarische Quartett" tritt zum Kurzauftritt an, ebenso Arzt, Jugo samt Auto, die Hunde Blondi, Stasi, Stöpselhund und diverse Zootiere. Eine verrückte Gemengelage, dazu ein Schnipseltext, kurze Sätze aus dem Zettelkasten einer Autorin, die ihre überquellende Fantasie kaum im Zaum halten kann.
Rilke als Pappkamerad
Ähnliches Personal und ähnliche Monologe dann in der Erfolgreichen-Abteilung. Im Zentrum der gockelhafte Chef des Feuilletons einer führenden deutschen Tageszeitung, der sich unten von einer Prostituierten "bedienen" lässt und oben mit Peymann und Schlingensief telefoniert. Eine Paraderolle für Michael Maertens, der mit einer unglaublichen Eloquenz und in bestechender Leichtigkeit beide "Helden" spielt. Rilke wird als Pappkamerad auf die Bühne geschoben ("Mir wird echt übel, wenn ich sehe, wer mich heute so liest"), herrlich auch die Persiflage auf den Ingeborg-Bachmann-Wettbwerb oder die Selbstkritik des DJ: "Ich lese aus diesem (Berg)-Werk eine gehörige Portion selbstreflexiven, zivilisationsmüden, wehleidigen Quark heraus."Niklaus Helbling lässt sich in seiner Uraufführungs-Inszenierung voll auf den "schnellen Stil" der Autorin ein. Tempo, Witz, Satire, alles, was dieses Werk braucht ist, in reichem Maß da. Versatzstücke wie Auto, Gummibaum, Allah (aus dem Off) oder Udo Jürgens sind fantasievoll in die Szene eingebaut, und wenn der Text unter die Gürtellinie rutscht, bewahrt die Inszenierung Contenance, bedient keinerlei voyeuristische Gelüste. Hinreißend das Bochumer Ensemble. Neben Michael Maertens verdienen sich auch Angelika Richter, Johanna Gastdorf, Martin Rentzsch, Jele Brückner, Lena Schwarz, Michael Bürgin, Matthias Brandt, Marcus Kiepe und Felix Huber viel mehr als einen Gummibaum. Begeisterte Zustimmung. (NRZ).
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2.)
Schau, da geht die
Sonne auf.
Theaterstück von Sibylle
Berg (2003, Theater Bochum).
Besprechung von Wolfgang Platzeck aus der WAZ
vom 24.3.2003:
Manchmal geht die Sonne gar nicht auf
"Schau, da geht die Sonne unter" von Sibylle
Berg in den Kammerspielen Bochum uraufgeführt
Im Programmblatt zur Bochumer Uraufführung von
Sibylle Bergs neuem Stück "Schau, da geht die Sonne unter" findet
sich ein Gedicht von Rainer
Maria Rilke, der in der Inszenierung dann auch kurz als Papp-Kamerad
auftaucht.
"Da leben Menschen, leben schlecht und schwer / in tiefen Zimmern,
bange von Gebärden / . . . / und draußen wacht und atmet deine Erde / sie aber
sind und wissen es nicht mehr", heißt es bei Rilke. Das Grundthema ist
geblieben: Es geht um unerfülltes Leben, Isolation, um Sehnsucht nach Nähe und
der Unfähigkeit dazu. Doch Rilkes Schwermut setzt Berg die Mittel der Satire,
der ironischen Überzeichnung entgegen.
Im Untertitel verspricht sie "Spaß ab 40", und spaßig geht's denn auch los. Die Trage mit einem Unfallopfer wird holter-di-polter hereingetragen, der Mann wird auf den OP-Tisch gekippt wie ein Sack Kartoffeln, groteske Wiederbelebungsversuche scheitern. In seinen letzten Minuten, heißt es, lässt der Sterbende noch einmal unsortiert Stationen seines Lebens Revue passieren. Bergs Arzt (Marcus Kiepe) hat eine Technik entwickelt, an diesen Gedanken teilzuhaben, indem er sich in die Erinnerungen einbringt - als Gummibaum, Schäferhund, Rilke, Udo Jürgens. . .
Der Mann, "Er 1", der alsbald in seiner
maroden Bude aufwacht, ist Michael Maertens; und wie der sich nun räkelt,
vorsichtig die
Füße auf den Boden setzt, linkisch-verklemmt die ersten Worte ans Publikum
richtet, da steht von Anfang an fest, dass Niklaus
Helblings Inszenierung auf jeden Fall einen wunderbaren Schauspieler-Abend
bieten wird. Zumal Maertens' Kollegen, die nach und nach andere Figuren aus dem
Lebensumfeld des Zerknitterten auferstehen lassen, an Spielfreude nicht
nachstehen. Es sind
ausnahmslos sozial Geknüppelte, Gescheiterte, Vereinsamte, die sich in Dirk
Thieles Ausstattung tummeln.
