Scala Santa von Franzobel, 200, Zsolnay1.) - 2.)

Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt.
Roman von Franzobel (2000, Zsolnay).
Besprechung von Helmut Gollner aus Rezensionen-online *LuK*:

Eine ausgesprochen österreichische Physiognomie
Familiäre Beobachtungen zu Franzobels Roman "Scala Santa".

Es ist, als hätt der Artmann die Jelinek verführt, daß sie im Übermute den Franzobel gebiert…: seinem Großvater Herzmanovsky-Orlando wie aus dem Gesicht geschnitten, eine Quergeburt wie sein älterer Bruder Werner Schwab, nur viel unproblematischer, auch grimassierend noch dem Onkel Doderer ähnlich, hat Franzobel sogar den Urahn Nestroy im Blut; Papas Freunde aus der Wiener Gruppe gingen in der Familie wohl schon früh ein und aus, und Wahlonkel Priessnitz genoß mehr Vertrauen als mancher Verwandter.

Solche literarische Kuppelei – sie ließe sich bei Franzobel genußvoll noch ausdehnen – macht dem verspielten Germanisten Spaß, kommt aber auch daher, daß Franzobel bei uns im Dorf so vielen ähnlich schaut: eine ausgesprochen österreichische Physiognomie. Das ist hier ein Kompliment!

Österreichische Literatur weiß besonders gut, daß alles Sprache und Sprache alles ist. Die Theorie dazu hat Franzobel bei solcher Verwandtschaft natürlich im kleinen Finger. Aber Buben wie er haben ohnehin ein so gewaltiges Sprechorgan geerbt und benützen es mit so ungenierter Sprechlust, daß die Welt dagegen ganz klein ausschaut, hinter den Worten schon fast verschwunden ist. Also eigentlich gibt’s die Dinge gar nicht mehr: dasselbe, was die Theorie auf grauem Wege beweisen wollte. Franzobel ist einer unserer großen Lustredner, denen es nur mehr Natur ist (nicht Theorie), die Wirklichkeit im Sprechakt zu verbeulen bzw. nach Laune neu zu falten. Schon in »Krautflut« beschreibt er 1995 seine wirklichkeitsvertilgende Rolle: »Ein Schwall gerät in Fluß, durchtränkt Gerätschaft, Situation und alles, was noch Sitte ist. So ertränkt sich die Geschichte selbst mit sich. Das ist ein Widerspruch, den spült sie mit sich.«

Franzobels »Scala Santa« ist wie ein ultimativer Besuch im tiefsten Prater Papa Artmanns, wo die schaurigsten Seelenverstecke dem Besucher lustvoll geöffnet werden, damit dieser sich die Lust des Schauers in der Gewißheit leisten kann, außerhalb der Tore bei geschlossenen Seelen unter Seinesgleichen etwas anderes als Prater wiederfinden zu können.

Wir befinden uns in einem Kabinett monströser Puppen mit obszöner Mechanik, die in ihren Sexualgelenken ungeniert und krachend vom Zynismus ihres Autors handbewegt werden. Es gibt nur Bösartigkeit, Dummheit und Geilheit.

Dieses Personal begleiten wir auf seinen Kreuzwegen durch Vergewaltigung, Kindesmißbrauch und Mord sowie von Wien nach Rom. Die Wege führen entlang üblicher und unüblicher Triebmißbildungen oder einfach entlang dem Übermut des Autors. Am brutalsten werden die Liebe und die Kirche defloriert; beide durch die Allmacht roher Geschlechtlichkeit. Für nichts sind die Menschen unfähiger als für Menschlichkeit. Alle Figuren sind existenziell zu kurz gekommen und – wenn sie Gelegenheit erhalten, das zu äußern – gründlich illusionslos. Nur der Trieb schaut blind nach vorne, bis zur nächsten Reibung, aber Zukunft bedeutet das natürlich nicht.

