Schamanenbaum.
Gedichte von Barbara
Frischmuth (2001, Droschl).
Besprechung von Jan
Wagner aus der Frankfurter Rundschau, 14.7.2001:
Auf den Namen "Libell" hat der Grazer Droschl Verlag seine neue Buchedition getauft, was in grauer Vorzeit so viel wie "kleines Büchlein" bedeutete. Alles andere als kleinformatig, dabei äußerst liebevoll gestaltet, möchte diese Reihe zu Unrecht in Vergessenheit geratene oder bislang nicht berührend gewürdigte literarische Perlen präsentieren - klein, aber fein vom Inhalt also, durchaus bestimmt und selbstgewiss dagegen im äußeren Erscheinungsbild. Den Auftakt zu diesem Projekt macht nun ein Band mit den Gedichten Barbara Frischmuths, die bis jetzt gar nicht oder nur vereinzelt, etwa in Zeitschriften wie manuskripte, veröffentlicht wurden.
Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Erzählerin Frischmuth sich der Lyrik vor allem in jungen Jahren, ganz zu Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere und noch vor Erscheinen ihres Debütromans Die Klosterschule von 1968, widmete: Der Großteil der erstmals versammelten Gedichte entstand zwischen dem achtzehnten und dem sechsundzwanzigsten Lebensjahr der Autorin, Gedichte jüngeren Datums - wie der Text "Schamanenbaum" von 1991, der dem Band seinen Titel gibt - sind rar. Auffallend an diesen frühen Arbeiten, die in freien, zumeist sehr kurzen Zeilen gefügt sind, ist die Freude an der Sprache, am Spiel mit Neologismen und Wortkombinationen; einer Freude, die einhergeht mit einem juvenil anmutenden Vertrauen auf die Möglichkeiten und die Berechtigung sprachlichen Ausdrucks. Besonders die Liebesgedichte Frischmuths verblüffen durch ihre kaum gebrochene Hingabe an sinnliche Wendungen, durch ihre fast schon zu lyrische Bildlichkeit und die deutliche Nennung großer Gefühle wie Liebe, Melancholie und existentieller Trauer sowie den dazugehörigen Wortfeldern: "Ich tastete nach dem Abendrot / an deiner Schulter" heißt es da, und anderswo "blüht kein Traumstrauch / an deiner Schulter".
Besonders einprägsam ist bei diesen Texten die Intensität der Farbgebung, die den Eindruck ungehemmter Sinnlichkeit noch verstärkt - und dabei freilich Gefahr läuft, sich in sich selbst zu verlieren: "Irgendwo / warteten opalene Zedern / und tausend Regenbögen". Ganz anders dagegen die Gedichte, in denen sich die studierte Orientalistin Frischmuth mit dem Islam, mit der Türkei und der Stadt Istanbul auseinander setzt, die sie als "wie anderwärts / und doch / in keinem Sinne ähnlich" beschreibt. Neben den poetischen Formen bestimmter Erlebnisse und Ereignisse - beispielsweise eines Flugzeugabsturzes, der in dem erschütternden Bild "dicht zu dicht/ standen die Davongekommenen / und in den Augen / der Toten brannte es" kulminiert - ist es der Versuch, das Andersartige zu ergründen und ihm lyrisch gerecht zu werden, der hier hervorsticht.
Frischmuth schreibt dazu ein ums andere Mal aus dem Blickwinkel der kurdischen Minderheit oder bedient sich der spezifisch weiblichen Perspektive auf eine Art, die zugleich kritisch-analytisch und doch weit entfernt von jeglicher Tendenzdichtung ist. So berichtet sie in einem der stärksten, effektvoll mit Wiederholungen arbeitenden Gedicht "von Nermin der Vierzehnjährigen / verblichen / nach zweiundzwanzigtägiger Ehe/ unter ständiger Gewaltanwendung / ihres Mannes / der fünfzehn Jahre lang / schwer hatte arbeiten müssen/ um sich dieses Vergnügen / leisten zu können / wenn überhaupt".
Hier klingt ein rebellischer Ton an, der in den Versen mit christlicher Thematik ganz und gar bestimmend wird. "Man gebe uns Gerechtigkeit / nicht Auferstehung", heißt es in diesen frühesten Gedichten von 1959, in denen eine dem modernen Diesseits als Ikone verloren gegangene Maria auftaucht als das "Gefäß / ohne Lust / nur tragend / benutzt/ zur freudlosen / Irreführung der / folgenden Jahrtausende" - eine Thematik also, die bereits auf den autobiografischen Erstling Die Klosterschule verweist.
So wird Schamanenbaum zu einer engagierten und mit Sorgfalt ausgestatteten Komplettierung des Frischmuth'schen Werkes, die überdies mit einem Nachwort des Herausgebers Gerhard Melzer versehen ist.
Dessen einfühlsamer Essay zu Frischmuths Lyrik und ihren Romanen lässt vergessen, dass ein "Libell" im alten Rom auch eine Schmähschrift sein konnte. Von dieser Bedeutung des Wortes ist der Auftaktband dieser ehrenwerten neuen Reihe weit entfernt.
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