Berg hat den Personen nur Monologe und Statements zugeschrieben; wo szenische Momente im Stück fehlen, kann Helbling nur Zuflucht suchen bei einer rasanten Abfolge fast kabarettistischer Soli. Leider kennt die Autorin nur ein Thema, das bald überstrapaziert wirkt: das Einsamkeitsmotiv. Einmal zieht sie - und Helbling findet dafür ein eindrucksvolles Stammtisch-Bild - auch den politisch so korrekten wie soziologisch unhaltbaren Schluss: Solche Underdogs können gar nicht anders, als sich in einer rechtsradikalen Organisation zusammenzufinden.
Wenn zwischendurch der Arzt als Erinnerungsregisseur eingreift und sich von diesem "tristen Dasein" durch etwas Poesie erholen möchte, dann werden die Synapsen kurz auf Literarisches Quartett umgeschaltet. Und Sibylle Berg scheint die Kritik an dem Stück gleich einbezogen zu haben. "Ich lese in diesem Werk eine gehörige Portion selbstreflexiven, zivilisationsmüden, wehleidigen Quark heraus", heißt es da und "Redundant!"
Nach der Pause alles von vorn, aber auf höchster sozialer und intellektueller Ebene. Maertens ist als "Er 2" der herrlich exaltierte Feuilletonchef einer meinungsführenden Zeitung; der Kollege (Matthias Brandt) säuft nie unter Niveau, die Straßennutte (Lena Schwarz) ist Edelhure, die Kassiererin (Jele Brückner) nun Stylistin.
Geld und Position machen nicht glücklich, lautet die allzu einfache Botschaft dieses hochglanzpolierten Teils, der noch karikierender daherkommt, allerdings auch deutlich konzentrierter. Ensemble und Regieteam wurden bei der Premiere mit verständlichem Jubel gefeiert. Und das Stück? Im zweiten Teil wird aus dem Literarischen Quartett der Ingeborg Bachmann-Wettbewerb. Was die Juroren dort wohl urteilen?
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3.)
Schau,
da geht die Sonne auf.
Theaterstück von Sibylle
Berg (2003, Theater Bochum).
Besprechung von Stefan Keim
aus der Frankfurter
Rundschau, 25.3.2003:
Der tägliche Stöpselhund
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Sibylle Bergs "Schau, da geht die Sonne unter" in
Bochum
Unsanft fliegt der Patient auf die Liege. Die
Reanimation misslingt, das Ärzteteam zieht ab. Dass einer von ihnen ein T-Shirt
der Fernsehserie Emergency Room trägt, hat nichts geholfen. Doch noch ist der
Mann, den Sibylle Berg "Er 1" nennt, nicht ganz verschieden. Im
Augenblick des Todes laufen wie im Kino seine Erinnerungen vorbei, moderiert von
einem zynischen Arzt, der als Spielleiter allerlei Gegenstände vom "Jugo-Auto"
bis zum Gummibaum sowie Allah, Rilke und Udo Jürgens verkörpert.
Betten, Sessel und Sofas fahren auf die Bühne, deren Boden wie von Kinderhand
ein Häuserblock aus Kreide mit einer Straße drumherum ziert. Er 1 wacht auf
inmitten einer Ansammlung der Hoffnungslosen. Jeder hockt in seiner kleinen
Parzelle in der "Straße der Gescheiterten". Leicht angewidert
betrachtet der Mann seine "Füße, die wie zwei weiße kalte Würste auf
dem Teppich liegen. Ich habe großes Mitleid mit meinen Füßen, ich glaube, sie
wurden noch nie gestreichelt."
In diesem Tonfall geht es weiter. Schau, da geht die Sonne unter ist ein
Jammerblues mit den Standardthemen Einsamkeit, Alkoholismus und
Arbeitslosigkeit. Sibylle Berg führt distanziert Figuren aus dem Alltag vor,
legt ihnen pointierte Selbstbetrachtungen in die Münder, stößt sie damit auf
die Bühne und lässt sie allein. Es gibt kaum Aktionen und Entwicklungen, dafür
eine Abfolge kabarettistischer Soli, die penetrant das öde Leben umkreisen. Nur
im Zoo - Frau Bergs Liebe zu Tieren fand sich schon in vielen Stücken wieder -
gibt es ein wenig Trost von einem seltsam aussehenden Stöpselhund. Endlich
begegnet Er 1 einer Frau, die Sie 1 heißt. Die beiden kuscheln und weinen,
"weil das ein Reflex ist, wenn man so lange nicht berührt wurde". Das
Dasein könnte ein wenig schöner werden, da läuft Er 1 vor das "Jugo-Auto".