Die Figuren verdanken ihre Herkunft spürbar der Sprechlust ihres Autors; ihre Anteile an »Wirklichkeit« (Psychologie, Wahrscheinlichkeit) sind ausreichend, aber nicht seriös. Solche Kreaturen nutzen den Luftraum der Sprache, brauchen kein Bein auf dem Boden (haben ja weder Bein noch Boden), schneiden, gewichtlos, ihre Fratzen, tönende Monster, harmloser als ihr Aussehen. Harmlos? Manchmal vergeht einem das Lachen. Wenn Hugo Wurznbacher zum Beispiel seine Frau tranchiert, leistet sich Franzobel eine sprachliche Intensität, daß man den Spielcharakter seiner Sprache vergißt bzw. zu hoffen beginnt, daß alles in Wirklichkeit doch nur Sprach-Spiel war. Franzobel ist nicht nur Sprachturner, sondern auch erzählmächtig und lehrt die Binsenweisheit, daß man nicht aus der Wirklichkeit kommen muß, um das Erlebnis von Wirklichkeit zu verschaffen. Außerdem sind seine Figuren nicht weiter weg von der Wirklichkeit als die Gliederpuppe vom Menschen; also ziemlich nah. Franzobel ist kein verantwortungsbewußter Menschenbildner, sondern ein anarchischer Puppenspieler, dessen Puppen dem Menschen ähnlich genug sind, um ihn bloßzustellen – freilich im Zwielicht des Praters, wo die Grenze zwischen Spaß und Ernst, Schein und Sein nicht immer auszunehmen ist.

Seine Figuren (den Menschen?) liebt Franzobel nicht. Er skelettiert sie vor den Augen des Lesers erbarmungslos auf die Nacktheit und Einfachheit vulgärer Strichmännchen. Individuum darf niemand sein. Auch sexuelle Besonderheiten ordnen sie bloß einer pathologischen Spezies zu. Was die Figuren an Fleisch bei ihrer Abstrahierung zum Strichmännchen verloren haben, kriegen sie bei Franzobel allerdings üppigst wieder als Sprachfleisch auf die Knochen; zu Ebenbildern Gottes werden sie durch diese Geschwüre allerdings nicht. Aber wer weiß, wie Gott ausschaut.

Das Bewußtsein, daß alles nur Sprache ist (Bruder Schwab: »Sprache, sonst nix«), erweitert die Erzählfreiheit um einen prinzipiellen Unernst den Dingen gegenüber. Sprache ist Sprechen bei Franzobel (Anarchie statt Systematik). Was in den Text an Autonomie des Sprechens investiert wird, kommt als verminderte Gültigkeit des Inhalts heraus. »Zustände sind das! Zustände! Gott sei Dank nicht endgültig, sondern bloß vorläufig«, kommentiert der Autor mit zwinkernder Erleichterung die Unhaltbarkeit seiner wüsten Sprechergebnisse (auch Bruder Schwab wußte ja, daß die Sprache es gar nicht so ernst meine).

Die Dinge sind Spiel-Zeug der Sprache, von Franzobel zum Spaß rekrutiert, damit das Reden stattfinden kann. Franzobels Sprechen dient nicht (nur) dazu, die Dinge lexikalisch aufzurufen und ihnen syntaktisch ihren Platz zuzuweisen, damit man sich auskennt in der Welt, sondern sie werden verschoben, verdreht, verführt, bis sie aus den unerwartetsten Winkeln hervorgrinsen. (Manchmal enthält das Grinsen der deplazierten Dinge dann auch eine verschmitzt deplazierte Weisheit: »Das Recht geht vom Volk aus, betrinkt sich und findet niemals mehr zurück.«) Schreiben ist für Franzobel weniger Orientierungsarbeit als Desorientierungslust. Auch wenn es sich die dicksten Inhalte sucht, es bleibt, was es war: im Grunde unabhängig von ihnen. Reichtum und Qualität seines Schreibens stammen aus dieser Unabhängigkeit, am Gegenstand läuft ihm bloß das Wasser im Mund zusammen.

Ich glaube, daß der subversive bis aggressive Unernst gegenüber den »ernsten Dingen«, der sich in der österreichischen Literatur immer wieder findet, nicht nur aus anarchistischen Köpfen kommt, sondern auch aus dieser Absolutsetzung der Sprache: Wer möchte schon ernstlich streiten, glauben, überzeugen, wenn es nur Worte sind, die man zur Verfügung hat? Oder anders: Österreichischer Skeptizismus äußert sich auch in der sprachphilosophischen Relativierung der Wirklichkeit; Anarchie auch formal. Was Jandl, Bauer, Schwab mit Goethes Faust gemacht haben, machte Franzobel kürzlich mit Lessings Nathan (»Nathans Dackel«): dem deutschen Weltanschauungsernst die Welt unter den Füßen wegziehen, damit man dem bodenlos gewordenen Ernst beim Zappeln zuschauen kann. Der Entzug der Standpunkte erfolgt dabei weniger durch die Opposition eines Gegensinns als durch die Subversion des Unsinns; die ist gründlicher und läßt sich in einem Sprachverständnis, für das die Entthronung der Dinge konstitutiv ist, natürlich aufs Schönste durchziehen.

