Schachtelhalme.Schriften zur Poetik und Literatur.
Werke 3 von Peter Rühmkorf (2001, Rowohlt).
Besprechung von Lutz Hagestedt in der Frankfurter Rundschau, 7.2.2002:

Einfälle und Einzelfälle
Peter Rühmkorf nahm mit seinen Schriften zur Poetik selbst in die Hand, wozu die akademische Kritik nicht in der Lage schien

Im Zweifelsfall wüsste ich nur zwei Autoren zu nennen, die für die Lyrik wie für die Lyriktheorie der Bundesrepublik gleichermaßen bedeutend gewesen sind: Karl Krolow und Peter Rühmkorf. Krolow veröffentlichte 1963 sein Buch "Aspekte zeitgenössischer Lyrik" und 1973 (erneut 1980), im Rahmen von Kindlers Literaturgeschichte der Gegenwart, seine wegweisende und bis heute nicht erreichte, 200 Seiten starke Darstellung "Die Lyrik in der Bundesrepublik seit 1945". Besonders pikant und köstlich: die Passagen, die der Literaturgeschichtler Krolow dem Lyriker Krolow widmete, schön distanziert in der Er-Form dargeboten. Peter Rühmkorf dachte seit den 50er Jahren öffentlich über "Methoden und Marotten" der zeitgenössischen Lyrik nach, schließlich mündeten seine Überlegungen - bahnbrechend - in seine Frankfurter Poetikvorlesungen zur "Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven" (1981 unter dem Titel agar agar - zaurzaurim). Mit großer Beständigkeit warf er immer neue Schlaglichter auf die Lyrikszene der Bundesrepublik, und es ist auffällig, dass er sich selber immer stärker zum Mittelpunkt seiner Betrachtungen machte, immer nachdrücklicher in der Ich-Form sprach. So auch im vorliegenden Band Schachtelhalme, in dem der Poeta doctus demonstriert, dass sich alles Wesentliche über Dichtung am Beispiel des eigenen Œuvres aufzeigen lässt.

Die Bedeutung der beiden, Rühmkorf wie Krolow, kann für die Lyrik und Lyrikkritik der Bundesrepublik nicht hoch genug eingeschätzt werden. Doch während Krolow mehr die Rolle des verbindlichen, vermittelnden Doyens einnahm, dem eigentlich nur das Nennenswerte und Verbindliche in den Blick kam, Einzelfälle also, aus der eine Literaturgeschichte der Lyrik recht eigentlich erst zu abstrahieren war, bestach Rühmkorf durch seinen scharfen Witz und seine ebenso ins Ästhetische wie ins Politische zielende Polemik, die er schon im Titel seiner Kolumne "Leslie Meiers Lyrik-Schlachthof" zum Ausdruck brachte. Rühmkorf würdigte, ähnlich wie heute Robert Gernhardt als Lyrik-Wart, auch die Niederungen der Zunft, und man muss konstatieren: Es war eine aufregende Zeit, die diese Standortbestimmungen provoziert hat.

Ist das jetzt zu historisch geraten? Das wäre schade, denn Rühmkorfs Poetik hat überhaupt nichts von ihrer Brisanz und Brillanz verloren. Sie hat ihren früh geäußerten Anspruch auf Artistik gewahrt, und dieser Kunstanspruch beim Reden über Kunst ist es wohl auch, der - neben der zweifellos herausragenden Erkenntnisqualität - diese ‚Gelegenheitsarbeiten' zeitunabhängig bedeutend macht. Und lustvoll. Und spannend, lehrreich, anschaulich, beseelt, bewandert, bildhaft, gewitzt, paradigmatisch, vorbildlich, einfach in jeder Hinsicht übertragbar und tragfähig. Diese Essays begründen eine Ästhetik des guten Handwerks, des soliden Könnens, an dem sich der geniale Funke entzündet.

Rühmkorfs großes Vorbild ist zweifellos Benn. Der andere, gleichfalls bewunderte, ist Brecht. Und es dürfte kein Zufall sein, dass die gewaltige Produktivität des 1929 in Dortmund geborenen, bei Stade aufgewachsenen, heute in Hamburg lebenden Poeta doctus anhebt, als diese beiden so gegensätzlichen, präterpropter gleichzeitig sterbenden Antagonisten nicht mehr ‚sind'. Denn man muss sich ja fragen: Warum überhaupt Theorie bei einem Lyriker, warum kritische Auseinandersetzung mit fremden Federn, weshalb eigene Verfahrenstechniken preisgeben und sich verorten im Chor der anderen? Ein auslösender Grund für Theorie ist sicher, dass etwas zu Ende geht. Mit dem Tode Benns und Brechts beginnt eine neue, zweite Nachkriegsliteratur, und um sich von den übermächtigen Schatten der Altvorderen zu lösen, muss ihr Werk rational bewältigt werden. Deshalb wohl gilt Rühmkorfs Erkenntnisinteresse vor allem den Techniken Benns, die er als "monologische Kunstauffassungen" gegen Brechts "Lehrlyrik" kontrastiert.