Nun geht das Stück von vorne los. "Die Erinnerungen waren wohl nicht mondän
genug", vermutet der Arzt. Der Mann fantasiert sich ein edleres Szenarium
herbei. Er 2 ist Feuilletonchef einer großen Tageszeitung, protzt mit
Produktnamen, schwafelt Intellektuellen-Unsinn und fühlt sich genau so leer wie
Er 1. Die Underdog-Geschichte wiederholt sich in der gehobenen Gesellschaft. Die
Gags werden bissiger, es gibt ein paar Songs, doch niemals wird ein Klischee in
Frage gestellt, lässt sich ein Mensch hinter der geistblitzenden Oberfläche
blicken. Schau, da geht die Sonne unter wirkt wie ein Best-of aus Sibylle Bergs
Glossen und Satiren, ein Theaterabend verlangt mehr.
Michael Maertens, der umjubelte Wiener Anatol und Bochumer Wladimir, ein
Virtuose der Klangfarben und Körperimpulse, spielt den im Todeskampf
fantasierenden Mann zurückgenommen und natürlich. Er gibt Sibylle Bergs dahin
rauschenden Scherzen - Spaß ab 40 lautet der Untertitel des Stückes -
Zusammenhalt und erfindet einen rat- und rastlosen Charakter, der einem lächerlichen
Leben kraftvoll und verwirrt, leidend und lustvoll begegnet. Er will kein Opfer
sein, Heulen ist doof. Wenn schon Verzweiflung unvermeidbar ist, lässt dieser
Er sie in coolen Formulierungen beiläufig aus der Seele tropfen.
Den anderen Darstellern gelingt es nicht, wie Maertens über ihre Rollen
hinauszuwachsen. Niklaus Helbling hat in Bochum mit Helges Leben eine großartige
Berg-Uraufführung inszeniert und genau die richtige Mischung aus Trash-Anarchie
und verdrehten Gefühlen gefunden. Was damals - auch aufgrund der unglaublichen
Musik von Sina und Erika Stucky - gelang, wirkt ohne die beiden Sängerinnen aus
der Schweiz zerkaut und zäh. Da hilft es auch nicht, dass die Autorin in
Kritikerparodien auf das literarische Quartett und den Bachmann-Preis die Einwände
gegen ihr Stück selbstironisch vorweg nimmt, es ist wahrhaftig
"zivilisationsmüder, wehleidiger Quark". In endloser Wiederholung.
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4.)
Schau,
da geht die Sonne auf.
Theaterstück von Sibylle
Berg (2004, München).
Besprechung von Malvine
Gradinger im Münchner
Merkur, 20.12.2004:
Fressattacken
im Jammertal
Sibylle Bergs Stück über
Midlife-Krisen in der Münchner inkunst-Halle 7
Man hat das ja heute nicht mehr so im zeitgenössischen Drama - das beispielhafte Einzelschicksal, durchgehende Handlung, runde Charaktere. Heute wird postmodern zersplittert und verzappt. Sibylle Berg, bisher eher als Roman-Autorin bekannt, lässt in ihrem letzte Saison in Bochum uraufgeführten Midlife-Krisen-Stück "Schau, da geht die Sonne unter - Spaß ab 40" - ganz ohne zentrale Hauptfigur - Kassiererinnen, Barmixer, Erfolgstypen mit Rolex, Rollstuhlfahrer, Prostituierte, Feuilletonisten, Rilke, Udo Jürgens, Autos, Gummibäume und Hitler-Hündchen Blondi kreuz und quer zu Worte kommen. Eine Regie- Herausforderung - und Dirk Engler war so mutig.
Die Münchner inkunst-Halle 7 leer geräumt bis
auf die geweißelten Wände. Nur eine Stuhlreihe rundum für die Zuschauer und,
verstreut dazwischen, für die neun Darsteller - die sitzend oder auf die freie
Fläche heraustretend gleich auch alle Schleusen für die Schmerzensbäche ihres
existenziellen Jammertals öffnen. Man befindet sich also als Mitgemeinter
sozusagen in einer Selbsthilfe-Gruppe. Vielleicht ja die einzige Möglichkeit,
dieses Kaleidoskop aus (eigentlich romanhaften) monologischen
Lebenszwischenbilanzen zu inszenieren . . .
Aber in dieser spartanischen fast rein verbalen Therapie-Session - szenisch
schien der Regisseur eher blockiert - erschlägt einen die Häufung der
Allgemeinplätze und Trostlos-Klischees: von der Fressattacke, faltigem Fleisch
und künstlichem Darmausgang bis zur eingestandenen Talentlosigkeit, den tristen
Solo-Wochenenden und dem Lover, der gerade Leine gezogen hat. Mehr Theater-Pep
im zweiten, zeitgeistig-hippen Teil, in dem Sibylle Bergs Befindlichkeits-Träger
nun Whirl-Pool-Besitzer, Slim-Fast-Anhänger und Möchtegern-Modells sind. Auf
der zum Laufsteg verengten Spielfläche walken und talken sich die zehn
Darsteller jetzt mit sarkastischem Flair die gängigen Lebenszweifel, Zukunftsängste
und Dennoch-Sehnsüchte nach Liebe aus dem Leib.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 1204 LYRIKwelt © Münchner Merkur