Aber selbstverständlich kann man Franzobel nicht einfach als körper- und richtungsloses Plapper- bzw. Schandmaul stehenlassen. Auch ein Schreiben, das sich weigert, Wahrheiten über die Welt zu enthüllen, enthüllt Wahrheiten über den Schreibenden.

Als Hugo Wurznbacher seine Frau erschlagen und dann die Leiche in (auch psychologisch) konsequenter Weise beschimpft, mißbraucht, in kleinen Stücken in die Klomuschel faschiert, ihren bloßgelegten Schädel mit dem Fön getrocknet und mit Heizkörperfarbe bemalt hat, ruhen er und sein Autor einen Augenblick mit dem Satz: »Das also war der Stand der Dinge.« Einen Absatz später, nachdem er seine während der Prozedur gefesselten und geknebelten Kinder von Stricken und Klebebändern befreit und ihnen die herausdrängenden Schreie »mit seinem kleinen Bindeglied« in den Mund zurückgestopft hat, heißt der Satz: »Das also war der Stand des Dings. Sein Sinn.«

Die kleine Korrektur vom ersten zum zweiten Resümee: Die Verhältnisse, das sind nicht mehr »die Dinge«, sondern »das Ding«, eine ungeheuer herabsetzende, beinahe obszöne Verkürzung (der Welt?); und der »Stand« der Verhältnisse wird zu ihrem »Sinn« korrigiert, ein noch viel niederschmetternderer Befund angesichts des Geschehens. Die Korrekturen erklären den Horrorfilm zum Weltzustand.

Zieht man allen Spaß ab (am Schock, an Subversion, Konfusion und Provokation), dann bleiben immerhin 400 Seiten Negation, zumindest was Erscheinung und Beurteilung der Menschen betrifft. Alle Figuren, die ins Sinnieren kommen, entwickeln radikale Negations- und Annullierungsphilosophien. Manchmal tut der Autor mit, manchmal autorisiert er seine Figuren. Die Entwicklungsstadien der Lebewesen beschreibt er z. B. als Ausformungen der Null. »Mann und Frau. Gott? Alles Null, sogar das Paradies.« Baruch Weinzwang, Masochist und Dildo-Hersteller, ist überhaupt dafür, alles zu verbieten und die Menschheit zu dezimieren; sie merke gar nicht, wie verfehlt sie sei, »wie grundlos und überflüssig«; ganz im Sinne der Prostituierten Pepi Wurznbacher (Saltens Josefine Mutzenbacher): »Alles, was erreicht war, war ein Fehler. Sinnlos jeder, überflüssig.« Diese Sicht ist insoferne nicht nur Ergebnis von Pepis katastrophaler Sozialisierung, als der Autor ihren Sätzen außerordentliche Erkenntnisfähigkeit zubilligt. Von Seiten des Autors mag diese Grund- und Sinnlosigkeit von Welt auch ein Alibi dafür sein, ihr in der Beschreibung die Zusammenhänge zu verweigern oder zu verspotten. »Was ergibt sich schon, wenn man die Einzelheiten wieder addiert? Zerriebenes. Geruch.«

Die habituelle Abwertung der Welt, die bis zur Forderung nach ihrer Abschaffung (und in den konsequentesten Äußerungen bis zum Gedanken an Selbstabschaffung) gedeiht, hat als eine Art Universalgrant vor allem in der Wiener Literatur Familientradition, die sich von Nestroy bis Jandl hübsch nachweisen läßt. Genauso läßt sich von ihr sagen, daß sie gerade an der Negation ihre vitale und poetische Lust entwickelt; formale Affirmation aus der Verkündigung des Negativen gewinnt: zähe, genußfrohe Apokalyptiker. Franzobel hat davon einen Teil.

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Scala Santa von Franzobel, 200, Zsolnay2.)

Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt.
Roman von Franzobel (2000, Zsolnay).
Besprechung von Maria Renhardt aus Rezensionen-online *Sz*, 2/2000:

Wildwuchs, Libido und Purzelbaum

La Scala Santa in Rom. 28 nussholzvertäfelte, nur kniend erklimmbare Stiegen nahe des Lateranpalastes. Über sie soll Jesus an seinem Prozesstag einst geschritten sein. Hier erhebt der Erzähler dieser wild wachsenden Franzobel-Geschichte, eine béchamelfarbene Marmorstatue, bröckelnd die Stimme und verankert die Handlung in den Abgründen des Wiener Vorstadtlebens. Irgendwann lüpft er die ineinander geratenen Schlaufen, um das Pendel eben hier in Rom zum purzelbäumeschlagenden Finale in die Spitzen rasen zu lassen.

Die Geschichte, die Pius vor seinen Zuhörern aufzurollen beginnt, versteigt sich also bis in die dunkelsten und tiefsten Zipfel des Lebens. Ja, sie gluckst im Morast von Trieben und Lüsternheit dahin und frisst sich durch Gewalt, Missbrauch und Mord. Was dabei herauskommt, ist ein wahrhaft skurriles Epos, das mit schierer Exzessivität an die Ränder einer schamlos ausgefransten Welt stößt. Konsequent wie gnadenlos. Dabei dekonstruiert Franzobel beherzt und subtil zugleich jegliche herkömmliche Erwartung.

Die Geschichte beginnt mit einem Mord vor einem Wiener Fotogeschäft, gerade als sich Hugo Wurznbacher in das ausgestellte Bild einer Frau verliebt. Aber schon drängt das Geschehen weiter zu einer Sandkiste in der Bolzmanngasse, in der seine sechsjährige Tochter Pepi spielt. Franzobel hat sie in seinem Roman fast auf die Seite gestellt, anders als der Titel glauben macht, auch wenn sich da spontan Felix Saltens Mutzenbacher-Text ins Gedächtnis schiebt. Bereits als Kind missbraucht, hat das Mädchen ein Stück Abgrund zu verdauen. Zwar kommt es, wie es kommen muss, aber all das wird nur angetippt, kurz ein dumpfer Zukunftston.

Nach und nach schleust Franzobel seine Figuren ein. Auf ihre Existenz wird manchmal bloß ein Blick geworfen. Der Ausschnitt genügt, um eine fein zerteilte, stöhnende Wirklichkeit ins Bild zu rücken: "Ein Wust an Personen, diese Legion von Deppen, die im Tran ihrer Vorstellungen tümpeln; der reinste Trottelkongress ist das." Da taucht die fettbestückte Ludovica Hasentütl auf, deren Tochter einem brutalen Sexualverbrechen zum Opfer fällt; der Bischof - ein Päderast; der Clan der Semmelraths vom verbrecherischen Statistiker bis zu Anna, die von ihrem Mann Hugo zu Tode geprügelt und - eine Mikroskopie des Bösen! - minuziös ins WC faschiert wird. Keine einfache Geschichte also, wie Pius meint. Ganz im Gegenteil.

Der gebürtige Oberösterreicher Franzobel begnügt sich nicht mit abgekratztem Grind, sondern zippt sich tief in das Verletzbare und Fleischliche dieses Milieus hinein, imprägniert es souverän mit libidinös Verzopftem und den Sprachhülsen seiner Figuren, die aus verschiedensten Kanälen zusammenrinnen. Da wird gewerkelt, dass es nur so klirrt. Wörter zu neuen Bildern geschweißt. Dahinter steckt ein wahrhaft Franzobelsches Talent. Sprachlich raffiniert, ja geradezu brillant mäandert er sich mit überbordender Wortgewalt durch einen grotesk inszenierten Wahnsinn. Dabei lässt er gefinkelt kreuz und quer literarische Andeutungen fallen oder montiert kühn religiöse Versatzstücke in den Text. Märtyrerüberlieferungen, das Hohelied, das Eheversprechen etc. Hier bricht Franzobel vertraute Kontexte auf und befördert sie kurzerhand ins profane Leben, ausgedünnt, entsakralisiert, manchmal diametral zur Brutalität des Lebens.

Und am Schluss wären wir wieder beim Fotogeschäft. Nach einem infernalischen Rom-Intermezzo, das Aufklärung bringt. Aber jetzt wissen wir es bereits: "Die Welt selber ist ein Purzelbaum ..."

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