Schatten
ohne Namen.
Roman von Ignacio
Padilla (2007, Tropen Verlag - Übertragung Frank Wegner).
Besprechung von Karsten Herrmann aus dem
titel-magazin, 52/2007:
Auf der Höhe des Ersten Weltkriegs befindet sich
Thadeus Dreyer auf dem Weg an die Ostfront und damit in den fast sicheren Tod.
Im Zug trifft er auf den Weichensteller Viktor Kretzschmar und spielt mit ihm
eine Schachpartie um dessen Identität – und gewinnt. Doch der Rollentausch,
der zunächst als ein „Versprechen auf Unsterblichkeit“ anmutet, erweist
sich als teuflischer Pakt, „mit dem das Leben eines anderen ihm Seele und Körper
vergiftete und ihn in einen Schatten verwandelte“.
Fünfzehn Jahre versieht Dreyer als Viktor Kretzschmar geflissentlich seinen
Dienst als Weichensteller, heiratet und bekommt einen Sohn. Doch dann lässt er
einen Zug entgleisen, in dem sich ein hoch dekorierter Oberstleutnant namens
Thadeus Dreyer auf dem Weg zu einem Treffen der österreichischen NSDAP
befindet. Während sein Vater im Gefängnis und später im Irrenhaus landet,
macht sich sein Sohn Franz daran, die Geschichte aufzurollen und das Alter Ego
seines Vaters öffentlich zu demaskieren. Doch bald muss er einsehen, dass er in
einem gigantischen Verwirrspiel steckt, in dem andere die Fäden ziehen:
„Jedes Ereignis meines Lebens wurde zum Teil eines Plans, den ein fremdes
Gehirn kontrolliert.“
Raffiniertes Konstrukt
Ignacio Padilla hat mit Schatten ohne Namen einen unglaublich raffiniert
konstruierten Roman vorgelegt, der aus verschiedenen Perspektiven und auf
verschiedenen Zeitebenen erzählt wird. Mit einer atmosphärisch dichten und
fast klassisch anmutenden Prosa führt er uns über Jahrzehnte hinweg von den
Schrecken des Ersten Weltkriegs bis zu den Abgründen der Nazizeit. Hier erfährt
der Leser von einem mysteriösen Doppelgängerprogramm und einem irrwitzigen
Plan, die Judenvernichtung zu stoppen, mit dem der Eichmann-Prozess in einem
neuen Licht erscheint.
Ignacio Padilla, einer der wichtigsten mexikanischen Gegenwartsautoren, hat mit Schatten
ohne Namen einen grandiosen Roman geschrieben, in dem sich psychologischer
Thrill mit Zeitgeschichte verbindet. Der Romanverlauf gleicht dabei einer
fesselnden Schachpartie mit strategischen Bauernopfern, überraschenden Rochaden
und Verwandlungen von Spielfiguren, die der Leser gespannt und atemlos verfolgt.
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