Ein zweiter Grund für den Metatext dürfte sein, dass die akademische Kritik und die Literaturwissenschaft die zeitgenössische Lyrik für gewöhnlich im Stich lassen. Und was sich heute beobachten lässt, war damals nicht anders - bekanntlich war Brecht viele Jahre in den skandinavischen Ländern erfolgreicher als in der Bundesrepublik und der DDR, bevor er auch bei uns mühsam und gegen den Widerstand der politischen Kaste allmählich kanonisiert werden konnte. Schon von daher braucht jemand wie Rühmkorf die akademische Konkurrenz nicht zu scheuen - sie existiert eigentlich gar nicht. Und wo sie sich doch abmüht, Interesse aufzubringen, da ist es ihm ein Leichtes, der stumpfen "Fronde" des universitären Milieus, das sich seine Fragen immer schon Jahre vor Eintreffen des "Podiumsartisten" gebildet hat, die geistige Beweglichkeit dessen vorzuführen, bei dem Theorie und Praxis Hand in Hand gehen.

"Meine Damen und Herren Studierende der Literaturwissenschaft", hebt 1978 ein "Zeit"-Artikel an, der die These vertritt, dass in den Seminaren die Kunst nicht durchdrungen, sondern vernichtet werde, und eine apokalyptische Vision spricht von den Studierenden der 70er Jahre, aus denen Ordinarien, Literaturkritiker, Lektoren und Kulturvermittler hervorgingen, vielleicht sogar Lyriker, die den kaum noch erkennbaren Austausch zwischen der Produzenten- und der Rezipientenseite endgültig zum Erliegen bringen würden.

Theorie und Metatext sind also notwendig, wo etwas abgeschlossen wird, wo etwas Neues beginnt und wo die Dignität der eigenen Muse erst noch gegen die Gralshüter der Kunst durchgesetzt werden muss. Was eigentlich Aufgabe der Wissenschaft wäre, leistet der Autor daher selbst, und die Schärfe, mit der er dabei der jeweils neuen Generation von "Rohrstockpädagogen" die Leviten liest, die Wortwahl, mit der der dezidiert politische Provokateur Rühmkorf das Proseminar als Tribunal klassifiziert ("solchen Freisleriana" wolle er keine "Herzensergießungen" mehr bieten), bezeugt die große Kränkung, die vom akademischen Muff ausgegangen sein muss.

Ein weiterer Aspekt der Rühmkorfschen Literaturtheorie wird offenbar, wenn man sich seine Individuation sowie die überindividuell spürbare kulturelle Neuorientierung der westlichen Welt nach 1945 näher ansieht. Peter Bichsel, Jahrgang 1935, hat mit einem en passant gestifteten Kanon auf den Punkt gebracht, was ich meine: "Janis Joplin, Jimmy Hendrix, Lester Young, Charlie Parker, Billie Holiday, Nicolas de Staël, Dylan Thomas, Brendan Behan, Heinrich von Kleist und weitere Hunderte mit Namen und viele Tausende ohne Namen." Zu diesem erweiterten Literaturbegriff könnte sich vermutlich auch ein Peter Rühmkorf bekennen, der in seinen Essays "heilige Namen" wie Janis Joplin, Leonard Cohen oder Bud Powell aufbietet, und wo solche Heiligen sich ins "Stimmenkonzert" mischen, da kann auch ein Dichter seine "Erdenschwere" eine "Weltsekunde" lang vergessen, da hat der universal interessierte und begabte Zeitkünstler radikal erweiterte Anschluss- und Einfallsmöglichkeiten, denn "Einfälle" bilden ja die Basis seiner Texte. Rühmkorfs hohe Beweglichkeit beweist sich hier bis heute: Er lässt sich von der poetischen Selbstüberhebung eines Alexander Nitzberg (geboren 1967) weder blenden noch vergrätzen, sondern er prüft lustorientiert und seelenvoll, was er da vor sich hat. Er scheut sich nicht, auch das Großmaul zu loben oder den "Herren Nachfolgern", sprich Epigonen der Moderne, ihren experimentellen Manierismus vorzuhalten, namentlich sind dies Ulrike Draesner, Durs Grünbein, Thomas Kling und Albert Ostermaier.

Mag man nicht jedes seiner Urteile teilen, möchte man auch nicht jeden Entstehungsmythos aus seiner Theoriegeschichte des Reims für bare Münze nehmen - indem er so schöne Angebote macht, so kluge Lesarten vorgibt, so genau und umständlich uns alles auseinanderlegt, was er für sich erkannt und beobachtet hat, bietet er uns Reibungsflächen, an denen sich zu reiben lohnt. Zu vergessen nicht der vorbildliche Anhang von Hartmut Steinecke, der die wichtigsten Zitate nachweist, zentrale Dokumente in Auszügen erschließt und das unverzichtbare Register beisteuert.

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